XAVIER GRALL
"ANGST UND ZAUBER"

Buch-Besprechung Xavier Grall: Angst und Zauber

Conte Verlag

(Roman, deutsch, 151 Seiten, 2005)

Preis: 14,90 €

Erhältlich im Buchhandel und bei www.amazon.de

Conte Verlag
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BESPRECHUNG

Xavier Grall

Endlich ist eines der vielen Bücher des bretonischen Dichters und Romanciers Xavier GRALL (1930-1980) in einer deutschen Übersetzung erhältlich:

"Angst und Zauber" (X. Gralls Arbeitstitel für "Cantique à Melilla", so der französische Originaltitel, der in Absprache mit dessen Frau und dem deutschen CONTE Verlag für die deutsche Ausgabe gewählt wurde) schildert die Flucht des Bretonen Enrico, der in den 50er Jahren für die französische Geheimorganisation OS ein Attentat verüben soll. Die Aktion gerät zum Blutbad und Enrico muss vor den eigenen Leuten fliehen, die einen gedungenen Mörder auf ihn als Verräter ansetzen. Er flieht vor dem Killer und seinem eigenen Gewissen quer durch Nordafrika.

Soviel zur oberflächlichen Handlung eines Romans, der letzten Endes vor allem die Konflikte des Autors selber angesichts seiner eigenen Verwicklungen in den Algerienkrieg aufarbeitet. Grall wurde wie sein Protagonist als Reservist zum Algerienkrieg eingezogen. In dem Buch greift er das Thema Schuld, das ganz Frankreich bis heute nach dem Algerienkrieg erfolglos zu verdrängen versucht, auf und beschreibt in vielen Passagen seine eigene Verzweiflung ob der Erlebnisse, die ihn noch lange nach dem Ende seines Dienstes verfolgten und die ihn an der Menschheit (ver-)zweifeln liessen.

Da menschliche Pendeln zwischen Gut und Böse, zwischen Moral und Morallosigkeit, Schönheit und Verderbheit am Beispiel seines Helden Enrico, der in einem fortwährenden inneren Dialog Vergangenheit und Gegenwart reflektiert und zu bewerten versucht, ist eines der zentralen Themen des Buches.

Die schon philosophisch zu nennende Auseinandersetzung mit seinen eigenen Taten und Handlungen, das schwanken zwischen Traum und Realität lassen mitunter an die Athmosphäre der Romane von Kafka denken und zeigt deutlich Gralls Orientierung an seinem Lehrmeister A. Rimbaud.

"Wir tauchen ein in eine Art tragische Litanei, wo die Bilder uns umwerfen, uns mitreißen, uns keine Erholungspause lassen. (...) Das Klima von Xavier Grall ist das der keltischen Länder. Ein walisischer Barde, ein irischer Poet hätte - genauso wie er - dieses schwere und traurige Epos geschrieben (...)"
La Chronique d'Alain Bosquet, Combat du 8.10.1964

Xavier Grall Und immer wieder tauchen gleichsam als Allegorien die Erinnerungen Enricos an die Bretagne auf, an seine Bretagne, wie er sie mit sich im Herzen trägt. Das Meer und der Gedanke an das Paradies der untergegangenen legendären Stadt YS. Und immer wieder das Meer. Er will sich ein Boot kaufen und auf das Meer entkommen, wo er das universelle Vergessen in der blauen Endlosigkeit erhofft.

Doch das Leben ist anders, ist grausam und immer wieder wird Enrico mit dem Tod, mit dem Killer konfrontiert, der ihm schon beinahe zum guten alten Bekannten wird im Zuge der knapp 140 Seiten langen Verfolgung.

Und das afrikanische Paris Melilla, das er zu erreichen versucht, in der Hoffnung dort die (europäischen) Sünden und Untaten vergessen zu können. Von dieser Sehnsucht nach Melilla leitet sich auch der Originaltitel ab.

Ein großes Lob dem Übersetzer dieses Buches, Holger Naujokat. Die bildreiche und langatmige Sprache des Autoren haben ihn mit Sicherheit nicht selten vor enorme Probleme gestellt, die Gedanken- und Gefühlswelt von Enrico / Xavier Grall angemessen ins Deutsche zu übertragen, was ihm jedoch hervorragend gelungen ist.

"Angst und Zauber" ist ein Buch, das einen nicht mehr losläßt, wenn man sich erst einmal auf die Schilderungen dieser verzweifelten Suche nach Leben, Schönheit, Schuld und Vergebung eingelassen hat.


Als Ergänzung zum besprochenen Buch seien mir an dieser Stelle noch zwei Hinweise in Sachen Xavier Grall gestattet:

Bei SKOL VREIZH ist Ende der 90er Jahre eine umfangreiche, reichhaltig illustrierte Biographie des Schriftstellers in 2 Bänden erschienen Xavier Grall und der bretonische Sänger und Musiker Dan AR BRAZ hat bereits im Jahr 1992 einige der Texte und Gedichte von Xavier Grall vertont und gesungen auf seinem Album Xavier Grall chanté par Dan Ar Braz

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