Ein Tag mit... Cécile Corbel
 

Eine Fee im Königreich der Harfenspieler


(ein Interview von Philippe Cousin, veröffentlicht in Peuple Breton N°570-571, Juli/August 2011)

Mit großem Talent geht sie ihren ganz eigenen Weg bereits seit einigen Jahren in der Bretagne und in der Welt außerhalb der Bretagne. Die junge Harfenistin Cécile Corbel, die im Jahr 2010 dank eines Soundtracks für einen Animationsfilm ein unglaubliches Abenteuer im Land der aufgehenden Sonne erleben konnte, präsentiert uns derzeit ein neues Folk-Pop-Album, inspiriert von der keltischen Sagenwelt.

Cécile Corbel"Ich bin eine junge Harfenistin und Sängerin", beginnt Cécile. "Ich wurde vor 30 Jahren auf Cap Sizun geboren, in Pont-Croix genauer gesagt. Seitdem bin ich viel herum gekommen und momentan lebe ich zeitweise in Paris und in der Bretagne."

Erst relativ spät, mit 15 Jahren entdeckt Cécile Corbel rein zufällig bei einem Konzert der Griechin Élisa Vellia die Harfe. "Bis dahin spielte ich lediglich ein bisschen Gitarre. Schon seit meiner frühen Kindheit liebe ich Musik, aber ich hatte nie die Idee, einmal davon zu leben. Zu Beginn  war das eine Liebe auf den ersten Blick für das Instrument an sich, ein visueller Schock quasi – mehr für die Harfe an sich als für die Musik. Form und Klang der Harfe erschienen mir wie ein Zauber. Noch bevor ich die Harfe spielte, war ich von ihr verzaubert."

Élisa Vellia, die auch in Pont-Croix lebt, wird auch ihre erste Musiklehrerin. Ein Jahr lang lernt Cécile bei ihr. Danach folgen eine ganze Reihe anderer Harfenlehrer, später eine Zeit autodidaktischen Lernens. Nach ihrem Abitur geht Cécile nach Paris, um dort Archäologie zu studieren. Dort kommt es zu ersten Begegnungen mit der bretonischen Gemeinde, die im Viertel Montparnasse lebt. "Ich bin dort mit etlichen Musikern zusammen gekommen, in der irisch-bretonischen Folkszene. Die haben mich schon bald eingeladen, mit ihnen in den Pubs und bei Sessions zu spielen. Ich glaube, dass ich erst dort wirklich gelernt habe, auf meinem Instrument zu spielen. Dort fiel dann auch die Entscheidung, die Musik zu meinem Beruf zu machen. Das ist eine sehr gute Schule, um sich das Repertoire anzueignen und um sich an die Bühne zu gewöhnen."

Der Einfluss der großen Harfenspieler

Jetzt spricht Cécile von den Harfenisten, die sie beeinflusst haben: "Die bretonische Harfenszene ist ziemlich vital. Es gibt dort immer mehr Harfenisten und jeder von ihnen hat seinen eigenen Stil. Es ist aber vor allem Alan Stivell, den ich persönlich am meisten schätze. Er hat eine ganz spezielle Ausstrahlung und ich hebe ihn deswegen auch besonders hervor. Durch ihn und durch seine Alben habe ich die große Vielfalt dieser Musik entdeckt. Meines Erachtens ist er ein ganz besonderer Mensch, ganz abgesehen davon, dass er es war, der die Harfe in der Bretagne populär gemacht hat."

Noch als Schülerin hatte Cécile Cornel einmal die Gelegenheit, bei einem Konzert in Reims als Support Act vor Alan Stivell aufzutreten. "Er erinnert sich vielleicht gar nicht mehr daran, aber für mich war das ein sehr wichtiges Erlebnis. Wir sind uns seitdem ziemlich oft wieder begegnet, in Paris oder in der Bretagne und wir konnten uns über unsere Musik austauschen."Cécile Corbel

Auch wenn die keltische Harfe ein traditionelles Instrument ist, so ist Cécile Musik nur teilweise keltisch oder traditionell. "Bei mir geht es vor allem um zeitgenössische Musik. Man kann ihr natürlich das Etikett Folk verpassen, weil diese Bezeichnung meine Musik wahrscheinlich am besten beschreibt."

Schon als Cécile noch Gitarre spielte, hat sie versucht, ihre ersten Stücke zu komponieren, das jedoch ohne großen Erfolg. "Mit der Harfe, das war wie Magie" wundert sie sich noch heute. "Ich begann sofort zu komponieren. Das lag am Instrument. Jede Seite ist eine Note und die Noten klingen auch sofort wunderbar. Meine Lehrer unterrichteten mich ohne Noten und haben mich von Anfang an dazu  ermutigt zu improvisieren."

Und woher bezieht sie ihre Inspirationen?

"Ich lese sehr viel. Und ich schöpfe sehr viele Ideen aus der Welt der Märchen und Sagen, vor allem keltische. Ich liebe es, dass es meine Lieder anderen ermöglichen, zu träumen, dem Alltag zu entfliehen."

Cécile Corbel wurde manchmal mit Musikerinnen wie Loreena McKennitt oder Enya verglichen. "Das ist sehr schmeichelhaft, aber ich finde, dass das eigentlich gar nicht stimmt. Loreen McKennitt ist eine großartige Musikerin mit einer sehr tiefen Stimme – stimmlich also das genaue Gegenteil von mir. Die keltische Musik hat mich immer stark beeinflusst, der Rock aber genauso: Led Zeppelin, Deep Purple… In der Tat höre ich total viel Musik. Weltmusik und vor allem eine unglaubliche Sängerin, Susheela Raman, deren Arbeit ich bewundere."

Das unglaubliche Abenteuer von Arriety

Das Jahr 2010 wurde durch ein ganz besonderes Ereignis geprägt: die Komposition des Soundtracks für den Animationsfilm Arietty, die kleine Welt der Langfinger. Ein fantastisches Abenteuer, das vor allem mit einer Reihe von Zufällen begann.Cécile Corbel

„Mein Lebensgefährte Simon Caby und ich sind große Fans japanischer Animationsfilme“ erinnert sie sich. „Vor allem die Filme der Ghibli-Studios, eines der bedeutendsten in Japan, haben es uns angetan. Dort entstanden Filme wie Prinzessin Mononoké oder Chihiros Reise. Ganz naiv haben wir damals mein Album Songbook 2 nach Japan geschickt, eigentlich eher als Geschenk eines Fans. Dort ist es schließlich auf dem Schreibtisch des Produktionsdirektors Toshio Suzuki gelandet, genau zu dem Zeitpunkt, als er auf der Suche nach der Musik für den nächsten Film war. Er hörte den ersten Titel, dann das ganze Album und er war hingerissen. Es hat ihm tatsächlich so gut gefallen, dass er den Kontakt zu mir aufgenommen hat und mir vorgeschlagen hat, die Titelmelodie für seinen Film zu komponieren.“

„In diesem Filmstudio hatte man noch nie mit jemandem aus dem Westen zusammen gearbeitet und da ich in Japan noch völlig unbekannt war, waren sie zu Beginn noch etwas misstrauisch. Aber da ihnen das erste Lied gut gefiel, haben sie zwei weitere Titel angefragt. Das war im Mai und im September 2010. Schließlich haben sie mir den gesamten Soundtrack anvertraut.“

Dieser Auftrag beschäftigte Cécile und Simon schließlich ein ganzes Jahr lang und insgesamt waren knapp dreißig Musiker an der Entstehung des Soundtracks beteiligt.

Die Komposition und die Aufnahmen fanden in Simons Studio Frankreich statt, gemeinsam mit den Musikern, mit denen Cécile normalerweise zusammen spielt. Es waren aber auch eine Reihe Musiker aus der Bretagne beteiligt: Régis Huiban und Cyrille Bonneau (Wig a Wag). Während der verschiedenen Entstehungsphasen des Films waren Cécile und Simon immer wieder in Japan, um ihre Arbeit dort zu präsentieren.

Der Film wurde selbstverständlich auf japanisch veröffentlicht. Es wurden jedoch auch Versionen in Englisch, Mandarin, Kantonesisch, Deutsch und Französisch eingespielt.

„Und dann hatten wir die Idee, den Film auch in einer bretonischen Fassung zu synchronisieren“ fügt Cécile hinzu. „Das schlugen wir den Ghibli-Studios vor, die schon bald zustimmten. Aber bei so einem Projekt geht es nur um die künstlerischen Aspekte. Und das kostet Zeit.“

Die Werbetour im Sommer 2010ermöglichte es Cécile, ihre Musik in ganz Japan zu präsentieren während die Vertriebsfirma des Soundtracks auch ihre anderen Alben in Japan auf den Markt brachte.

Die Wiedergeburt mit einem neuen Album

Nachdem Cécile seit 2005 drei Alben veröffentlich hat, stellt sie uns heute ihre neueste CD vor: Songbook Vol. 3 – Renaissance.

„Wie der Titel schon sagt, handelt es sich um eine Sammlung von Liedern“ erklärt sie. „Jedes Lied erzählt eine eigene Geschichte, in etwa so wie ein Buch. Und der Untertitel Renaissance hat mehrere Bedeutungen. Vor allem geht es meine eigene Renaissance/Wiedergeburt, nachdem ich gut zwei Jahre lang mit dem Projekt Arietty und der darauf folgenden Werbekampagne komplett belegt war. Danach ging ich wieder meine eigenen Wege als Liedermacherin in meinem eigenen kleinen Universum. Und nicht zuletzt ist das neue Album auch eine kleine Hommage an Alan Stivells legendäres Album Renaissance de la harpe celtique.“

Cécile hat dieses Album gemeinsam mit ihren treuen Weggefährten aufgenommen, an erster Stelle natürlich Simon Caby, der mit seinen vielfältigen Talenten ausschlaggebend für die Umsetzung des Albums war. Er komponiert, arrangiert und er spielt etliche Instrumente: Gitarre, Bass, Piano, Schlagzeug. Aber auch Cyril Maurin und Pascal Boucaud, die beiden Musiker, die Cécile als Trio auf den Bühnen begleiten, sind mit von der Partie. Ebenso der schon früher erwähnte Cyrille Bonneau, der alle mögliche Blasinstrumente spielt sowie das Streicher-Duo Gilles Donge und Éric Zorgniotti, Jean-Bernard Mondolini (Bodhrán) und John Lang (Uillean Pipes).

Das Cécile Corbel-Trio: C. Corbel, C. Maurin, P. BoucaudIn ihren Lieder begegnet man dem König der Feen, einer Frau, die als Hexe angeklagt wird, ein paar Glühwürmchen oder einem irischen Soldaten: „Fireflies beispielsweise geht am meisten in Richtung Pop auf diesem Album. Es handelt von jemandem, der den Himmel mit Glühwürmchen erleuchten will, weil es nicht genug Sterne gibt. Elisabetha erinnert an die bekannte Geschichte der Hexen von Salem. Diese Person hat wirklich existiert und sie hat diese kollektive Hysterie in der Gegend um Massachusetts 1692 überlebt.“

Anzumerken ist auch, dass das Beiheft der CD von Cécile selber konzipiert und zu Teilen auch realisiert worden ist. So stammen die Zeichnungen, die die Seiten ausschmücken, von ihr selber. Zeichnungen, die sie als Jugendliche gemalt hat. Auch das eine Rückkehr zu den Ursprüngen.

Weitere Projekte ?

Cécile CorbelNach der Veröffentlichung des neuen Albums stehen nun den ganzen Sommer lang Tourneen in der Bretagne an, danach drei Wochen in Deutschland, wo sie schon mehrmals aufs wärmste empfangen wurde.

Hinzuzufügen wäre noch, dass es mit Arietty weiter geht und dass dieses Abenteuer noch lange nicht am Ende ist. Der Film wird demnächst auch  in anderen Ländern präsentiert werden. Und Cécile kann sich in neue Abenteuer stürzen.

Und dann ist da noch ein weiteres Projekt, dass sie bereits beschäftigt: im kommenden Jahr möchte sich Cécile ihrer anderen Leidenschaft widmen, dem Zeichnen. Aber das ist alles noch ganz geheim.
„In Japan würden sie 2012 gerne eine neue Tournee organisieren, jetzt, da man meine Musik dort entdeckt hat.“

Die junge Musikerin hat also keineswegs vor, sich auf ihren frischen Lorbeeren auszuruhen.

Übersetzung: Willi Rodrian, 2011