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Crépillo, Bigot & Molard: Ar Sac'h Ler

Laurent BIGOT

"Die Zukunft der bretonischen Musik"
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Laurent BIGOT, Jahrgang 1958, kommt aus einer Musikerfamilie, die in der Gegend vob Paris lebt. Er lernte bereits sehr früh die Trompete zu spielen und 1972, im Zuge des Revivals der bretonischen Musik, begann er die Bombarde und den schottischen Dudelsack zu spielen.

Danach war er unter anderem an der musikalischen Recherche bei DASTUM beschäftigt und er hat beispielsweise auch an der Herausgabe des Standardwerks "MUSIQUE BRETONNE" (Le Chasse-Marée/ArMen) mitgewirkt.
In Pontivy leitet Laurent Bigot das "Département du Musique Traditionnelle".

Seit 1976 spielt er im Duo mit mit seinem "compère" Pierre Crépillon. Die beiden "sonneurs" konnten zweimal (1987 und 1997) den Titel "Champion de Bretagne de Sonneur en Couple" beim Traditionswettbewerb "Championnat de Bretagne de Sonneurs en Couples" in Gourin davontragen.


Brest, den 23.Mai 2001

Du bist jetzt seit einigen Monaten hier in Brest tätig. Was ist deine Aufgabe ?

Vor 50 Jahren, da war es noch möglich, die bretonische Musik in der damaligen ländlichen Umgebung durch die bloße Weitergabe von Generation zu Generation Zu erlernen, man hat es einfach gemcht. Das hat sich mittlerweile geändert, oftmals ist dieses Milieu verschwunden, auf jeden Fall verändert es sich laufend und es wird immer schwieriger, die bretonische Musik in ihren ursprünglich bäuerlichen Bezügen zu erlernen - das ist heutzutage fast unmöglich.

Immer häufiger leben die Jugendlichen, die sich für die bretonische Musik interessieren, in den Städten wie Brest, wie Rennes, wie Lorient.
Laurent Bigot, Brest le 23 mai 2001

Man muß also daran arbeiten, diesen Kontakt zur Tradition zu erhalten und mein Ziel ist es schon seit langem, zu versuchen, in den Städten diese Kontexte als etwas ganz neues wiederzubeleben, ein Umfeld, das Lernprozesses fördert.

Meine Aufgabe, mein Job wenn man so will, besteht darin, die Begegnung zwischen den verschiedenen Organisationen im Bereich der bretonischen Musik zu ermöglichen, damit sich hier eine Tradition des Miteinander entwickelt. Bisher fehlte den verschiedenen Organisationen dazu noch die Vernetzung.

Das ist mein Ziel. Ich möchte, dass die Leute zusammenkommen und dass sie auf diese Weise ihre Wurzeln auch im städtischen Umfeld wieder entdecken.

Du hast am 19.Mai die "größte Gavotte der Welt" in Saint-Renan organisiert ?

Ja, dabei ging es genau um diese Dinge. Die große Gavotte, das ist eine Veranstaltung mit großer Beteiligung der Öffentlichkeit, und bei so einer Veranstaltung, da geht es natürlich auch um die Vermittlung dieser Kultur.
Es sind total viele Leute gekommen und diese große Gavotte, das war eine tolle Sache. 48 Musiker konnten sich dort gegenseitig hören und miteinander musizieren. Sie haben drei Stunden lang ununterbrochen gespielt. Einer nach dem anderen. Für alle Musiker war das schlicht und einfach auch eine große musikalischen Anstrengung: den anderen zuzuhören, sich einfügen, direkt dort aufzutreten, das war eine gute Erfahrung.
3.500 Leute konnten auf diese Weise dort tanzen. Mindestens 3.500 TänzerInnen waren Teil eines einzigartigen Ereignisses. Drei Stunden lang zu tanzen während die Musik kein einziges Mal unterbrochen wurde. Das war beeindruckend.
Laurent Bigot, Brest le 23 mai 2001


Für die TänzerInnen war das doch sicherlich ziemlich anstrengend ?

Ja, viele haben nicht ganz durchgehalten, viele waren vernünftig und haben aufgehört. Aber wir wissen, dass das für die Musiker eine Herausforderung war, weil sie ja trotzdem weiterspielen mussten. Für die SängerInnen zum Beispiel ist es nicht gerade einfach direkt im Anschluß an einen Akkordeonisten aufzutreten, vor allem, wenn man weiß, wie schwierig es ist, sofort den richtigen Ton zu treffen, seine Tonlage zu finden. Aber genau das hat funktioniert.

MUSIQUE BRETONNE N 166: la gavotte la plus grande du monde War das eine einmalige Aktion, oder werdet ihr das wiederholen ?

Keine Ahnung. Wir haben einen Rekord aufgestellt und Rekorde können geschlagen werden. Ich weiß auch nicht, ob ich es sein werde, der das beim nächsten Mal organisiert, aber ich bin sehr zufrieden damit, dass ich es beim ersten Mal veranstaltet habe. Das war wirklich sehr interessant.

Wirst du in Zukunft ähnliche Veranstaltungen organisieren ?

Ich glaube schon, ja. Auf jeden Fall hier im Finistère. Veranstaltungen, bei denen MusikerInnen sich treffen können, denn das macht für viele Personen eine Begegnung möglich, sie begegnen sich, sie können sich auszutauschen oder unterhalten - auf jeden Fall ist das immer ein Fest und sehr gesellig.

Ich glaube, viele Dinge entwickeln sich auf diese Weise sehr gut, gerade durch den Spaß an der Sache. Der Unterricht muß den SchülerInnen Spaß machen - und auch den Lehrern!
Dort (bei der grande gavotte) ging es nicht um Unterricht, aber ich denke, dass solche Begegnungen und der Austausch sehr wichtig sind, damit etwas weitergeht.

Ein paar Worte zur aktuellen Situation der bretonischen Musik ?
'Championnat de Bretagne de Sonneurs de Couple', Gourin 1998 - 1997 waren Crépillon & Bigot die Sieger dieses renommierten Traditioneswettbewerbes. Hier auf dem Plakat von 1998

Crépillon und ich, wir treten in den vergangenen Jahren immer seltener auf, weil sich der Geschmack des Publikums immer mehr verändert, hin zu moderneren musikalischen Ausdrucksformen, zum Hip Hop beispielsweise. Der Hip Hop ist zur Zeit gerade sehr in Mode. Ich glaube, dass eine bretonische Gruppe, die sich dem Hip Hop zuwendet, ganz gut ankommt! Warum auch nicht?

Musikalischer Grenzüberschreitungen und ein Vermischen der Stile und Genres gab es schon immer in der bretonischen Musik wie auch in der Musik im allgemeinen. Das Problem unserer Gesellschaft besteht jedoch darin, dass es da eine Tendenz gibt, systematisch alles miteinander zu vermischen, ohne die Grundlagen wirklich erlernt zu haben. Für die Zukunft der bretonischen Musik ist es meiner Meinung nach wichtig, dass zuerst eine gründliche Ausbildung erfolgt, auch wenn sie heute aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst ist,sozusagen von ihren ländlichen Wurzeln abgeschnitten.

Für mich hängt die Zukunft der bretonischen Musik davon ab, ob es den MusikerInnen gelingt, auch in Zukunft die Verbindung zu ihren Wurzeln/Traditionen zu erhalten. Da ist zum Beispiel jemand wie Erik Marchand: er experimentiert mit den verschiedensten Dingen und das ist begeisternswert. Dabei hat er mit diesen Experimenten nicht immer und unbedingt Erfolg. Aber er tut das eben auf der Grundlage einer profunden Kenntnis der eigenen Kultur. Und dann ist da natürlich noch seine Lust zum gemeinsamen Gestalten und daran, andere Kulturen zu entdecken. Solange die bretonische Musik nicht ihre Wurzeln verliert, solange sie sich nicht verleugnet, kann sie sich von mir aus wandeln wie sie will.

Wirkt die aktuelle bretonische Musik nicht manchmal wie eine Kopie bereits erfolgreicher Gruppen ?

In der letzten Ausgabe von "Musique Bretonne", da gab es einen Artikel über den "Concours Interlycées" und was da so offensichtlich wurde, das ist der Mangel an musikalischer Bildung. Gut, die GymnasiastInnen sind gerade mal 16 Jahre alt, sie werden das alles noch lernen. Aber meiner Meinung nach besteht die einzige wirkliche Gefahr darin, dass sie ihre Kultur aus den Augen verlieren, dass sie lediglich die bereits erfolgreichen Formationen als Vorbilder nahmen.

Ich meine, dass die Vermischung an sich notwendig ist, solange die Basis dafür eine gute Vermittlung der Grundlage ist.
Und das geht natürlich nicht ohne ein gewisses Maß an Arbeit. Man muß den Leuten die Mittel und Methoden mitgeben, damit sie sich weiterentwickeln können. Und genau darum geht es bei dem, was ich mache.

Ich habe SchülerInnen im Alter von 14 oder 15 Jahren, deren Kultur eigentlich die des "rock and roll" ist, aber sie interessieren sich auch für die bretonische Musik.
Nun geht es darum, ihnen zu zeigen, wie sie ihre "rock and roll"-Kultur und die bretonische Musik harmonisch miteinander unter einen Hut bringen können. Sie werden dann schon was daraus machen, das hoffe ich wenigstens.

Nach all der Ereignisse in den 70er und 80er Jahren hat die bretonische Musik mittlerweile eine solide Basis entwickelt ?

Absolut. Es gibt Organisationen wie DASTUM, die gute Arbeit geleistet haben und weiterhin leisten. Für diese jungen MusikerInnen ist das eine wertvolle Hilfe.

Ich bin optimistisch ! Es ist wie mit der Sprache: die bretonische Musik ohne die Sprache nicht existieren, und genau darum geht es bei all dem. Wenn man sich nicht für die Sprache einsetzt, dann kann man sich auch nicht für die Musik engagieren.

Als Schlußwort fällt mir eine ganz witzige Anmerkung von Pierre Yves Moign hier aus Brest ein: "die einzig wahre traditionelle Musik, das ist der Schrei des Neandertalers, der sich auf die Brust schlägt" - und seit dem Neandertaler gab es doch eine ganze Menge Veränderungen. Und das waren ja irgendwie alles Vermischungen...

(Interview und Übersetzung: Willi Rodrian, 2001)