AKTUELL

Juli 2008

Die Bretagne ist, wo die Bretonen sind. Konzert von Gilles Servat am 13.07.08 in Erlangen
von Detlef Menzke


Samstag, 13.07.08, 19:30 Uhr im Innenhof der Erlanger Hugenottenkirche. Es ist der Vorabend des französischen Nationalfeiertags. Das traditionelle Fest des Deutsch-Französischen Instituts Erlangen geht dem Ende entgegen, nicht bevor es seinem Höhepunkt zustrebt: Für 20 Uhr ist Gilles Servat angekündigt. Gilles Servat der bretonische Barde, das Urgestein der bretonischen Chansoniers, der erst 2006 35-jähriges Bühnenjubiläum feiern konnte.

Mit diesem Konzert erfüllt sich Johannes Mann, Pfarrer der Hugenottenkirche, einen lange gehegten Wunsch – ein Konzert von Gilles Servat in „seiner“ Kirche. Mit Gilles Servat verbindet ihn und seine Familie eine jahrzehntelange Freundschaft. Nebenbei erfüllt er damit auch mir einen besonderen Wunsch: Nachdem ich Gilles Servat 2000 im Rahmen des Abschlusskonzerts von Dan Ar Braz „l'Héritage des Celtes“ vor 20 000 begeisterten Besuchern am Festival Interceltiqe in Lorient erlebt habe, bin ich auf der Suche nach einem Konzert von ihm. Die Zeit bis zu diesem Abend konnte ich mit der DVD „Bretagnes a Bercy“ überbrücken, auf der Gilles Servat mit 3 Songs vertreten ist.

Jetzt also Erlangen – Hugenottenkirche – das einzige Konzert in Deutschland. Der karge Kirchenraum füllt sich nur spärlich. Am Ende werden es etwa 70 Zuhörer sein, bei denen selbst ich mit 45 Jahren den Altersdurchschnitt senke.
Die kreisrunde Kirche gibt mit ihrem schlichten, auf das Wesentliche reduzierten Interieur von allen Plätzen einen optimalen Blick auf das Wesentliche im Raum frei: Ein elektronisches Klavier und ein Mikrofonstativ vor dem Altar.  Im Hintergrund erhebt sich die mächtige, holzgeschnitzte Kanzel.

Die „Bühne“ ist bereitet für den Auftritt von Gilles Servat, der außerdem Gitarre spielt, und für Phillippe Turbin, den formidablen Pianisten, der auch auf der aktuellen Live-CD „Je Vous Emporte Dans Mon Coeur“ die Tasten bedient. Gemeinsam bilden sie ein kongeniales Duo, das das Publikum an diesem Abend in ihren Bann zieht – und wie. Zugegeben, aus der Nähe sieht Gilles Servat, inzwischen 63 Jahre alt, gar nicht so groß und stattlich aus, wie es CD-Cover glauben machen wollen. Doch sobald er seine Stimme erhebt, diesen sanften, vollen Bariton, wirkt er wie ein Monument, ein Mensch gewordener Menhir, vom Wind verwittert und zerzaust und vom Meer umspült. Er nimmt sein Publikum unwiderstehlich mit auf die Reise in seine Bretagne.

Das Programm ist ein „Best Of“, die Arrangements sind reduziert auf  Gitarre und Piano -  und immer wieder diese mächtige und doch so sanfte, warme Stimme. Ob Liebeslied (Eleonore), politisches Statement (natürlich durfte auch die oft zweckentfremdete „Blanche Hermine“ ebenso nicht fehlen wie ein Statement über die vor der bretonischen Küste havarierte “Erika“) oder Hommages an die Bretagne (z.B. „Le Moulin De Guérande“) immer trifft er die richtige Stimmung. Das kundige Publikum, fast komplett des Französischen mächtig,  reagiert entsprechend: Mal andächtig, den Schlussapplaus fast vergessend, mal begeistert und ausgelassen.

Als dann Gilles Servat erzählt, dass er heute Nacht in der Bretagne schlafen wird, da die Bretagne da ist, wo die Bretonen sind, fühlt sich irgendwie jeder der Anwesenden ein klein wenig in der Bretagne.
Wer weiß, vielleicht ist Gilles Servat nicht der Einzige gewesen, der in dieser Nacht in der Bretagne schlief.

Der Zugabenteil gleicht einem Wunschkonzert. Das Publikum wirft Songtitel ein und Gilles Servat und Phillippe Turbin erfüllen gerne diese Wünsche, auch wenn sie dabei improvisieren müssen.

Nach dem Konzert bildet sich eine lange Menschenschlange die ansteht um sich eine soeben erworbene Gilles-Servat-CD vom Meister persönlich signieren zu lassen und ich nehme mir ganz fest vor, mir beim einschlafen vorzustellen, in der Bretagne zu sein.

Text und Photos: Detlef Menzke, 2008

Gilles Servat in Erlangen, 2008
Gilles Servat in Erlangen, 2008
Gilles Servat in Erlangen, 2008
Gilles Servat in Erlangen, 2008
Gilles Servat in Erlangen, 2008
Gilles Servat in Erlangen, Autogrammstunde