AKTUELL

Februar 2004
Jean-Michel Veillon, Lorient 2003: "Die Kultur ist in Gefahr..."
Jean-Michel Veillon
Es ist nicht das erste Mal, dass sich der bretonische Musiker Jean-Michel Veillon zu Wort meldet, wenn es um die kulturellen Aspekte der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der Bretagne und in Frankreich geht. Den nachstehenden Text veröffentliche ich an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von Jean-Michel.

Dieser Text erscheint mir im Rahmen des derzeit europaweit grassierenden Reformwahns, der zunehmend die sozialen Sicherungssystem zu zerstören droht, von großer Klarheit.



Ich begrüße Sie,

und ich möchte mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich bei dieser Diskussion in Lorient nicht persönlich teilnehmen kann. Da jedoch ein schriftlicher Beitrag möglich ist, möchte ich mich vorab bei demjenigen bedanken, der diesen Text verlesen wird.

Die Kultur in Gefahr - keine Frage. Das liegt jedoch nicht nur an der Reform des Status der Arbeitslosenversicherung für die "intermittents" (freiberufliche Musiker und Bühnentechniker), die eigentliche Bedrohung stellt die zunehmende wirtschaftliche Unterordnung der Kultur dar. Und damit wir uns richtig verstehen: es handelt sich dabei um eine maßlose und bedauernswerte Vermarktung und nicht um einen gleichwertigen Austausch mit dem wünschenswerten gegenseitigen Respekt und den entsprechenden Spielregeln. Ja, in dieser Hinsicht ist die Kultur tatsächlich bedroht, in der Bretagne wie anderswo und die Ursachen für die sinkenden Preise von Veranstaltungen, Büchern oder CDs sind sicherlich nicht durch das Zusammenwirken von Kultur und Wirtschaft verursacht.

Hinzu kommt, dass nie präzise definiert wird, um welche Art von Wirtschaft, oder besser gesagt um welches Wirtschaftssystem es sich handelt, wenn diese Begegnung von Kultur und Wirtschaft angepriesen wird. Ganz offensichtlich ist es in diesem Zusammenhang nur von Bedeutung, den Grundgedanken zu akzeptieren, dass es die Kultur ist, die von der Wirtschaft profitiert und nicht umgekehrt. Und genau damit beginnt die Unterordnung.

"Aber was soll's, die Wirtschaft ist schließlich allgegenwärtig, das ist doch ganz normal, das kann man nicht wieder rückgängig machen!" werden einige sagen. Denen, die so argumentieren geben wir die Antwort, dass das soziale System nicht abgeschafft werden darf, denn nur durch dieses System können Leid und Dramen vermieden werden.

Gegenwärtig ist es leider die Wirtschaft, die jede Besorgnis über diese Umstände im Keim erstickt und das geht so weit, dass das einzige, was noch zu zählen scheint, die Rentabilität ist. Alles muss rentabel sein: die Universitäten, die Schulen, die Krankenhäuser und die Kindergärten, die Geschichte, die Kunst, die Grünflächen und die Küsten, die Luft und das Wasser. Alles muss den größtmöglichen Profit hervorbringen. Und wie kann nun die Kultur unter diesen absurden Umständen noch eine Ausnahme darstellen ? Wie kann man da noch an das Überleben einer wie auch immer gearteten Sonderstellung der Kultur glauben ?

Wie kann man da noch darauf hoffen, dass das Schicksal der "intermittents du spectacle" von dieser Entwicklung ausgenommen sein könnte ? Philippe Val, der Leitartikelschreiber des Magazins "Charlie Hebdo" (http://membres.lycos.fr/paddy/) stellte diesbezüglich vor kurzem zu Recht fest: "dass es ungeheuerlich scheint, dass eine Regierung es zugelassen hat, dass das Schicksal der Künstler in die Hände einer Gewerkschaft übergeht (dem Arbeitgeberverband Medef), die den Handel repräsentiert"...

Angesichts dieser Bedrohung gibt es für uns kaum eine andere Möglichkeit als das Engagement, die Einmischung oder letztendlich unseren Mut. Die aktive Mitarbeit in der Gewerkschaft, mit all den lebhaften Diskussionen, mit den Strategien, den Irrtümern und den Erfolgen... das ist unbestreitbar ein Engagement, das Mut erfordert. Und das ganz besonders heutzutage, wo die Gewerkschaftler Freiwild geworden sind und die Presse bisweilen sogar zur Einschüchterung benutzt wird. Das ist absolut schändlich.

Was nun dieses Engagement angeht und um meine Argumente auf den Punkt zu bringen, möchte ich gerne die Erinnerung an die Epoche wachrufen, bevor ich selber meine ersten Schritte in diesem faszinierenden Metier als Musiker tat. Damals war ich wie viele meiner Kollegen beeinflusst vom Talent und beeindruckt vom Engagement von Künstlern wie beispielsweise Alan Stivell, Dan Ar Braz, Gilles Servat und vielen andern...

Aber schon seit vielen Jahren frustriert es mich wirklich, zu beobachten, dass einige dieser Musiker, die symbolisch für unsere Region stehen, sich mit nicht weniger wichtigen Persönlichkeiten aus dem lebensmittelerzeugenden Agrarsektor, aus der Textilindustrie oder aus dem Medienbereich öffentlich zur Schau stellen. Es macht mich mutlos zu hören, wie sie die Verdienste dieses großartigen "Zusammentreffens von Kultur und Wirtschaft" anpreisen, in den höchsten Tönen davon singen und dessen Verdienste lauthals und überschwänglich beteuern. In meinen Augen belegen sie damit nur zu deutlich die Existenz einer "monde comme si" (das ist der Titel eines Buches von Françoise Morvan, das viele dieser Themen aufzeigt), also einer Welt, die etwas virtuelles, unwirkliches an sich hat. Das ist eine Welt in der das Position des Künstlers in einem derartigen Maß offengelegt wird, dass er nichts mehr kritisiert, dass er keine Vorschläge mehr zu machen hat und dass er in keiner Weise mehr die fortschreitende und alarmierende Entwicklung der allgemeinen Habgier anprangern kann.

Also frage ich mich, ob denn unsere großartigen bretonischen Persönlichkeiten sich jemals vorstellen konnten, dass dieses so gefeierte Zusammentreffen von Kultur und Wirtschaft ganz unvermittelt die gänzlich unerwartete Form eines Zusammenpralls annehmen konnte und schließlich umgesetzt werden würde in eine so ungerechte und brutale Reform wie die, welche der Arbeitgeberverband Medef am 27. Juni 2003 mit viel Mühe ausgearbeitet hat. Ich frage mich, ob unsere vielgerühmten bretonischen Persönlichkeiten nunmehr endlich dieses Zusammenwirken erkennen können. Das ist eine Verbindung, die sie noch vor kurzem nicht sehen konnten oder wollten, eine Verbindung, welche die Brücke schlägt zwischen der Denkungsart derjenigen brillianten Bosse bretonischer Unternehmen, die sie so sehr schätzen und den anderen Firmenchefs, die - und das nicht weniger brilliant - im Rahmen der Sitzungen der Medef die Gesellschaft von morgen entwerfen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !

Jean-Michel Veillon

Weitere Texte zu diesem Thema bei www.breizh.de:

  • Jean-Michel Veillon & Produit en Bretagne

  • Jean-Michel Veillon: Interview (2001)

  • Jean-Michel Veillon lehnt den Prix "Produit en Bretagne" ab

  • Die "intermittents du spectacle" und die bretonischen Sommerfestivals

  • "Kultur ist keine Ware" - intermittents du spectacle... Kultur und Politik in Frankreich - kein Ende und keine Lösung

  • Yvon Le Men: À quoi sert un artiste

  • Yvon Le Men: Wozu Künstler