BRETONISCHE MUSIK

CD-Besprechung Tri Yann 'Abysses'

Anspieltips: 1, 2, 9, 10

Tri Yann
"Abysses"

www.tri-yann.com

 

 

Sony/BMG, 2007

Musiker

Jean Chocun: mandoline, lesd vocals, choeurs - Jean-Paul Corbineau: lead vocal, choeurs - Jean-Louis Jossic: lead vocal, choeurs, bombarde, chalémie, cromorne, psaltérion - Gerard Goron: batterie, choeurs, mandoloncelle, guitares acoustique et électrique, programmations - Jean-Luc Chevalier: guitares acoustique et électrique, oud, basse - Konan Mevel: cornemuse, cromorne à poche, whistles, duduk, midi-pipes, programmations - Freddy Bourgeois: lesd vocal, piano, clavier, choeurs - Christophe Peloil: violon, choeurs, alto, whistle, flûte baroque, basse, piano

Gäste

Mélanie Goron: violon - EtienneTabourier: alto - Maud Caron: violoncelle - Anthony Masselin (Soldat Louis): cornemuse - Christophe Morvan (Sonerien Du): cornemuse, bombarde - Gwenhael Mevel: bombarde - CUIVRES: Mickael Pilhon, Alexandre Jolly, Pierrick Poirier: trombone, Pierre Beaumois, Erwan Burban, Pierre-Jacques Authon

Titel

1. Gloire à toi Neptune 2:54 - 2. La solette et le limandin 4:04 - 3. Bransle des murènes 1:45 - 4. Dessous la ville de Nantes 3.11 - 5. Lorc'hentez Kêr Is 6:25 - 6. Dans la lune au fond de l'eau 3:36 - 7. Petite sirène 4:13 - 8. J'ai croisé les néréides 3:41 - 9. Sonenn ar mor don 2:44 - 10. Gavotenn ar seizh 3:05 - 11. Lancastria 5:56 - 12. Tir-fo-tonn 4:09 - 13. Le sous-marin 4:38 - 14. L'Eden des mers 4:48 - 15. Bonustrack
(total: 61:58)

Auf ihre Weise sind Tri Yann echte Traditionalisten, denn wie viele Gruppen veröffentlichen heutzutage schon noch Konzeptalben? Aber allen Trends zum Trotz halten die drei Yann aus der Bretagne und ihre Mitmusiker an der Idee des Gesamtkunstwerkes fest und bringen auch mit dem letzten Album "Abysses" (Abgründe) wieder eine CD heraus, die sich über 60 Minuten lang mit einem Thema beschäftigt.
2007 wurde "Abysses" bereits in Frankreich veröffentlicht (in Deutschland erscheint die CD erst jetzt), also gute vier Jahre nach dem Vorgänger "Marines", einem Album, das den ersten Teil einer Trilogie bildete, die sich mit dem Meer, seinen Nutzern, Bewohnern und Geheimnissen über und unter der Meeresoberfläche auseinandersetzt.
Während "Marines" vor allem den überseeischen Phänomenen gewidmet war, also den Schiffen, den Menschen und all den glücklichen und dramatischen Ereignissen, Entdeckungsreisen sowie Schiffsunglücken, sind es in Abysses eher die geheimnisvollen Welten unterhalb der Wasseroberfläche, die im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Und so ist es auch das modifizierte Geräusch eines Echolotes, das den Übergang zwischen den insgesamt 14 Titeln bildet, die musikalisch und inhaltlich sehr abwechslungsreiche musikalische Geschichten erzählen.

Bei all dem bleiben Tri Yann bei ihrem bewährten musikalischen Konzept, dass sich zwischen bretonischer Tradition, theatralisch-dramatischen Arrangements und rockigen Rhythmen und Riffs bewegt. Keine allzu großen Veränderungen, qualitativ und musikalisch ist immer deutlich hörbar, wer hier den Ton angibt.

Denn letzten Endes bestehen die CDs von Tri Yann aus den immer wiederkehrenden und unverwechselbaren Elementen: hervorragende und komplexe Arrangements, die mitunter auch eine Tendenz zu theatralischem Bombast-Sound zeigen, einen Mix aus bretonischen und irischen Melodien und Rhythmen, die mit reichlich Pop und Rock aufgemischt werden sowie mittelalterlichen Einsprengseln und den leiseren Chansons, bei denen es sich immer lohnt auf die poetischen Texte zu hören. Und immer wieder finden sich die typischen, wunderschönen a capella-Passagen, die einem Schauer über den Nacken jagen.

So kann man beispielsweise nacheinander die mittelalterliche, leicht angerockte "Bransle des murènes", die kräftig abrockende ronds de Loudéac "Dessous la ville de Nantes" und das sentimentale Chanson "Lorc'hentez Kêr Is", das Lied vom Stolz der untergegangenen Stadt Is hören, das sich im Mittelteil zu einer veritablen Rockballade entwickelt. Mit "Im Mond auf dem Grunde des Wassers" (Dans la lune au fond de l'eau) folgt dann wieder ein echtes Tri Yann-Lied, dass sämtliche Tonalitäten der bretonischen Erfolgsband vereint: den mehrstimmigen, rhythmischen Gesang, die rockig interpretierte Folkmelodie und die treibende Dynamik bretonischer Tänze, zu der die Konzertbesucher in der Bretagne regelmäßig in die "transe bretonne" verfällt ("Gavotenn ar seizh").

Inhaltlich reicht das erzählerische Spektrum von "Abysses" von dem Opener zu Ehren des Meeresgottes Neptun über bretonische Themen wie die nassen Untergründe von Nantes und der dramatischen Legende von Kêr Is, dem bretonischen Atlantis bis hin zu diversen Bewohnern der unterseeischen Gründe als da wären die die Muräne, die Sirenen, die Nereiden und das U-Boot (Le sous-marin), in dem die Phantasie eines Kindes die Welt erkundete.

Zur musikalischen Realisierung von Teil zwei der Meerestrilogie haben die acht festen Mitglieder von Tri Yann sich ausreichend Verstärkung geholt und insgesamt 13 Gastmusiker ins Studio geholt, darunter beispielsweise Anthony Masselin von Soldat Louis und Christophe Morvan von Sonerien Du sowie eine sechs Mann starke Brass-Section.

Als Bonustrack kann man dann zu guter letzt die unterseeischen Zwischentöne noch einmal in Ruhe und gute sechs Minuten lang elektronische Töne und Sounds aus dem Reiche der Wale und des Kapitän Nemo anhören.

"Abysses" ist eine spannend anzuhörendes Album, das die besten Momente und Eigenschaften von Tri Yann in sich vereint, ein Konzeptalbum, das bei weitem nicht die kompositorische Strenge, Sperrigkeit  und Abgeklärtheit früherer Konzepte aufweist, wie beispielsweise das 1988-er Album "La vaisseau de Pierre". "Abysses" präsentiert wunderbare Melodien, Spaß und beste musikalische Qualität und rutscht nur selten in den theatralischen Pomp und Kitsch ab, der der Band in früheren Jahren das eine oder andere Mal unterkam.

W.R.