AKTUELL

Juli 2003
Die "intermittents du spectacle" und die bretonischen Sommerfestivals.

Die europaweiten sozialen Konflikte, verursacht durch Reformen der Sozialsysteme, haben nun auch die freischaffenden Künstler in Frankreich und in der Bretagne erreicht. Betroffen sind die sogenannten "intermittents du spectacle", also Musiker, Tontechniker, Beleuchter etc., die als Gelegenheitsbeschäftigte oder nur zeitweise tätig in den jeweiligen Bereichen eingestuft werden.

Bisher waren diese Tätigkeiten ab einem Stundenaufkommen von mindestens 507 Stunden in den letzten 12 Monaten für den Fall der Arbeitslosikeit versichert und für die Dauer von 12 Monaten. Nach dem Beschluß der zuständigen Behörden (MEDEF) vom 26.Juni 2003 werden sich die Bemessungs- und die Bezugsdauer ab dem kommenden 1.Oktober ändern. Nachgewiesen werden müssen ab dann 507 Stunden der entsprechenden Tätigkeit (Engagements etc.) in den letzten 10 Monaten. Die Bezugsdauer verkürzt sich auf 8 Monate. Neben diversen weiteren Punkten ist es vor allem die Verringerung der Bemessungsgrenze, welche die betroffenen Personen seit einigen Tagen zu heftigen Reaktionen treibt.

Durch diese Senkung der Bemessungsgrenze befürchten die Betroffenen eklatante Konsequenzen für das freie künstlerische Schaffen in Frankreich. Für viele Künstler, Tontechniker, etc. bedeutet diese Reform das Ende und die Gewerkschaft spricht von einer massiven Bedrohung der Kunstszene.

Um gegen die geplanten Veränderungen zu protestieren, haben die "intermittents du spectacle" und ihre Gewerkschaft CGT zum nationalen Streik aufgerufen, der mit Beginn der Sommer- und Festivalsaison vor allem die vielen französischen und bretonischen Festivals boykotiert.

Betroffen sind u.a. das "Festival de théâtre d'Avignon", "Montpellier-Danse", das "Festival International d'art lyrique d'Aic-en-Provence", deren Durchführung durch den Streik in Frage gestellt ist, ebenso wie etliche der großen Festivals in der Bretagne. In Rennes wurde bereits das Festival "Les Tombées de la Nuit" offiziell abgesagt (9. bis 13. Juli) und als nächstes ist das beliebte Festival "Les Vieilles Charrues" in Carhaix (18. bis 20. Juli) bedroht.

Die Veranstalter und etliche andere Organisationen (bspw. die UDB, Union Démocratique Bretonne) rufen die betroffenen Musiker und vor allem das technische Personal dazu auf, dieses und andere Festivals nicht durch Streikmassnahmen zu verhindern. Da die meisten der gefährdeten bretonischen Festivals mit knappen Haushalten aus Fördermitteln, Spenden und mit ehrenamtlicher Arbeit bestritten werden, hätte ein Komplettausfall im Sommer 2003 für viele Veranstaltungen wie die "Vieilles Charrues", das "Festival Interceltique de Lorient" katastrophale Folgen. Die finanziellen Verluste könnten dazu führen, dass die betroffenen Festivals von der Bildfläche verschwinden würden, da die ökonomischen Verluste nicht abgepuffert werden können.

Viele Veranstalter und Organisatoren stecken jetzt in dem Dilemma, sich einerseits solidarisch mit den Künstlern und Technikern zu fühlen, andererseits jedoch die Vernichtung traditionsreicher Veranstaltungen verhindern zu wollen. Die Regierung und die MEDEF ziehen sich mit den derzeit allseits bekannten Begründungen aus der Affaire, dass es zu diesen Reformen keine wirtschaftlichen Alternativen gäbe.

Der Konflikt droht in den nächsten Tagen zu eskalieren und bedroht viele Festivals in ihrer Existenz. Wir werden über die weitere Entwicklung der Situation berichten.

Das bretonische Internetportal an tour tan.org hat eine Online-Petition zur Unterstützung der "Intermittents du Spectacle" eingerichtet, auf der man sich direkt eintragen kann.

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