AKTUELL

September 2005

Die "affaire LE LAY"
'Qui est Patrick Le Lay ?' titelt die aktuelle N 2 des Magazins BRETONS

"In Frankreich bin ich ein Fremder..." und "Frankreich ist verantwortlich für den kulturellen Genozid der bretonischen Sprache..."

Mit diesen und anderen deutlichen Worten hat sich der geschäftsführende Präsident des französischen FernsehsendersTF1 und Gründer des bretonischen Satellitenfernsehsenders TV Breizh erneut in die Sommerloch-Schlagzeilen der Nation gebracht.

Die zweite Ausgabe des neuen Hochglanzmagazins BRETONS titelt mit einem großformatigen Photo dieses umstrittenen Verfechters der bretonischen Autonomiepolitik und der Schlagzeile "Qui est Patrick Le Lay ?".

Und genau auf diese Frage spitzt sich nun auch die Diskussion zu, die in der Region durch die Veröffentlichung der plakativen Äußerungen des Fernsehmanagers entfacht wurde, der wahrscheinlich mit zu den wohlhabendsten Unternehmern Frankreichs zählen dürfte.

Wie ernst ist es Le Lay mit seinen kritischen Äußerungen zur Regionalpolitik der Zentralregierung in Paris die er als nationalistische Machtzentrale in der Jacobinertradition der französischen Revolution anprangert.

Le Lay: Märtyrer oder heldenhafter Kämpfer für die bretonische Sache ?

TV BREIZH, das private Satellitenfernsehen, 2000 von Le Lay u.a. mit Kapital von S.Berlusconis Médiaset gegründet - zunehmend inhaltsentleerte Hülle des ersten bretonischen Fernsehen, auf das sich viele Hoffnungen gründeten. Die website ist dezeit nicht verfügbar Benützt Le Lay lediglich die Gelegenheit, um sich als Held und Aktivist der bretonischen Autonomiebewegung darzustellen, um sich als Opfer der Pariser Machtinteressen zu präsentieren und sich dafür zu revanchieren, dass man ihn zum wiederholten Male bei der Verteilung der verfügbaren terrestrischen Frequenzen für das von ihm gegründete private Satellitenfernsehen TV BEIZH übergangen hat ? Oder steckt hinter den wohlplatzierten Äußerungen eine mysteriöse Strategie, um die verschiednen, vor allem links orientierten Parteien und Bewegungen, die mehr Autonomie für die Bretagne fordern, zu diffamieren ?

Es dauerte kaum einen Tag, da bewegte dieses scheinbar revolutionär-rebellische Interview sowohl die französische wie auch die bretonische Öffentlichkeit. Den Anfang machte noch am 1. September ein Artikel in LE MONDE (Patrick Le Lay accuse la France de "génocide culturel de la langue bretonne"), der sich mit viel Genuß vor allem auf die Aussagen Le Lays konzentrierte, mit welchen er die Bretonen als "Nullen" bezeichnete, "die nicht in der Lage seien, ihre Probleme selber anzupacken und zu lösen".

Während einige seiner Aussagen in der Bretagne inhaltlich durchaus mit Zustimmung aufgenommen wurden, ist man quer durch alle politischen und kulturellen Strömungen doch skeptisch bis mißtrauisch, welches denn nun die wahren Gründe für dieses lautstarke Outing des obersten und erfolgreichen Managers des französischen Senders TF1 sind, wenn er scheinbar von Menschlichkeit angetrieben erzählt, wie sein Vater eine jüdische Freundin vor den Nazischergen rettete und er nun gleichermaßen für die unparteiische Behandlung verirrter junger bretonischer Kämpfer eintritt, die wegen Sprengstoffdiebstahls vor Gericht stehen und zu bretonischen Freiheitskämpfern hochstilisiert wurden ?

Wie glaubhaft sind die Äußerungen des Fernsehmagnaten Le Lay wirklich?

Je mehr Stimmen laut und Anekdoten laut werden, die Le Lay vor allem als geschickten und strategisch handelnden Manager zu entlarven versuchen, desto mehr geraten seine Äußerungen ins Zweifel.
Patrick Le Lay, Geschäftsführender Präsident von TF1 und ob seiner jüngsten Interviewäußerungen umstrittener Vertreter der bretonischen Autonomiepolitik Le Lay, der sich angeblich "in Frankreich/Paris als Fremder fühlt" lebt dort seit 40 Jahren erfolgreich mit der von ihm diffamierten Pariser Machtelite und Schickeria ("le sérail" ... "du monde des dirigeants...") auf freundschaftlichem Fuß zusammen, was seine angeblichen emotionalen Probleme nicht gerade glaubhafter macht.

"(...) Quand vous n'avez pas été élevé et nourri dans le sérail, vous vous intégrez plus ou moins bien. (...) Il y a le fait que je ne suis pas jacobin, voilà. C'est un crime dans ce pays que de ne pas être jacobin."

In den öffentlichen Stellungnahmen zu seinem Interview in der Septemberausgabe von BRETONS mehren sich nun Vorwürfe, er diene der bretonischen Sache in keiner Weise mit seinen plakativen Verurteilungen und Klischees. Auch im Detail werden seine Aussagen nun mehr und mehr zu Aufhängern für die kritische Auseinandersetzung mit seiner Person.

Warum läßt sich ein leidenschaftlicher Bretone, der sich in Paris so fremd fühlt, nie bei der großen bretonischen Gemeinde der französischen Haupstadt und ihren Veranstaltungen sehen, sondern zieht die Gemeinschaft der von ihm verurtelten "Schickeria" vor ? Und warum hat der leidenschaftliche Vorkämpfer der bretonischen Sprache zugelassen, dass sein Sender TV BREIZH aus wirtschaftlichen Gründen mittlerweile fast sämtliche Sendungen und Inhalte zum Thema bretonische Kultur zugunsten bretonisch synchronisierter Serien aus den USA aus dem Programm gestrichen hat ?

Viele Fragen, die mittlerweile dazu geführt haben, dass allerorts über die "affaire Le Lay" diskutiert wird und auch darüber, inwiefern die Aussagen des Fernsehmagnaten, der seinen Sender TV BREIZH am 1. September 2000 (also auf den Tag genau vor 5 Jahren ! Zufall oder Strategie ?) unter anderem mit einem 13%-tigen Kapitalanteil der Mediengesellschaft Médiaset von Silvio Berlusconi gründete, die politischen Intentionen der bretonischen Autonomiebewegung wieder einmal in den Augen der nationalen französischen Presse diffamiert und viele Vorurteile über die Bretagne und die Bretonen scheinbar bestätigt ?

Hatte schon die Gründung von TV BREIZH damals zu heftigen Kontroversen in der politischen und kulturellen Szene geführt, die durch die Struktur- und wirtschaftspolitische Führung des Senders nicht gerade entschärft wurden, so scheint Le Lay mit seinen aktuellen Außerungen erneut Benzin in die Flammen zu gießen. Absicht oder Naivität ...

Willi Rodrian