AKTUELL

März 2005

Das Bretonische ist in Gefahr auszusterben

Ein Sprachenprogramm des Regionalrats in Rennes soll Rettung bringen (von Marianna Butenschön)

"Sag es mir auf bretonisch"

Auf dem großen bunten Schild links über dem Eingang steht "Skol Diwan". Auf dem Schulhof sprechen die Kinder bretonisch, und auch im Unterricht wird, wenn nicht gerade Französisch auf dem Stundenplan steht, bretonisch gesprochen. "Die Methode heißt Immersion oder ‚Sprachbad'", erklärt Jocelyne Ravet, die Leiterin der Diwan-Schule von Lannion im Departement Côtes-d'Armor. "Die Kinder tauchen praktisch ins Bretonische ein, und das ist wichtig, weil die meisten Familien zuhause nicht bretonisch sprechen. Damit wird das Gewicht des Französischen außerhalb der Schule ein wenig ausgeglichen."

"Diwan" ist das bretonische Wort für Keim, und so könnten die Diwan-Schulen, die von einem Verein getragen werden, als Gewächshäuser bezeichnet werden, in denen der Keim für ein Wiederaufblühen des Bretonischen gelegt wird, einer keltischen Sprache, die vor hundert Jahren noch von der gesamten Landbevölkerung in der Niederbretagne gesprochen wurde, heute aber in Gefahr ist auszusterben. Von den verbliebenen 300 000 Bretonisch-Sprechern ("bretonnants") sind 64 Prozent über 60 Jahre alt, und nur vier Prozent sind jünger als 40 Jahre. In der Öffentlichkeit ist das Bretonische, abgesehen von den zweisprachigen Straßenschildern, nicht mehr präsent.

Doch Umfragen zufolge wünschen 92 Prozent der Bretonen den Erhalt der Sprache, und immer mehr Eltern aus allen Bevölkerungsschichten schicken ihre Kinder in zweisprachige Schulen, die heute insgesamt 9700 Schüler zählen. Der Zuwachs an "neuen" Sprechern ("néo-bretonnants") liegt bei rund 10 Prozent pro Jahr. Das reicht nicht, um die Sprache zu retten.

"Das Problem ist, dass die französischen Politiker die Bretonen, die Elsässer, die Flamen, die Basken, die Katalanen und die Okzitanier nicht als nationale Minderheiten anerkennen", sagt Jocelyne Ravet. "Auch unsere Sprachen erkennen sie nicht an. Und wir haben nicht die gleichen Waffen." Frankreich hat die Minderheiten-Konvention des Europarats gar nicht erst nicht unterzeichnet und die Charta der regionalen und Minderheitensprachen bis heute nicht ratifiziert.

Die Nichtanerkennung der regionalen Sprachen in Frankreich hat Tradition und System. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel des Bretonischen. Seit dem Mittelalter hatte die Bretagne, einst ein unabhängiges Herzogtum, kein politisches Zentrum mehr, das bretonisch sprach. Adel und Bürgertum waren zum Französischen übergangen, und bretonisch redete nur noch das einfache Volk in der Niederbretagne. Als sich 1790 herausstellte, dass halb Frankreich nicht französisch sprach, erklärte Paris das Französische zur Sprache der Republik, der Freiheit und der Vernunft, die regionalen Sprachen aber zu Dialekten ("patois"), die im Interesse des einen und unteilbaren Frankreich sowie des Fortschritts zu verschwinden hatten. In der Bretagne (Eigenname: Breizh) dauerte der Kampf, den die Republik gegen die regionalen Sprachen führte, bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

In der Schule war es Jahrzehnte lang verboten, auf den Boden zu spucken und bretonisch zu sprechen. Wurde ein Kind dabei erwischt, bekam es ein "Symbol", meistens einen Holzschuh, umgehängt, das es erst wieder los wurde, wenn es einen Klassenkameraden beim gleichen "Delikt" ertappt hatte. Und wer bei Schulschluss den Holzschuh hatte, wurde bestraft. So wurden mehrere Generationen nicht nur zum Denunzieren angehalten, sondern auch zum Verleugnen ihrer Herkunft und ihrer Sprache, derer sie sich schämten. Schließlich wollte niemand als "plouc" ("Bauerntölpel") gelten.

Der Kampf um die Muttersprache schien aussichtslos, obwohl es seit 1951 möglich war, in der Schule bretonisch zu lernen. "Aber man konnte kein Diplom erwerben, Lehrer wurden nicht ausgebildet, und überhaupt war es immer sehr schwer, solche Kurse für die Schüler durchzusetzen", erinnert sich Patrick Hervé, Co-Vorsitzender von Diwan Breizh. Dass es in der Bretagne einmal Schulen mit Bretonisch als Unterrichtssprache geben würde, hätte sich niemand je träumen lassen, sagt er. Die Gründung der beiden ersten Diwan-Vorschulen 1977 im Departement Finistère war ein Jahrhundertereignis.

Die Gründungseltern waren junge Leute, die sich unter dem Eindruck der Studentenrevolte vom Mai 1968 nach ihrer Identität fragten. Waren sie Franzosen oder waren sie Bretonen? Und wenn sie Bretonen waren, warum sollten sie dann französisch sprechen? Die Rückbesinnung auf die keltischen Wurzeln setzte vor allem über die Musik ein und mündete in eine kulturelle Renaissance, die ganz Frankreich in Erstaunen versetzte. Die bretonischen Liedermacher Glenmor, Alan Stivell, Dan Ar Braz und Gilles Servat füllten Kongresshallen und Fußballstadien und sangen auch gegen den Zentralstaat.

Heute umfasst das Diwan-System 34 Vor- und Grundschulen, 5 Realschulen und ein Gymnasium. Der Lehrplan folgt den Vorgaben des Bildungsministeriums, und die Lernerfolge sind gut. Im laufenden Schuljahr liegt die Schülerzahl bei knapp 3000. Ohne die permanenten Finanzsorgen könnten es viel mehr sein. Vor ein paar Jahren hat Diwan Breizh denn auch versucht, ins nationale Bildungswesen aufgenommen zu werden und ein Abkommen mit dem Bildungsminister unterzeichnet. Das Abkommen wurde im November 2002 vom Staatsrat annulliert. Die Diwan-Schulen könnten nur integriert werden, so der Staatsrat, wenn der Unterrichtsbetrieb zur Hälfte auf französisch abläuft. Worauf Diwan auf die Integration verzichtete...

Auf sich allein gestellt, ohne genügend Geld, Personal und Räumlichkeiten, lebt Diwan vom Enthusiasmus der Lehrer und der Eltern. Auch die zweisprachigen Schulen der katholischen Kirche und die zweisprachigen staatlichen Schulen, die Systeme Dihun ("Erwachen") und Div Yezh ("Zwei Sprachen"), die im Gefolge von Diwan entstanden sind, kommen nur langsam voran.

Der Staatsrat stützte sich bei seinem Spruch auf Artikel 2 der Verfassung, wonach die Sprache der Republik französisch ist, ein Grundsatz, den die Bretonen und andere nationale Minderheiten in Frankreich für ein Instrument der Unterdrückung ihrer Sprachen und Kulturen halten. Im März 2003 demonstrierten 20 000 Menschen in Rennes gegen das Verdikt des Staatsrates. Paris reagierte nicht.

Das konnte Paris sich auch leisten, weil die bretonische Bewegung kein politisches Gewicht hat. Vielmehr ist sie in einer Vielzahl von Splitterparteien und einer Unzahl von Vereinen organisiert. Deren Dachverband, der "Kulturrat der Bretagne", vertritt rund 45 000 Mitglieder. An seiner Spitze steht Patrick Malrieu, der vor 30 Jahren "Dastum Breizh" gegründet hat, den größten Verein, der traditionelle Musik und Texte sammelt, katalogisiert und veröffentlicht und dadurch einen großen Teil des mündlich überlieferten Kulturerbes retten konnte. Eine Erfolgsgeschichte, von der Hunderte junger Musiker und Sänger profitieren, die heute mit großem Erfolg traditionelle bretonische Musik machen.

"Das ist vielleicht der einzige Weg, um die Sprache zu retten", sagt Patrick Malrieu. Sie gilt immer noch als Teil der bretonischen Identität, und so vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in der Bretagne für die Sprache demonstriert, gesungen, gesammelt, getanzt oder ein Antrag gestellt wird. Fast alle Buchhandlungen verkaufen Lehrmaterialien. Die Fernkurse von Skol Ober in Lannion werden weltweit genutzt, die Sprachkurse der Vereine, die mit Slogans wie "Sag es mir auf bretonisch" oder "Gehen wir tanzen und lernen bretonisch" werben, von etwa 8000 Menschen besucht.

"Das große Problem ist diese teuflische französische Zentralisierung", sagt Patrick Malrieu. "Die Vorstellung, daß Paris sich für regionale Kulturen interessiert und sie fördert, ist schlichtweg unmöglich." Seit Mai 2003 ist beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eine Klage des Kulturrats wegen Diskriminierung des Bretonischen anhängig.

Auf der anderen Seite hat der Regionalrat der Bretagne seit März 2004 eine linke Mehrheit, die eines ihrer wichtigsten Wahlversprechen gehalten und ein Programm zur Rettung des Bretonischen vorgelegt hat. Nach einer bewegenden Debatte, in der mehrere Redner zum ersten Mal in der Geschichte des Regionalrats bretonisch sprachen, wurde das elfseitige Dokument am 17. Dezember einstimmig verabschiedet. Dem Programm zufolge soll die Zahl der Schüler in den zweisprachigen Schulen bis 2010 auf 20 000 steigen. Zu diesem Zweck sollen 150 Lehrer pro Jahr zusätzlich ausgebildet werden. Außerdem sollen mehr Bretonisch-Kursen finanziert und die Präsenz des Bretonischen in den Medien verstärkt werden. Der Regionalrat der Bretagne will sich auch dafür einsetzen, dass die Charta der regionalen und Minderheitensprachen ratifiziert wird.

Voraussetzung dafür ist allerdings eine Verfassungsänderung. Doch am 26. Januar hat die Nationalversammlung in Paris es erneut abgelehnt, den Artikel 2 dahingehend zu ergänzen, dass auch die anderen Sprachen Frankreichs einen Rechtstatus bekommen. Derweil war in Rennes lange unklar, wie das Sprachenprogramm finanziert werden soll.
Doch der vorige Woche verabschiedete Haushalt 2005 der Region Bretagne enthält im Kapitel "Kultur" erstmals ein Unterkapitel, das die Förderung des Bretonischen vorsieht. Allerdings reichen die Mittel nur für einen Teil der Ausgaben, und da letztlich Paris über die Einstellung von Lehrern entscheidet, kann es weiter bremsen. Denn der französische Staat ist nicht verpflichtet, das Sprachenprogramm des Regionalrats zu respektieren, auch wenn es einstimmig verabschiedet wurde.


Dieser äußerst fundierte und spannende Artikel wurde im Original am 3.März in der schweizer WOZ veröffentlicht. Die Autorin stellt ihn unserem Online-Magazin freundlicherweise zur 2.-Veröffentlichung zur Verfügung.