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Juli 2007

"lebendiger Geschichtsunterricht" - Alistair Hulett im Cobbler's Irish Pub, 12.4.2007

Alistair Hulett

Immer seltener begegnet man in der celtic music heutzutage noch der Verbindung von Songwriting  und politischem Statement. Die Generation der Musiker, die diese Tradition gepflegt haben, scheint auszusterben. Im Mai bot sich nun die Gelegenheit, mit Alistair Hulett im Rahmen seiner letzten Deutschlandtour einen der ältesten und ausdauerndsten Vertreter dieses Genres live erleben zu können.

Bei dem Konzert am 12.Mai im Cobbler's Irish Pub waren nur knapp halb so viele Besucher gekommen waren wie üblich. Das war wohl darauf zurückzuführen, dass diese Verquickung von politischer Agitation und sozialkritischem Bekenntnis auch für ansonsten hart gesottene Celticfans keine ganz einfache Kost darstellt.
Dabei ist Alistair Hulett ein exzellenter Musiker, der mit seiner ausdrucksstarken Stimme und seinen Gitarren auch bei seinen Solo-Auftritten einen dichten und abwechslungsreichen Sound auf die Bühne bringt. Dass er das mit einer gehörigen Portion Ironie und Sarkasmus präsentiert, das macht die ganze Sache sehr unterhaltsam - nicht zuletzt auch wegen seinem breiten schottischen Slang.

Das Repertoire seines Auftrittes bestand zum Großteil aus den für ihn so typischen Arbeiter- und Protestliedern, die die Ausbeutung der Menschen im kapitalistischen Systemleidenschaftlich anprangern, wie zum Beispiel in Liedern wie "Militant Red", einem Song den er für seine ebenfalls politisch engagierte Lebensgefährtin geschrieben hat. Oder in "He Fades Away" und dem Lied "Blue Murder", der blaue Tod. Darin beschreibt er das Sterben der Arbeiter in den australischen Asbestminen, die sich noch im vergangenen Jahrhundert für ein One Way Ticket von England nach Australien auf Jahre zur Arbeit in den dortigen Asbestminen verdingten und daran bald elend zugrunde gingen. Im Laufe der 25 Jahre, die er in Australien als Punk-Folk-Rocker (Roaring Jack) und Mitglied eines Straßentheaterensembles verbrachte, hat sich Alistair Hulett intensiv dafür eingesetzt, dass die Opfer dieser Arbeitsmarktpolitik angemessen entschädigt werden.

Alistair HulettDaneben kamen aber auch Lieder mit weniger politischen Inhalten nicht zu kurz. Liebeslieder, "The Flower of Northumberland" und das dramatische Beziehungsdrama des Matrosen der die Treue seiner Geliebte auf die Probe stellt in "The Dark Eyed Sailor" lockerten den Geschichtsunterricht und die mitunter etwas zu langwierigen, aufklärenden Monologe  angenehm auf.

Der zweite Set des Konzertes war vor allem der Arbeiterbewegung in Glasgow während des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Die Arbeiteraufstände der Rüstungs- und Werftarbeiter unter John Maclean schildert er ausführlich in den Songs, die von der CD "Red Clydeside" stammen.

Letztendlich hat Alistair Hulett dann aber doch noch die Kurve gekriegt und in einer ausgiebigen Zugabe, die fast zu einem dritten Set geriet, leichtere Kost geboten. Den Abend beschloss er mit einer sehr speziellen Version des celtic Evergreens "Dirty Old Town", den er in einer Mississippi-Delta-Blues-Version zum besten gab.

Alistair Hulett

© Text und Photos: Willi Rodrian, 2007

www.alistairhulett.com