AKTUELL

August 2005

Das Festival de Cornouaille 2005 in Quimper
Das Festival de Cornouaille 2005 in Quimper

"Un festival au coeur d'une ville et d'une culture !" - Ein Festival im Herzen einer Stadt und einer Kultur. Das war das Motto der 82. Ausgabe des "Festival de Cornouaille" in Quimper.

1923 fand dieses traditionsreiche Festival zum ersten Mal statt und neben den großen Festivals in Lorient und Guingamp stellt das Festival de Cornouaille eines der wichtigsten Ereignisse im Jahresablauf der bretonischen Musik und Kultur dar.

Vom 16. - 24. Juli bot das Festival den knapp 300.000 Besuchern ein interessantes und unterhaltsames Programm, das von Konzerten, Straßenmusik, Vorträgen und Konferenzen über Wettbewerbe, Tanzkurse und andere mehr oder weniger spontane Aktionen und Veranstaltungen unter freiem Himmel für jeden etwas bot und keinen Wunsch offen ließ.

Am Abschlußwochenende des jährlich stattfindenden Festivals trafen außerdem noch eine Vielzahl von Trachten-, Folklore- und Tanzgruppen aus ganz Europa busseweise in Quimper ein, um gemeinsam die 42. Europeade zu feiern. Mehr über die 42. Europeade können Sie in einem eigenen Artikel lesen.

Angesichts eines Programms, das in einem Zeitraum von 9 Tagen mehr als 200 Veranstaltungen mit über 4.000 Mitwirkenden über die gesamte Stadt verteilt präsentiert, war es nicht zu umgehen, eine Auswahl zu treffen.

Das Eröffnungskonzert "Voix de la Terre" I "concours jeunes sonneurs" I "Bugel Koar" I Trophée Dastum: concours de chant" I La Nuit Breizh (Nolwenn Korbell!/Dan Ar Braz/Denez Prigent) I Vortrag: "L'économie et l'audiovisuel" I Offene Szene: Place Saint Corentin I Konzert: BD Swing Orchestra I Konzert: Kej présente Zig-Zag I Fest-Noz mit David Pasquet und dem Duo Ebrel & Flatrès I Konferenz zum Thema: bretonische Sprache I Konzert: Les Gargouilles


Das Eröffnungskonzert "Voix de la Terre", Pavillon de Penvillers - Sonntag, 17. Juli

'Voix de la Terre' - das offizielle Eröffnungskonzert des 'Festival de Cornouaille 2004/5' Das offizielle Auftaktkonzert 2005 war aufgrund des enormen Erfolges von 2004 eine Wiederholung des Konzertes, für dessen Arrangements und Zusammenstellung kein geringerer als Gilles Le Bigot (Skolvan) verantwortlich war.

Das Konzert "Voix de la Terre" wurde von Gilles Le Bigot im Auftrag des Festivalkomitees ins Leben gerufen. In den Jahren zuvor waren bereits ähnliche Auftragswerke von Musikern wie Dan Ar Braz ("Héritage des Celtes") oder Jean-Michel Veillon eigens für das Festival zusammengestellt worden.

Für "Voix de la Terre", ein musikalisches 'rendez-vous' von Musikern und Sängerinnen aus Schottland, Wales, Asturien und der Bretagne, mit denen Gilles Le Bigot in den vergangenen 15 Jahren zusammengespielt hat, füllte sich die Bühne im Pavillon de Penvillers dann auch mit entsprechend bekannten und hochkarätigen Musikern und Sängerinnen: Karen Matheson (Capercaillie) aus Schottland, July Murphy aus Wales, Marthe Vassallo (Bugel Koar, Loened Fall) aus der Bretagne, Patrick Boileau (Schlagzeug/Bretagne), Gilles Le Bigot (Gitarre/Bretagne), Bernard Le Dréau (Saxophone/Bretagne), Ronan Pinc (Geige/Bretagne), Donald Shaw (Akkordeon, Keyboards/Schottland), Ewen Vernal (Baß/Bretagne) und Igor Medio (Bouzouki/Asturien).

'Voix de la Terre', auch im zweiten Jahr ein großer Erfolg für die Musiker und ein großes Vergnügen für das Publikum

Auch wenn 2005 eine große Stimme fehlte, Karen Casey aus Irland, die im vergangenen Jahr das Spektrum der weiblichen Stimmen um die irische Variante erweitert hatte, stellte das Konzert eindeutig einen der großen Höhepunkte des Festivals dar. Die Verschmelzung von Liedern, Melodien und Rhythmen aus den verschiedenen Traditionen und Regionen war überzeugend und die drei großartigen Sängerinnen zeigten auf der Bühnen, dass es möglich ist, Lieder aus Wales, Schottland und der Bretagne gleichzeitig und einstimmig auf der Bühne zu präsentieren.


Das Festival im Herzen der Stadt, Ausdruck einer lebendigen Tradition
"Trophée Pierre Pulvé: couples de jeunes sonneurs"

Auf der place Saint-Corentin im Herzen der Stadt: der concours 'couples de jeunes sonneurs'

Während sich die ältere Generation der Profimusiker auf den Konzertbühnen des Festivals präsentierte und Erfolge feierte, wurde dem jungen und älteren Nachwuchs der bretonischen Musikszene bei zahlreichen Wettbewerben ('concours') immer wieder die Möglichkeit geboten, das eigene Können und die Begeisterung für die traditionelle Musik vor den aufmerksamen Augen und Ohren des Publikums darzubieten.

Ein Beispiel dafür war der 'concours: Trophée Pierre Pulvé' für 'couples de jeunes sonneurs', also für die typischte aller bretonischen Traditionsformationen: das Duo Bombarde und Dudelsack. An diesem Wettbewerb nahmen Vertreter aller Altersgruppen zwischen 5 und 25 Jahren statt und zeigten dem zahlreich anwesenden Publikum, dass man sich um den Nachwuchs in der traditionellen bretonischen Musikszene keine Sorgen machen muß.

die Auftritte der Altersgenossen wurde aufmerksam beobachtet und kommentiert

Angefeuert und bejubelt von Freunden und Familien ließen die Mädchen und Jungen, die sich für den Wettbewerb gemeldet hatten, Bombarde und Dudelsack in voller Lautstärke ertönen und wurden dabei von den gleichaltrigen Musikern, die zumeist Mitglieder eines der lokalen 'bagad', der bretonischen Pipe-Bands sind, aufmerksam und kritisch beobachtet und kommentiert.










Apéro-concert "Bugel Koar Quintet", Espace Évêché - Montag, 18. Juli Bugel Koar in großer Besetzung als Quintett

In großer Besetzung, als Quintett konnte man am Abend desselben Tages dann auf der kleinen Bühne hinter der Kathedrale von Quimper (Espace Évêché) die Gruppe Bugel Koar erleben. Bugel Koar, das sind ursprünglich Marthe Vassallo, die begnadete Sängerin aus dem Trégor und Philippe Ollivier, der nicht minder virtuose Akkordeonist, die auf mittlerweile zwei fszinieenden Alben ('Ar Solier'', 2000 und 'Nebaon...', 2004) ein einzigartiges Universum voller geheimnisvoller und spannender kleiner Geschichten entworfen haben.

Yannick Hardouin: Bass und Philippe Ollivier: diatonisches Akkordeon
Für die Konzertsaison 2005 haben Marthe und Philippe drei weitere Musiker hinzugeholt, was den Arrangements und Kompositionen nun auch live den vollen Klang der Plattenaufnahmen verleiht: Yannick Hardouin (Baß), Yannick Jory (Saxophon) und Dominique Molard (Percussion).

Die Musik von Bugel Koar ist eine gelungenene Mischung aus gesungenen und raffiniert arrangierten Anekdoten und nicht selten sehr geheimnisvollen, intimen Geschichten aus dem bretonischen Alltag. Und die Einleitungen zu den verschiedenen Liedern und Melodien durch die dramatisch geschulte Marthe Vassallo erschließt dem Zuhörer viele der - zumeist bretonisch gesungenen - Lieder der beiden Alben.

Bugel Koar wagen das Spagat zwischen Chanson, Theatralik und traditioneller bretonischer Musik. Und so ist es für ein Publikum, das in Quimper vor allem mitreissende und gewohnte Melodien und Rhythmen erwartet, nicht immer leicht, Marhe Vassallo und Dominique Molard die teilweise sehr gesellschaftskritischen Texte von Marthe Vassallo und Philippe Ollivier zu verdauen, die beispielsweise auch von den dunklen Zeiten im von den Nazis besetzten Frankreich erzählen.

Überstrahlt wird jedoch nahezu jedes Konzert dieser einzigartigen Gruppe von der begabten und intensiven Bühnenpräsenz der Sängerin, Marthe Vassallo. Marthe konnte man bereits am Vorabend als eine der drei Sängerinnen im Rahmen des Eröffnungskonzertes "Voix de la Terre" bewundern.

Angesichts der Vielfalt der Projekte, an denen sie beteiligt ist, wie auch in Anbetracht ihres musikalischen Talentes ist es nicht verwunderlich, dass sie mittlerweile zu den begehrtesten weiblichen Stimmen in der Bretagne gehört.


"Trophée Dastum: concours de chant", Cour Élie Fréron - Dienstag, 19. Juli

die Jury für den concours de chant, den Dastum Kemper veranstaltete (v.l.n.r.): Michel Colleu, Nicole Pochette, Domninig Bouchaud und Brigitte Le Corre
Viel Publikum fand sich auch zum Gesangswettbewerb ein, den Dastum Bro-Grene aus Quimper veranstaltete. Hier waren alle Generationen vertreten, von jung bis alt, und wagten teilweise zum ersten Mal den großen Schritt aufs Podium vor ein fachkundiges und interessiertes Publikum.

Die drei stimmkräftigen Herren des Kanerien Sant Rivoal mit einer Gavotte, auf die das Publikum schon bald anfing zu tanzen

Die erste Hälfte des Wettbewerbes war den 'gwerzioù' gewidmet, also den getragenen und inhaltlich orientierten Klage- und Moritatengesängen der bretonischen Tradition. Nach einer kurzen Pause fanden sich dann mehrere Duos und Trios auf der Bühne ein, um zum Tanz ('kan ha diskan') aufzusingen.
Der typisch bretonische Tanzesang, 'kan ha diskan', bei dem immer einer der Sänger oder eine der Sängerinnen den Ton angibt und deren Gesang von den anderen erwiedert wird, läßt nur selten zu, dass das Publikum still auf den Stühlen verharrt.

Maßgebliche Beurteilungskriterien sind Dynamik und Rhythmik und auch bei diesem Wettbewerb dauerte es nicht lange, bis sich die Stuhlreihen vor der Bühnen leerten und das Publikum jeden vorhandenen "Leerraum" suchte und nutzte, um auszuprobieren, wie gut sich "gavotte" und "an dro" auf die Lieder der WettbewerbskandidatInnen tanzen ließen.

Kein Wettbewerb ohne aktiv teilnehmendes Publikum in der Bretagne...Tänze sind zum Tanzen da !

Und so geriet auch dieser 'concours' wie so oft in der Bretagne vor allem zu einer Tanzveranstaltung, bei der es sich das Publikum nicht nehmen ließ, die eigenen Tanzfähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Tatsächlich besteht ja der beste Beleg für die Qualität eines Duos oder Trios, die den 'kan ha dikan' singen darin, dass sich das Publikum möglichst schnell auf die Beine macht und mittanzt. Im Gegenschluß sind die Sänger sofort disqualifiziert, die es nicht schaffen, die Leute von den Stühlen zu reissen und zum Tanzen zu animieren.






"La Nuit Breizh !" mit Nolwenn Korbell, Dan Ar Braz und Denez Prigent, Pavillon de Penvillers - Dienstag, 19. Juli

der Pavillon de Penvillers, das große Veranstaltungszentrum über den Dächern von Quimper

Zwei Themenabende wurde im Rahmen des diesjährigen Festivals de Cornouaille im 'Pavillon de Penvillers' veranstaltet: die "nuit World !" mit Chico & The Gypsies, Rokia Traoré und Yuri Buenaventura, bei der ich persönlich nicht war und am Montag die "nuit Breizh!" mit dem 'shooting star' 2003, Nolwenn Korbell, dem musikalischen Superstar aller bretonischen Kelten spätestens seit dem großen Wurf "Héritage des Celtes", Dan Ar Braz und mit einem der wenigen traditionellen Sänger aus der Bretagne, der den Sprung in die internationale Szene geschafft hat, Denez Prigent. Nolwenn Korbell, 'shooting star' des bretonischen Liedes seit dem Erscheinen ihres Debutalbums im Jahr 2003: Nolwenn Korbell bei der Pressekonferenz am Vormittag

Der Pavillon de Penvillers war mehr als gerammelt voll, als Nolwenn Korbell als die "Nuit Breizh !" eröffnete und mit der Dynamik und Energie einer Raubkatze die Bühne für sich in Anspruch nahm. Begleitet von einer ausgewählten Backgroundband, die es mit Perfektion und Raffinesse verstand, die teilweise sehr anspruchsvoll arrangierten Lieder und Melodien dieser Sängerin, die auch auf der Theaterbühne zuhause ist, in Szene zu setzen.

Nolwenn Korbell hatte im Sommer 2003 die bretonische Musikszene mit ihrer Debut-CD "N'eo ket echu" in Erstaunen und in Bewegung gesetzt.

Normalerweise tourt die zierliche Sängerin, die auf der Bühne wie ausgetauscht wirkt und ein Feuerwerk an theatralisch präsentierten Liedern und Songs präsentiert, in kleiner Besetzung, lediglich von einem Gitarristen begleitet. Nolwenn Korbell live 'sur scène'
Anlässlich dieses Großevents jedoch war es möglich, die komplette live-Band zusammenzutrommeln und so die musikalischen Arrangements des Albums von 2003 in nahezu perfekter Soundqualität auf die Bühne zu bringen.
Da die Tontechniker beim Auftaktkonzert den Sound noch eher gemäßigt eingepegelt hatten, geriet dieses Konzert der hübschen, blonden Bretonin aus Douarnenez zu einem reinen musikalischen Genuss. Wenn auch die Lieder, die Nolwenn Korbell im Laufe des eineinhalb-stündigen Konzertes vortrug, mitunter hart an der Grenze zum eher mainstream-orientierten Schlagergenre entlang maneuvrierten, so gelang es ihr doch immer wieder mit ihrer starken persönlich Ausstrahlung, den Bogen herumzureißen und ein Programm voller intensiver und mitreissend vorgetragener Lieder auf bretonisch, walisisch und französisch vorzutragen.


Dan Ar Braz, bretonisch-keltischer Superstar seit 'Héritage des Celtes'

Und dann kam er endlich, der in Quimper lebende bretonische Superstar, den das Publikum ungeduldig erwartet hatte: Dan Ar Braz. Seine musikalische Kreation "Héritage des Celtes", ein Spektakel erster Güte, das unter der Mitwirkung etlicher Musiker aus der Bretagne, Schottland und Irland das gemeinsame Lebensgefühl der Liebhaber keltischer Musik in Lieder und Melodien gefaßt hatte und auf den Bühnen in und außerhalb der Bretagne einige Jahre lang in den 90ern des vergangenen Jahrhunderts einen Erfolg nach dem anderen gefeiert hatte, hat ihm den Rang des musikalische Heros in der Bretagne eingebracht.
Dan Ar Braz, Liebling und muskalischer Heros des Publikums in Quimper Und vor allem seine "Mitbürger" aus Quimper, seiner Wahlheimat seit vielen Jahren, können scheinbar gar nicht genug von den berauschenden Melodien und Klangteppichen bekommen, die Dan Ar Braz bei seinen Auftritten erzeugt.

Dass dieser Klangteppich möglichst gut zur Wirkung kommen müsse, dachte sich wohl auch der verantwortliche Tontechniker und drehte den Volume-Regler für diesen zweiten Teil der "Nuit Breizh !" dermassen nach oben, dass das Konzert leider sehr oft drohte, im breiigen Lautstärke-Chaos des Pavillon de Penvillers abzusaufen.

Dennoch konnte man gut nachempfinden, was das bretonische Publikum an diesen großangelegten Auftritten von Dan Ar Braz so begeistert. Emotional aufgeladene Melodien und in großen Bögen angelegte Kompositionen, die von der Heimat und von der Verbundenheit mit seinen bretonisch-keltischen Wurzeln erzählen. Eine Musik, die die Rockmusik der 70er Jahre mit typisch keltischen Motiven und der Power des Rock verbindet.
Dan Ar Braz und das 'bagad de Kemper' Dan Ar Braz präsentierte ein Programm, das in der ersten Hälfte vor allem Titel aus seiner aktuellen CD "A toi et à ceux" enthielt, die zweite Hälfte dagegen wurde dann von der Musik des "Héritage des Celtes" beherrscht - und das war es, was das Publikum von ihm erwartet hatte.

Als dann zu guter letzt das 'bagad de Kemper', die lokale Pipe-Band auf die Bühne kam, um die letzten Titel zusammen mit der Band einzustimmen, gab es kein Halten und die Beisterungswogen schlugen hoch.

"Call to the Dance", das große Finale des "Héritage..." gemeinsam mit dem 'bagad' angestimmt leitete das Ende des Auftrittes ein, riß das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin und so gelang es Dan Ar Braz, seinen Musikern und dem Bagad erst nach mehreren Zugaben, die Bühne endgültig zu verlassen und für den letzten Act des Abends zu räumen, für Denez Prigent.

großer Auftritt für Denez Prigent, einen der Erneuerer des traditionellen bretonischen Gesangs

Seit seinen ersten großen Auftritten beim Festival "les tombées de la nuit" (1995) hat Denez Prigent, der coole Sänger aus dem Léon im Norden der Bretagne an seiner Karriere gebastelt und es waren vor allem seine Alben und Konzerte, die den traditionellen bretonischen Gesang des 'kan ha diskan' und der 'gwerzioù' mit modernen elektronischen Samples, Rockmusikern und Sängerinnen wie Lisa Gerrard (Dead Can Dance) vermischt haben, die ihm zu seinem Erfolg verholfen haben.
Denez Prigent, cooler Superstar des 'kan ha diskan'
An diesem Abend jedoch in Quimper, im Rahmen der "Nuit Breizh !" hatte sich Denez Prigent wider allen Erwartens mit einer Band traditionell orientierter Musiker umgeben (Soïg Sibéril, Alain Pennec, Ronan Pinc,...). Keine elektronischen Spielerein, keine Samples vom PC, sondern handfeste bretonische Musik in feinen Arrangements, gespielt von einer Begleitband, die ihr Handwerk versteht.

Das Konzert bot somit wenig neues und kaum die Innovationen, die man eigentlich von Denez Prigent erwartet. Der Auftritt geriet also zu einem soliden Abend mit traditionellen Liedern, die das Publikum nichts desto weniger begeisterten. Erstaunlich nach all den Jahren ist es für mich immer wieder zu sehen, wie statisch der "Superstar" der 'kan ha diskan'-Szene fast das gesamte Konzert hinter seinem Mikrophon verharrt, das er kaum einmal losläßt.
So richtig Stimmung kommt dann schließlich auf, als Louise Ebrel, die Tochter von Eugénie Goadeg (einer der berühmten, verstorbenen Soeurs Goadec) zu ihm auf die Bühne trat und mit ihm gemeinsam im Gedenken an die soeurs Goadec den Titel "E Garnison" anstimmte.

Danach war die Begeisterung des Publikum nicht mehr zu bremsen und Denez Prigent konnte die Bühne erst gegen 0.30 Uhr nach seiner 4. oder 5. Zugabe verlassen.


Université d'été: "L'économie et l'audiovisuel: secteur d'avenir en Bretagne ?"
Amphithéâtre du Likès - Mittwoch, 20. Juli

Bereits in aller früh am Morgen - und das ist nach den langen fest-noz-Nächten auf bretonischen Festivals nicht immer die einfachste Übung - habe ich mich dann am Mittwoch auf den Weg gemacht zu einem der Vorträge im Rahmen der "Université d'été", der Sommeruniversität, die jeden Tag vor- und nachmittags stattfanden.

Dieser Vortrag interessierte mich besonders. Zum einen, weil es unter anderem zwei gute Freunde und Geschäftspartner waren, denen ich bei diesem Anlass begegnen sollte. Zum anderen, weil das Thema für die gemeinsamen Musikprojekte, die ich seit Jahresbeginn mit diversen Partnern in der Bretagne in Angriff nehme, von großer Bedeutung ist: "Die audiovisuelle Produktion in der Bretagne und die Wirtschaft: ein zukunftsträchtiger Bereich ?".
(v.l.n.r.) Gwenaël Henry, Pascal Lamour und Samuel Julien
Das ist eine Frage, die wir bei unseren gemeinsamen Gesprächen immer wieder intensiv diskutieren und so war es zwingend, an dieser Konferenz und an der anschließenden Diskussion teilzunehmen. Die drei Vertreter von bretonischen Labels bzw. Produktionsfirmen Gwenaë Henry (An Naer Produksion), Pascal Lamour (BNC Productions) und Samuel Julien (Dizale, breton. Filmsynchronisation) stellten im Zuge ihrer Vorträge und Erläuterungen vor allem fest, dass in der Region Bretagne zwar das künstlerische und kreative Potential vorhanden ist, die eigene Kultur, Sprache, Musik und Tradition darzustellen. Auf der anderen Seite mangelt es ihrer Meinung nach jedoch immer wieder an der Unterstüzung, am politischen Willen seitens der politischen und wirtschaftlichen Strukturen sowie an der positiven Vision der Bevölkerung in der Bretagne selber, die eigene Kultur als Kultur der Zukunft zu sehen und umzusetzen.

Fazit: wir arbeiten daran und wir werden nicht locker lassen, aber der Weg ist schwer und steinig.


Offene Szene: Place Saint Corentin - Mittwoch, 20. Juli

Bretonische Tänze auf der place Saint-Corentin im Zentrum von Quimper
Und während man am Nachmittag im Schatten der Kathedrale im "Espace restauration" zu günstigen Preisen regionale Erzeugnisse verzehren konnte (mein persönlicher Favorit waren meistens die Varianten der 'moules frites'), dazu Beamish vom Fass trinken und gleichzeitig den unermüdlichen Tänzern auf dem Platz vor der fest-noz-Bühne zuschauen konnte, strömten zum Abend hin immer mehr Festivalgäste ins Zentrum von Quimper, die sich dort mit den Touristen aus aller Herren Länder vermischten.

Am Abend ist dann an dieser Stelle kaum mehr ein Durchkommen, wenn hier gegen 22.30 Uhr das tägliche fest-noz beginnt und zum Tanz aufgespielt wird.

der 'espace restauration' - immer ein guter Tip: die 'moules frites'
Für das leibliche Wohl der Festivalbesucher ist gut gesorgt und auch wenn die täglichen Wege mitunter ziemlich weit sind, die man zwischen den einzelnen Veranstaltungsorten zurücklegen muß, man trifft sich regelmäßig auf der place Saint Corentin wieder, um dort ein Beamish pression brune zusammen zu trinken und dabei die neuesten Erlebnisse und Tips auszutauschen.

Und je näher der Beginn der 42. Europeade (Samstag ist die Eröffnungsfeier) rückt, desto mehr füllt sich das Stadtzentrum mit Trachten-, Musik- und Volkstanzgruppen aus ganz Europa, die man oftmals schon an der Tracht, an der Musik, den Fahnen und Wimpeln oder auch an den Sprachfetzen, die der Wind davonträgt, identifizieren kann: sie kommen aus Spanien, aus Tschechien, aus Deutschland, Österreich und Italien...


Apéro-concert: BD Swing Orchestra, Espace Évêché - Mittwoch, 20. Juli

Das BD Swing Orchestra en concert que c'est ! - auf geht's und keiner bleibt sitzen

Der Abend war dann wieder voller musikalischer Leckerbissen und es war kaum möglich, sich zu entscheiden. Den Auftakt machte das dynamisch-junge BD Swing Orchestra aus Lannion im Trégor im Norden der Bretagne - ein Abräumer. 15 junge, begeisterte Musiker, die nur teilweise Profis sind, aber sich im Lauf der vergangenen Jahre ein Konzept und ein Programm erarbeitet haben, das seinesgleichen sucht.
Die Brüder Julien und François Cornic geben immer wieder ihr bestes, mit viel Humor und Freude an der Musik
Der Name ist Programm: bretonische Melodien und Rhythmen in ein swingendes Big-Band-Paket verpackt, mit viel Humor und einer mitreißenden Bühnenshow. Vor allem die beiden Brüder Julien und François Cornic sind es immer wieder, die mit ihren burlesken Einlagen das Publikum begeistern. Deutlich spürbar ist das Vergnügen, das alle auf der Bühne am gemeinsamen Musizieren und an dem Auftritt vor einem begeisterten Publikum haben.

Das Ergebnis wie gewohnt: das Publikum fängt an, vor der Bühne zu tanzen, neben der Bühne und auf dem gesamten Konzertgelände im wunderschönen Ambiente des Hinterhofs der beeindruckenden Kathedrale. Das BD Swing Orchestra entstand ursprünglich aus einer kleinen Gruppe von jugendlichen Straßenmusikern, die in Lannion im Auftrag der Ladenbesitzer der Altstadt die Fußgängerzone animierten.
Eine Band kurz vor der professionellen Karriere, ursprünglich ein Straßenmusikprojekt: das BD Swing Orchestra
Schon bald begannen die jungen Musiker sich ernsthafter mit ihrem Tun auseinanderzusetzen, man entwickelte das Konzept der bretonischen Big Band und so findet das BD Swing Orchestra spätestens seit dem Erscheinen ihres ersten Albums "en concert que c'est" immer mehr begeisterte Anhänger.

Wer einmal hören möchte, wie die Zukunft der bretonischen Tanzmusik unter anderem aussehen und sich anhören könnte, der sollte sich unbedingt die CD dieser liebenswerten Combo besorgen !






Konzert: Kej présente Zig-Zag, Espace Évêché - Mittwoch, 20. Juli

Kej auf Abwegen in Richtung Brasilien: Weltmusik made in Breizh. Jean-Luc Thomas an der hölzernen Querflöte

Ganz anders dann der folgende Auftritt des neuen musikalischen Konzeptes der Gruppe Kej aus dem Trégor. Ursprünlich hatten die drei Musiker (Jean.Luc Thomas: hölzerne Querflöte, Pierrick Tardivel: Kontrabaß) und Philippe Gloaguen (Gitarre) mit ihrem musikalischen Ansatz ganz neue, jazzlastige Töne in die bretonische Musik eingebracht.
Schon bald zog es die drei Musiker, die es lieben, die Welt zu bereisen und sich allerorts auf die Suche nach musikalischen Ideen und Kooperationspartnern zu machen, nach Afrika (Mali) und nach Brasilien.

Ihr erstes Album Kej (2001, An Naer Produksion) diente musikalisch nur als Ausgangspunkt für ein völlig offenes Projekt künstlerischer Begegnungen mit Musikern aus aller Welt.

Und so präsentierten Kej nun auch in Quimper ihr aktuellstes Projekt "Zig-Zag", in dem sie gemeinsam mit Musikern aus São Paulo/Brasilien Melodien und Rhythmen aus der Bretagne und aus Brasilien miteinander verbinden.

Dass dabei auch die brasilianischen Kollegen ein stark jazzlastiges Konzept miteinbringen, macht das Ergebnis, das teilweise direkt auf der Bühne als Improvisation entsteht, nicht weniger interessant. Das klingt mitunter wie bretonische Tänze, die im Dschungel des Amazonas gespielt und getanzt werden.


Fest-noz: die David Pasquet Group und das Duo Ebrel/Flatrès - Mittwoch, 20. Juli

Die David Pasquet Group: est-noz goes Rock'n Roll

Erinnert sich noch jemand an die legendären Rebellen des fest-noz der 90er Jahre ? "Ar Re Yaouank" ! Diese Gruppe brachte damals regelmäßig die Tanzhallen in der Bretagne zum Überkochen. Ob beim 'fest-noz vraz' im Rahmen des Festival Interceltique in Lorient, wo ich sie zum ersten Mal anno 1996 erlebte oder bei einem fest-noz auf dem Land... "Ar Re Yaouank" stand als Garantie für eine ganz neue Art dynamischer und starker Tanzmusik, welche die Tradition revolutionierte.
Rock'n-Fest-Noz: 'est-ce que vous êtes prêts pour l'an dro ?'
Nachdem sich die Gruppe 1997 auflöste und die beiden Gründungbrüder, die frères Jean-Charles und Fred Guichen ihre eigenen Wege gingen, tauchte David Pasquet nur noch als Begleitmusiker von Denez Prigent öffentlich auf. Dann konnte man ihn immer häufiger mit einer eigenen Gruppe bei diversen festoù-noz erleben und die Auftritte liessen bereits erahnen, dass er es sein würde, der die rebellische Tradition des Rock'n-Fest-Noz weiterpflegen würde.

Jetzt ist die erste CD der David Pasquet Group erschienen: "Breudeur ar stered" und der Erfolg ist groß. Diesen Sommer vergeht kaum ein Festival, kaum ein wichtiges fest-noz, ohne dass die David Pasquet Group den Tänzern gehörig einheizt.

Louise Ebrel & Ifig Flatrès, fest-noz at its best !Und danach gings dann 'back to the roots' - und das heizte den Tänzern nicht weniger ein: das 'kan ha diskan'-Duo Louise Ebrel (die bereits beim Konzert von Denez Prigent einen großen Auftritt hatte) und Ifig Flatrès gaben um Mitternacht ihr bestes und ließen die place Saint Corentin unter den Füßen der Tänzer erbeben, die den Platz bis auf den letzten Quadratmillimeter beanspruchten.

Es stellt für mich immer wieder ein großartiges und bewegendes Erlebnis dar, mitzuerleben, wie hunderte von begeisterten Tänzern nur zum Gesang eines solchen Gesangsduos mitten in der Nacht bis zum Umfallen die typischen Kreis- und Kettentänze tanzen. Hier tanzen jung und alt miteinander, es gibt keine trenndenden Grenzen mehr, nur noch die kollektive Begeisterung für das gemeinsame Tanzen. Heutzutage nennt man das auch "la transe bretonne" !


Université d'été: "Cultures et langues régionales dans la construction européenne: une nouvelle donne ?"
Amphithéâtre du Likès - Freitag, 22. Juli

Die Debatte am runden Tisch zum Thema 'Die Politik der Regionalsprachen in Europa': Philip Blair und Kristian Guyonvarc'h Eine weitere interessante Debatte im Rahmen der Sommeruniversität fand am Freitag, meinem letzten Tag in Quimper statt: eine Diskussionrunde mit politischen Akteuren aus allen Bereichen (u.a. Vertretern des 'conseil régional', des bretonischen Regionalrates und Europaabgeordneten, die sich für den Schutz der Regionalsprachen in Europa und vor allem in Frankreich einsetzen), die ein zentrales Thema der bretonischen Politik diskutierte: "Regionalkulturen und -sprachen und die Konstruktion Europas: neue Ansatzpunkte."

Unter der kompetenten Leitung von Yann Rivallain (Journalist, ArMen) erläuterte eine illustre Runde von politischen Vertretern aus den unterschiedlichsten Ebenen und Strukturen in Frankreich und Europa die aktuelle Situation der bretonischen und der anderen Regionalsprachen in Frankreich im Rahmen der gegenwärtigen Europapolitik .


Apéro-concert: Les Gargouilles, espace Évêché - Freitag, 22. Juli

les Gargouilles live 'sur scène': ein ganz besonderes Erlebnis

Danach machte ich mich dann auf den Weg zu meinem letzten Konzert bei diesem Festival: die Gargouilles aus Nantes gaben sich die Ehre. Für mich persönlich ein Leckerbissen, da ich die beiden Alben dieser Gruppe ("Sur le bord du côté" (2000) und Villaine (2004) seit langem ganz besonders schätze, aber noch nie die Gelegenheit hatte, eines der berüchtigten Konzerte mitzuerleben ("Ah, les Gargouilles sur scène, ca chauffe !").

Jetzt war es endlich soweit, und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht. Diese Gruppe von liebenswerten, jungen und ein klein wenig ausgeflippten Musikern aus Nantes ist äußerst originell und bietet eine Bühnenshow, die altbekanntes bretonisches und Eigenkompositionen mit viel Witz in Präsentation und musikalischer Darbietung auf die Bretter bringt. Tanz mit den Gargouilles

Und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich auch bei diesem Konzert schon bald die üblichen Kreise und Ketten von TänzerInnen bildeten, um die Füße und die Arme zum unwiderstehlichen Rhythmus dieser 5 Jungs aus Nantes zu schwingen.

Mir fiel der Abschied nach 6 Tagen auf diesem Festival, das unter den großen bretonischen Events mit Sicherheit eines der liebens- und erlebenswertesten ist, nicht leicht und ich werde möglichst bald wieder nach Quimper zurückkehren. Allen die einmal einen angenehmen Urlaub mit viel guter und interessanter Musik verbinden wollen, all das in dem malerischem Ambiente einer äußerst freundlichen Stadt, denen möchte ich hiermit das "Festival de Cornouaille" wärmstens empfehlen - sei es nur für einen Tag oder auch für die gesamte Festivaldauer.

Die Eindrücke und Erlebnisse, die man von dort mit nach Hause nimmt, sind einzigartige und nachhaltig !

Bericht und Photos: W. Rodrian (2005)