AKTUELL

Januar 2001
Brezhoneg 2000/2001 - zur Situation der bretonischen Sprache

"Die Rückkehr der bretonischen Sprache" titelte Erwan Chartier in der Dezemberausgabe der Zeitschrift ArMen
(N 117). Der ausführliche Artikel widmet sich der aktuellen Situation der bretonischen Sprache in Schule, Universität und im öffentlichen Leben. Im vergangenen Jahr veröffentlichten wir bereits einen kurzen Text "Bretonischunterricht 1999".
Hier nun eine deutsche Zusammenfassung der wichtigsten Fakten und Aussagen dieses Textes.


Übersichtskarte der zweisprachigen Schulen in der Bretagne. Eine Vergrößerung der Karte erhalten sie, wenn Sie auf die Karte klicken! In den vergangenen 4 Jahren haben sich die zweisprachigen Klassen nahezu verdoppelt, die Abendkurse haben sich vervielfacht und die bretonische Sprache findet mehr und mehr ihren Platz in der Öffentlichkeit. Auch nimmt die Diskussion um die Bedeutung der Sprache in der Öffentlichkeit immer mehr zu.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind in den ein- und zweisprachigen Klassen 6.554 SchülerInnen eingeschrieben, was ca. 2% aller SchülerInnen in der Bretagne ausmacht. In der Basse-Bretagne sind es sogar gut 4%. Dieser Prozentsatz weist ein regelmäßiges Ansteigen von etwa 20% jedes Jahr auf und die Prognosen im Bildungsbereich gehen davon aus, daß sich der Anteil der für Bretonisch eingeschriebenen SchülerInnen im Jahr 2005 zwischen 15 und 20% stabilisieren wird.
Darüber hinaus sind derzeit etwa 40.000 SchülerInnen, Kollegiaten und Gymnasiasten für Einführungs- oder Wahlkurse im Bretonischen eingeschrieben.

Die Sprache selber entwickelt sich dynamisch und paßt sich an aktuelle Entwicklungen an. Auch in der staädtischen Umgebeung wird sie immer mehr gesprochen. Das alte, traditionelle Bretonisch war stark mit der Begrifflichkeit der Landwirtschaft und der Natur verknüpft und wies eine Vielzahl regionaler und lokaler Mikro-Dialekte auf.
Dies verändert sich zunehmend und viele Institutionen arbeiten daran, die Sprache auf allen Ebenen des modernen, alltäglichen Lebens anwendbar zu machen.


Die Situation der DIWAN-Schulen

Seit der Schaffung der privaten Schule der "association Diwan" im Jahr 1977, hat es diese Privatinitiative geschafft, insgesamt 29 Vor- und Grundschulen, 4 Höhere Schulen und ein Gymnasium aufzubauen. In diesen Einrichtungen haben sich für das Schuljahr 2000 2.414 SchülerInnen eingeschrieben. Der Unterricht beruht auf dem Prinzip der "immersion", das heißt, die Alltagssprache in den Schulen ist Bretonisch und Französisch wird erst ab der Grundschule gesprochen.
Unsicher ist bis heute jedoch die wirtschaftliche Situation der Einrichtungen, da "unser Weiterbestehen bis heute vom Engagement der Eltern abhängt, die die Gelder auftreiben."

2000 kam es zum ersten Mal seit der Gründung von Diwan zu ernsthaften Gesprächen mit der französischen regierung, was die Anerkennung der privaten Schulen auf regionaler Ebene angeht. "Zum allerersten Mal seit dem Amtsantritt von Jack Lang gibt es nun einen echten Dialog mit dem Ministerium" bestätigt Daniel Kernaleguen, ein Sprecher von Diwan.


Die öffentlichen Schulen

Auch wenn Diwan weiterhin quais symbolisch für den Bretonischunterricht schlechthin steht, rechnet man doch damit, daß die Anzahl der für den zweisprachigen Unterricht an öffentlichen Schulen eingeschriebenen SchülerInnen in 7 bis 8 Jahren die der Diwan-Schulen überschreiten wird.

Gegenwärtig sind dort 2.289 SchülerInnen eingeschrieben und 2000 ist der bilinguale Unterricht an 7 weiteren Schulen eingerichtet worden. Das bedeutet einen zuwachs von 17, 2%.


Die privaten, katholischen Schulen

Auch die Schülerzahlen in den katholischen, zweisprachigen Klassen (seit 1990) können ein Anwachsen verzeichnen. Für das Schuljahr 2000 haben sich dort 1.851 SchülerInnen eingeschrieben. Nachdem man nun auch in Nantes und Rennes zweisprachige Klassen geschaffen hat, deckt der katholische bilinguale Unterricht mittlerweile auch das gesamte Gebiet der Bretagne ab.

Bretonisch an den Universitäten

Der Bretonisch-Unterricht an den Universitäten kann bereits auf eine lange Traditon zurückblicken.Der erste Lehrstuhl wurde 1903 in Rennes eingerichtet und die Aufwertung des Bretonischen schreitet fort: in den 80er-Jahren wurden die ersten offziellen Abschlüsse für den Bildungsbereich genehmigt.

10% der Bretonisch-Studenten findet man an der Uni von Rennes, dort liegt Bretonisch nach Englisch und Spanisch an 3.Stelle.

Die Universität in Brest, an der etwa 100 Studenten für Bretonisch eingeschrieben sind, plant derzeit in Zusammenarbeit mit Diwan die Einrichtung eines eigenen Vordiploms.

Beide Universitäten haben mittlerweile Projekte für Berufsabschlüsse im Bereich Medienarbeit in bretonischer Sprache aufgebaut, um der Entwicklung bei den bretonischen Medien (Printmedien, Rundfunk und Fernsehen) gerecht zu werden.


Bretonisch und Freizeit

Auch die Abend- und Erwachsenenbildungskurse für Bretonisch verzeichnen ein rapide wachsendes Interesse: das "Observatoire de la langue bretonne" in Rennes schätzt die Zahl derer, die sich im Zeitraum 1999/2000 für Sprachkurse eingeschrieben hatten auf etwa 6.000 Personen, die sich auf sie Angebote von 24 Orgisationen verteilen.
"...aus Interesse für die Sprache und ihre Wurzeln, man erlebt aber auch immer mehr Leute, denen es einfach Spaß macht, die der Dialog zwischen den Generationen interessiert und die sich davon eine bessere Integration in ihrer Gemeinde erwarten. Der Bretonisch-Unterricht schafft soziale Bindungen," wird E.Virot zitiert, der als Lehrer für SKED in Brest tätig ist.

Die vielen privaten Organisationen und Einrichtungen in der Erwachsenenbildung planen mittlerweile die Schaffung eines Dachverbandes. Seit drei Jahren bereits koordiniert man die Maßnahmen, mit denen Bretagne-weit für die Kurse geworben wird.

Das steigende Interesse an der Sprache ist nicht zuletzt auf die immer häufigeren Ausschreibungen für Stellen für qualifizierte Bretonischsprecher zurückzuführen. Das betrifft den schulischen Bereich, Stellen in der Kulturarbeit und die Medien. Aus diesem Grund werden nun auch langfristige Kurse angeboten, die eine fundierte Sprachkompetenz versprechen. Auch im Bereich Multimedia (CD-Rom und DVD) werden immer häufiger Sprachkurse angeboten.


Die Sprache und die soziale Realität

Viele Hoffnungen setzen die "militans linguistiques" die sich mittlerweile seit Jahrzehnten für die Anerkennung der bretonischen Sprache im öffentlichen Raum einsetzen, auf den neuen Fernsehsender TV-Breizh. Außerdem hat France 3 seinen Ausstrahlungen in bretonisch mehr Platz eingeräumt und es entstehen immer mehr Radiosender, die ausschließlich in bretonischer Sprache Programm machen, zuletzt Radio Kerne und Arvorig FM im Finistère. Daneben bestehen schon seit längerem Radio Kreiz Breizh, Radio Bro Gwened und die bretonischsprachigen Sendungen bei France-Bleue Breizh-Izel und Armorique. Auch die Printmedien gehen dazu über immer häufiger einzelne Artikel oder/und Rubriken in Bretonisch zu veröffentlichen.

Im öffentlichen Raum nimmt auch die zweisprachige Beschilderung (Hinweisschilder/Straßennamen etc.) zu. Nach den Côtes-d'Armor und dem Finistère ist nun ein Großteil der bretonischen Großstädte dazu übergegangen, die Beschilderung zweisprachig zu gestalten.

Das führt auch zu einem Anwachsen des Bedarfs an qualifizierter Übersetzung, wie beispielsweise beim 1999 gegründeten "Office de la langue bretonne" in Rennes. Dort sind mittlerweile schon 3 Vollzeitkräfte mit Übersetzungsaufträgen beschäftigt - und iegentlich bräuchten sie, nach Aussage der Präsidentin Léna Louarn, 10 Leute um die Arbeit zu bewältigen.

Weitere Beispiele: Das Museum in Rennes erstellt inzwischen alle Kataloge zweisprachig und die bretonischen Unternehmen benötigen immer öfter Übersetzungen im Bereich der Informatik.

Im Trégor bereitet die "association Al Levrig" ein großes gemeinsames Portal im Bereich Kultur und Handel vor und um der Entwicklung gerecht zu werden, wurde das Jahr 2001 zum "europäischen Jahr der Sprachen" ausgerufen. In diesem Rahmen hat das "Office de la langue bretonne" eine Reihe von Aktionen und Vorschlägen ausgearbeitet, die sich speziell an die Wirtschaft wenden.

Am Ende wird D.Kernaleguen von Diwan noch einmal zitiert: "Ich setze viele Hoffnungen in diese Jugendlichen. Mit ihrem Beispiel und mit ihrem Eifer werden sie viele Menschen in ihrem Umfeld überzeugen. Ich glaube, daß sie uns noch in Erstaunen versetzen werden."

Quelle: Erwan Chartier: "Brezhoneg, an distro - la retour de la langue bretonne" (ArMen N 117/2000, Seiten 40-47)


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