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November 2005

das 7. Cyber Fest Noz in Quimper am 5. November 2005 - das größte fest-noz der Welt !

Die internationale bretonische web-fête glich in diesem Jahr zu Beginn eher einer große Faschingsparty als einem fest-noz - oder ist das einfach nur der Trend der Zeit. Asterix und Obelix, die Gruppe Zikko, das Bagad de Brieg und bunte Perücken und viel Klamauck...

beim 7.Cyber Fest Noz in Quimper war der Pavillon de Penvilers voll bis auf den letzten qm...Die Musik war gut, war sogar sehr gut. Da hat es gerockt und gefunkt und der Band-Ableger des Bagad de Brieg, die Band Zikko hat den großen Saal Pavillon de Penvilers über den Dächern von Quimper zum Toben gebracht. Die Live-Übertragungsqualität ist mittlerweile ausgereift und man erhält via Live-Stream (mit DSL-Anschluß) ruckelfreie Bilder und ausgezeichnete Stereo-Töne auf den heimischen PC geliefert.

Ein Kompliment an dieser Stelle an die Verantwortlichen von An Tour Tan und an die hervorragende Technik, die in der Tat ein Spektakel ermöglicht, dass es auf bislang einzigartige Weise möglich macht, bretonische Musik live mitzuerleben, egal, von wo man sich per Internet zuschaltet.

Zikko, dynamischer Ableger des Bagad Brieg, die Piraten in Quimper...
Als ich mich gegen 20.30 Uhr hinzugeschaltet habe, war Zikko bereits in großer Fahrt, hatte volle Segel gesetzt und als sich nach ca. einer 3/4 Stunde dann der Rest des Bagad Brieg auch noch auf der Bühne einfand, da gab es kein Halten mehr.

Das Bagad Brieg ist seit Jahren für seine sehr moderne, avantgardistische Auslegung der bretonischen Musik bekannt und die letzte CD des Bagad Brieg "Karamba" (2005) zeigt erneut, welches enorme Energiepotential in der ehemals sehr steifen und klassischen Bagad-Musik liegt.

Noch vor wenigen Jahren hielten sich die bagadoù bei ihren Auftritten an strenge Arrangementregeln und als sich die ersten jazzigen Töne Ende der 90er-Jahre in einige Arrangements einschlichen, da sorgte das für heftige Diskussionen. Diese Zeiten sind vorbei und ungeachtet aller großstädtischen Unruhen, die vom fernen Paris in eben dieser Nacht bereits auf die bretonischen Großstädte Nantes und Rennes übergriffen, feierten die Bretonen online gemeinsam mit Millionen Zuschauern rund um die Welt ihr 7. Cyber Fest Noz.

live Schaltung per Internet zum 'maison de la Bretagne' in Poznan/Polen...Nach dieser Auftaktparty ging es dann weiter mit Live-Schaltungen zum "Maison de la Bretagne" in Polen / Poznan, von wo aus Tomek Kowalzcyk Grüsse, Live-Bilder und Musik nach Quimper schickte.

Polnische Musik und ein Hanter-Dro kamen verhalten durch's Internet auf den Bildschirm und auch die zeitversetzten Exilbretonen aus La Réunion, bei denen es bereits 01.00 Uhr nachts war, zeigten, dass sie das 7. Cyber Fest Noz lebhaft mitfeierten.

Louise Ebrel, die Tochter der vor 2 Jahren verstorbenen letzten der Soeurs Goadeg, brachte a capella den fernen Teilnehmern in Übersee ein Ständchen und sang ein "gwerz".
... und nach La Réunion mit einem Ständchen von Louise Ebrel
Das Bagad de Beuzeg, das danach das eigentliche fest-noz eröffnete, brachte dann schon eher die gewohnten traditionellen Töne zum Tanzen und auch das Publikum, das zahlreich die große Messehalle von Quimper füllte, brachten sie in rauhen Mengen zum Tanzen. Zu hören und zu sehen war in diesem Jahr die gesamte Bandbreite der gegenwärtigen bretonischen Musikszene, denn nach den klassisch-bretonischen Bagadarrangements aus Beuzeg betraten die legendären Ours du Scorff die Bühne.

Witz, Charme und 'bärige' Spielfreude: die Ours du Scorff "...ça va changer un peu la scène, plus variété..." begrüßte Lors Jouin, der charismatische Sänger der Gruppe da Publikum von der zweien Bühne aus.
Mit einer "rond de Saint-Vincent" eröffnete die illustre Formation den Tanzreigen. Fañch Landreau (Geige), Lors Jouin (Gesang), Gigi Bourdin (Gesang), Soïg Sibéril (Gitarre) und Jacques-Yves Réhault (Banjo) begannen ehemals mit Kinderliedern, die sie in recht eigenwilligen Interpretationen darbieten und sie verstehen es, das Publikum mit ihrer originellen und charmanten Art in ihren Bann zu ziehen.

So hatten sie in ihrem Repertoire beispielsweise auch einen 'rock tredudan': "quand je roule avec mon papa dans sa voiture" und sie kündigten schon mal das Erscheinen einer neuen CD im Dezember bei Keltia Musique an. Zum Schluß gab es einen "danse qui se danse comme on veut - un polka"...
Besonders die immense Dynamik des Sängers Lors Jouin, unvergleichliche Körpersprache und ein unübersehbarer Spaß am Singen und an der eigenen Bühnenpräsenz machen Auftritte der Ours du Scorff immer wieder zum Erlebnis.

die dunkelsten traditionellen Musiker von Quimper: Martin & Josset
Wieder ein Bühnenwechsel und die Reihe war an Martin & Josset, einem der auffälligsten 'couple de sonneurs'.
Die beiden farbigen Musiker aus Quimper, die ich zuletzt im Sommer beim Festival de Cornouaille live erleben konnte bieten doch immer wieder ein erstaunliches Bild in der traditionellen Szene - und sind der äußerst lebendige Beleg für die Integrationsfähigkeit und die Liberalität der bretonischen Gesellschaft.

Zumindest beim Cyber Fest Noz in Quimper scheint es derzeit keine Rassen- oder Klassenprobleme zu geben !

 

Star der Jugend mit einer satten 'attitude rock': David PasquetUnd dann kam mit David Pasquet der bretonische Musiker auf die Bühne, der heutzutage für modernen fest-noz-Sound steht und der das Ganze mit einer gehörigen "attitude rock" würzt.

Als ehemaliges Mitglied der jungen Wilden der 90er-Jahre, der Gruppe Ar Re Yaouank und als ehemaliger sonneur (bombarde-Spieler) des bretonischen Starsängers Denez Prigent, spielt David Pasquet seit diesem Jahr nur noch mit seiner eigenen Gruppe.

Mit von der Partie sind: Patrice Marzin (Gitarre), Yvon Molard (Schlagzeug), Mikaël Kozan (Pipes), Stephane Devito (Bass) und natürlich der neue Held der jungen bretonischen Szene und der Schwarm der jungen Mädchen himself: David Pasquet an der Bombarde.

in voller Fahrt: die David Pasquet Group...
Nach einem furiosen Feuerwerk fetzig vorgetragener Tänze, die man zum Großteil auf dem Debutalbum der Gruppe (wenn auch etwas verhaltener) wiederfinden kann, spielten sie zum Schluß auch noch einen Kulttitel und ehemals großen Hit von Ar Re Yaouank: M.A.L.

Und wie David Pasquet immer so schön in sein kleines Bombarde-Mikrophon flüstert: "ca chauffe dans la salle ?!" - Das Publikum war gut bei der Sache und man konnte die im Saal versammelten Massen beim Tanzen förmlich schwitzen sehen.
in der Tat dürfte die David Pasquet Group zur Zeit der heißeste bretonische Bühnenact sein... und spielte somit auch am längsten. Als Zugabe gab's dann den Titelsong des Debutalbums "sterennoù", die Sterne...

der Überraschungsgast des Abends: Melaine FavennecÜberraschungsgast des Abends war Melaine Favennec mit einigen Titeln von seiner neuen CD "Hey ! Ho !", die er gemeinsam mit Dominique Molard (Percussion) zum besten gab.
"Calendrier des jours","La rose de vent" und "Setu" (das Lied über die 3 Elemente Feuer, Wasser, Erde) gaben einen leider nur mässigen Eindruck von seiner gerade erst veröffentlichten CD, da die Technik vom Überraschungsgast wohl so überrascht war, dass das Mikrophon für D. Molards Rahmentrommel nicht wirklich eingeschaltet zu sein schien und lediglich die Tablas gut zu hören waren.
Dies bewirkte, dass das Publikum leider im Laufe dieser "court passage" auch etwas aus Schritt und Stimmung geriet. Dennoch gefiel's wohl und Melaine Favennec, Urgestein der bretonischen Liedermacherszene, spielte mit dem romantischen "Mon Pays" (interaktiv mit Refrain zum Mitsingen: "mon pays c'est l'univers - l'univers ca commence où je suis...") und "je taille ma haie" als Zugabe noch zwei Titel mehr.
Sonerien Du, die traditionellen Alt-Roker der fest-noz-Szene
Den Abschluß fand dieser unterhaltsame und mitreissende Abend mit der Gruppe Sonerien Du.
Die mittlerweile doch etwas älteren Herren aus dem Pays bigouden mit dem ultra-modernen Sound (so auch der die erste Strophe des ersten Liedes: "avec l'informatique on a fait progrès", einem an dro) liessen das Publikum noch einmal zu Hochform auflaufen und beendeten diesen äußerst vitalen Abend, der über den beginnenden tristen und nebligen Herbst in Deutschland hinweg trösten konnte.
Sonerien Du spielen seit jeher grundsätzlich Tänze und sind in der Tat, eine der ältesten und solidesten fest-noz-Gruppen, gegründet in den frühen 70er Jahren, die immer gewußt haben, wie sie sich am besten an die wechselnden Winde und Gezeiten anpassen müssen, um zu überleben - und das mit viel Witz und Charme.

Willi Rodrian

Pure Irish Drops 2005 im Cobbler's Irish Pub/Germering am Dienstag, 11. 10.2005