MICHEL TRÉGUER
"Aborigène occidental"

Buch-Besprechung Michel Treguer: Aborigène occidental

éditions mille et une nuits

(essai, französisch, 394 Seiten, 2004)



Preis:ca. 20,00 €

BESPRECHUNG

In regelmäßigen Abständen erscheinen in der Bretagne Bücher, die sich in die sozio-politische Diskussion um die bretonische Identität und um die unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der politischen und wirtschaftlichen Zukunft der Region einmischen und sich mit diesen Aspekten auseinandersetzen.

Nicht selten sind dies Bücher, die polarisieren, die Stellung beziehen und wie es unter anderem auch über das neue Buch "Aborigène occidental" von Michel Tréguer geschrieben wurde: "C'est un livre « politiquement incorrect » qui appelle un chat un chat". Es handelt sich also um eine Publikation bzw. ein Autor, welcher das Kind beim Namen nennt und eine Position einnimmt, die nicht immer und bei allen gut ankommt.

Worum geht es und wer ist Michel Tréguer ?

Michel Tréguer gehört zu den Bretonen, die ihre bretonischen Wurzeln erst spät, in seinem Fall mit 30 Jahren, entdecken. Er wurde als Sohn eines Lehrers geboren, wird Schriftsteller und Filmemacher und veröffentlicht später gemeinsame Bücher mit René Girard ("Quand ces choses commenceront...") und Donatien Laurent ("La nuit celtique").

"L'iconnu, c'était mon pays..." Die späte Entdeckung seiner bretonischen Identität gerät zur ebenso zur Erforschung dessen, was sich ihm im Laufe der Jahre als bretonische Identität eröffnet wie auch zur Introspektion der eigenen Person(/Persönlichkeit.

Michel Tréguer nähert sich dem, was die bretonische Identität in historischer wie auch in politischer und emotionaler Hinsicht ausmacht also von aussen und von innen. Im Vergleich mit den Eingeborenen, den "aborigènes" in Amazonien oder Amerika sieht und beschreibt er sich als einen Eingeborenen des Abendlandes, als "aborigène occidental". Dabei geht er sehr intelligent und intellektuell an das Phänomen Bretagne zu.

Er analysiert Entwicklungen und Persönlichkeiten, setzt sich mit diesen intensiv auseinander und nimmt auch die unrühmliche Episode eines Teils der bretonischen Unabhängigkeitsbewegung während der deutschen Besetzung Frankreichs im 2. Weltkrieg nicht aus. Die Kollaboration bestimmter bretonischer Akteure hatte die bretonische Autonomiebewegung insgesamt lange Zeit in Mißkredit gebracht und erst in den vergangenen Jahren zum wiederholten Mal heftige Streitigkeiten entbrennen lassen.

Michel Tréguer spricht über diese Zeit, er nennt Dinge beim Namen und sieht eine Mitschuld gegenüber den europäischen Juden aufgrund dieser Ereignisse. Diese Haltung wurde nach Erscheinen des Buches teilweise heftig kritisiert und brachte ihm nicht nur Freunde ein.

Interessant vor allem sind seine Beschreibungen und Auseinandersetzungen mit bekannten und teilweise umstrittenen Persönlichkeiten wie bspw. Donatien Laurent, Morvan Lebesque, Jean Bothorel, Armand Robin, Michel Le Bris, Le Gonidec, Le Villemarqué, Roparz Hemon oder auch Françoise Movan.

Letztere hatte vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht, in dem sie den Kulturchauvinismus und Nationalismus bestimmter bretonischer Einrichtungen und Persönlichkeiten anprangerte und damit einen lange andauernden Streit um die von ihr beschriebenen Ereignisse ausgelöst.

Tréguer's Buch wurde unter anderem als eine Art Antwort auf diese Veröffentlichung erwartet, setzt sich im entsprechenden Kapitel jedoch nur intelligent und ohne die Polemik weiter zu vertiefen mit F. Morvan und ihren sehr persönlichen Schilderungen auseinander.

Die Mythen, die Legenden und die Realitäten bretonischer Identitätsbildung werden engagiert aber auch entspannt und vielschichtig betrachtet und analysiert. Das macht dieses Buch auf der einen Seite sehr spannend lesbar, bietet auf der anderen Seite aber auch viele interessante Informationen und (Ein-)Blicke, die bisher in dieser Form noch nicht vorlagen.