JULIEN CORNIC

Präsident von Dastum Bro Dreger / Musiker

 

















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Julien Cornic, Präsident von Dastum Bro Dreger

Wir haben auf unserer homepage bereits über Julien CORNIC berichtet. Er gehört zu den engagiertesten und aktivsten Kämpfern für die bretonische Kultur, die derzeit in der Szene tätig sind.

Darüber hinaus ist er Musiker und spielt als "sonneur en couple" und als Mitglied der Formation BD Swing Orchestre.

Im September 2002 hatte ich die Gelegenheit, mit ihm in seinem neuen Zuhause im Norden der Bretagne im Trégor, ein Gespräch über seine Erfahrungen als Präsident von Dastum Bro Dreger und als "Kulturmanager" zu sprechen.



Kannst du nach mittlerweile 6-jähriger Amtszeit als Präsident von Dastum Bro-Dreger eine kurze Bilanz ziehen ?

Eine Bilanz meiner Zeit als Präsident... Ja , es ist in 6 Jahren tatsächlich eine ganze Menge geschehen. Vor allem ging es darum, Dastum im Trégor wieder ein bisschen in Schwung zu bringen. Es gab ja vorher auch schon andere Teams, die haben aber geschlafen. Im Trégor gibt es Dastum seit mittlerweile 25 Jahren, unsere Niederlassung ist eine der "antennes" von Dastum in der Bretagne und wir sind sozusagen Teil der dritten Welle.

Es gab eine erste Welle, das war damals in erster Linie die Familie Troadeg. Danach, die zweite Welle, wurde vor allem von Bernard Lasbleiz getragen, der damals gerade aus Paris zurückkam. Er spielte zu der Zeit bei Ti Jaz und hat Dastum unterstützt. Danach kamen dann die Jugendlichen vom Lycée in Lannion, die haben diese Initiative weitergeführt.

Das war damals nach einem fest-noz, das wir gemeinsam mit allen jungen Musikern aus dem Trégor organisiert hatten. Wir wurden gefragt, ob wir nicht daran interessiert wären, mit Dastum weiterzumachen. Also haben wir ein neues Team gebildet, um die Arbeit bei Dastum zu übernehmen. Dastum befand sich zu der Zeit ein wenig in einer Art Dornröschenschlaf...

Zu Beginn ging es uns darum, Dastum wieder bei den Leuten in Erinnerung zu bringen und wir wollten in unserer Gegend Präsenz zu zeigen. Und genau zu diesem Zeitpunkt haben wir begonnen, regelmäßig "veillées" zu veranstalten.
Am Anfang war es eine "veillée" im Monat. Inzwischen veranstalten wir zwei bis drei "veillées" monatlich, vorwiegend im Zeitraum zwischen September und Mai. Wir haben beschlossen, im Sommer keine derartigen Veranstaltungen durchzuführen, da es im Sommer ja schon genug andere Sachen gibt.

Unsrere Zielgruppe bei Dastum, das sind mehr die Leute, die hier leben als die Sommergäste. Seit vielen Jahren sind wir immerhin auch Partner des "festival plinn du Danouet" (Festival Plinn du Danouët).

Die Grundidee bei den veillées war es, gesellige und kostenfreie Abende zu gestalten, wo die Leute aus den kleinen Kommunen des Trégor und aus den unterschiedlichsten Gemeindesälen zusammenkommen können, wo die Leute die Sänger hören konnten, die "sonneurs" und die Geschichtenerzähler der Gemeinden.

Julien Cornic Der Hauptgedanke einer veillée ist, dass jeder, der den Zuschauern etwas vorstellen möchte, dies auch tun kann. Jeder Abend wird von jemandem moderiert, der die Leute aufruft und all das. Alle kommen zusammen, man trinkt was Kleines um die gesellige Seite zu betonen.

Gut ist, dass wir es geschafft haben, einen Treffpunkt zu schaffen. Es sind immer mindestens 50 bis 200 Personen, die bei einer solchen veillée zusammenkommen. Dort mischen sich die Generationen, das heißt es kommen Kinder, Alte, Jugendliche. Das ist sympathisch, weil alle sich treffen und austauschen können.

Zudem sind dies ausschließlich einsprachige Abende. Das heißt, alles findet auf bretonisch statt, die ganze Zeit. Es ist in der Tat ein gutes Instrument auf lokaler Ebene geworden. Die veillée ist auch eine Art Kompliment an die vielen bretonischen Sprachkurse, an die Schulen, weil die Schüler in den Schulen Sketche und so was lernen.

Wenn es wirklich einen Erfolg gibt, dann im Bereich der Schulen. Dort gibt es Lehrer, die angefangen haben, ihre Schüler auf die veillées zu schicken. Das bringt sie aus dem schulischen Rahmen heraus und es gibt ihnen die Möglichkeit, zu zeigen, was sie gelernt haben.

Dann gibt es auch Leute, die die veillées als Arbeitsinstrument sehen, das heißt, es gab professionelle Musiker, wie z.B. Marthe Vassallo oder andere, die eine Woche lang "en répétition" waren und die sich sagten: Ah, eine veillée am Freitagabend, wir werden was erarbeiten, um es dort vorzutragen und sehen, ob und wie es ankommt, wie die Leute die Stücke annehmen".

Es gab nicht wenige Musiker, die auf diese Weise ihr Programm ausprobiert haben, um zu sehen, wie es ankommt. Das ist nett, auch weil sie so den Umgang mit einem Publikum ausprobieren können, das sehr umgänglich ist. Dort können sie ihre Stücke vorab testen.

Es ist auch ein Ort, wo man die Möglichkeit hat, sich bretonisch auszudrücken.- vor allem für die Alten - die Alten früher hatten ihre traditionellen Plätze und Anlässe, sich zu treffen, da gab es die "repas" (gemeinsame Essen), die Hochzeiten, solche Sachen, wo jeder seine Lieder und seine Geschichten zum Besten geben konnte. Heute werden für die Hochzeiten Leute engagiert, die Platten auflegen mit Unterhaltungsmusik. Leute, die singen, sind nicht mehr gefragt. Plötzlich waren diese Orte des Austausches verschwunden. So haben wir mit den veillées versucht, eine Gelegenheit oder ein Forum zu schaffen, wo die Leute trotzdem zusammenkommen und sich austauschen können.

Das Repertoire der Sänger und Erzähler war anfangs immer das gleiche. Doch sie hatten von Jahr zu Jahr mehr Skrupel und begannen, in ihren Erinnerungen nach Vergessenem zu suchen oder lernten wieder neue Lieder. Das Repertoire hat sich also entwickelt und ist somit reicher geworden. Ist das der Grund warum das Trégor ein bisschen so was wie das "Land der veillées " geworden ist?

Es gibt so was auch im Süden der Bretagne. Aber es ist wahr, dass das Trégor eine sehr alte Tradition hat, was die veillées betrifft.

Genaugenommen ist das Trégor keine Region, in der viel getanzt wird, wie man es zum Beispiel im Zentrum der Bretagne antrifft. Wir haben traditionell mehr Liedgut, humorvolle Lieder, auch Theater in bretonischer Sprache. Darum ist die veillée in der Tat sehr wichtig im Trégor, dort versteht man bretonisch, man hört zu.

Die Leute kommen natürlich alle gerne dorthin. Und das Interessante ist, dass es einsprachige Abende sind. Da sind zum Beispiel viele Schüler aus Bretonisch-Kursen, die zu diesen Treffen kommen. Sie stammen meist aus Familien, die nicht bretonisch sprechen und durch die veillées haben sie die Gelegenheit, die Sprache zu praktizieren und zu hören.
Deswegen sind die Abende auch kostenlos. So können Leute, die kommen und nichts verstehen, auch wieder fahren, ohne Eintritt gezahlt zu haben. So bleiben die Leute den ganzen Abend, sie sagen sich: hier ist nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen.

Die veillées dienen zugleich dem Hauptzweck von Dastum, nämlich dem Sammeln von traditionellem Liedgut. Alle Abende werden auf Band aufgenommen und mit Fotos dokumentiert - auf diese Weise gibt es Aufzeichnungen von überall im Trégor.

Sämtliche Aufnahmen sind bei Dastum abrufbar. Was die veillées betrifft, da versuchen wir jedes Jahr große Treffen rund um ein bestimmtes Thema zu veranstalten. Wir haben besipielsweise einmal ein zwei-Tages-Fest nur zum Thema Akkordeon gemacht. Vorträge, Konzerte, Ausstellungen und all so was nur zum Thema Akkordeon. Wir veranstalten auch auch festoù-noz "tirage à la sort" (bisher 3 Ausgaben). Also festoù-noz, bei denen die teilnehmenden Gruppen und Interpreten vorher ausgelost werden.

Julien Cornic Wir haben mal ein Fest zum Thema Geschwisterpaare in der bretonischen Musik gemacht. Letztes Jahr haben wir die erste Weltmeisterschaft im "Beleidigen & Beschimpfen" ("championnat du monde d'insulte") auf bretonisch organisiert und wir werden das dieses Jahr wieder machen. Angelehnt an die "fête du chant" in Bovel (35), entstand die Idee, Rede-Duelle auf bretonisch zu organisieren, um den Sprach- und Poesiereichtum auf bretonisch zu zeigen und das natürlich auch zu dokumentieren.

Bretonische Schimpfworte beziehen sich meist auf Tiere, Berufe und die umliegenden Dörfer. Das ist mehr Poesie als ein Austausch von derben Obszönitäten. Ich vergleiche dich zum Beispiel mit dem Schwein. Das kann sich auf das Dorf oder den Landkreis beziehen, in dem du lebst und es gibt Sprichwörter oder auch Redensarten über dein Dorf, die vom Nachbardorf erfunden wurden und solche Sachen.

Die Meisterschaft findet in Mannschaften statt, mit einer Jury, die aus Linguisten besteht. Dabei entstand dann eine enorme Energie, mehr als alles andere und vor allem konnte man sich bei der ganzen Veranstaltung kaputt lachen.

Es war also ein Wettkampf zwischen zwei Mannschaften aus jeweils vier Personen. Als regionale Grenze nahmen wir die RN 12 (Rennes-Brest). Der Norden und der Süden trafen aufeinander. Dieses Jahr wollen wir das gleiche noch mal veranstalten, diesmal aber im Süden. Dieses Jahr findet der Wettstreit in Prat statt, also im Norden und nächstes Jahr wird die Revanche im Süden ausgetragen (am 22. Februar 2003 in Guerlesquin)

Kannst du ein paar Worte zum "concours interlycées" sagen?

Ja, aber das hat nicht viel mit Dastum zu tun. Das läuft ein bisschen nebenher. Nachdem nun ein Jahr Pause war, was den Wettstreit der Gymnasien betrifft, werden wir dieses Jahr wieder damit weitermachen. Einige Gymnasien haben sich als Veranstaltungsort beworben. Man müsste nun parallel dazu einen Trägerverein gründen, die selbstverständlich unabhängig sein muß. Ähnlich wie bei den großen Wettbewerben der Universitäten, die eine unabhängige Struktur haben, die den Wettstreit organisiert und die für die Kontinuität sorgt - also auch in den Zeiten zwischen den eigentlichen Veranstaltungen. Bislang geht das Ganze vom Gymnasium von Lannion aus.

Gab es in den vergangenen Jahren Gruppen, deren Karriere auf ihre Teilnahme an dem Wettbewerb zurückzuführen ist?

Alle jungen Gruppen, die in der letzten Zeit bekannt geworden sind, haben letztlich beim "concours interlycées" gewonnen. Viele Gruppen wie Spontus, Ménestra oder beispielweise Karma.

Das Duo Martin-Hamon beispielsweise hat den ersten concours gewonnen. Der concours hat viele Partnerschaften mit diversen Festivals, darum machen sie anschließend eine Tournée durch die Bretagne. Sie spielen in Lorient, in Quimper... So haben sie die Möglichkeit überall herumzufahren und sich vorzustellen.

Was denkst du über die Vielzahl von Fest-Noz-Gruppen die es jetzt in der Bretagne gibt und die eine enorme Anzahl von CDs herausbringen. Gibt es einen Markt für all diese Produktionen?

Das ist schon ein Problem. Ich finde, seit einigen Jahren scheint es bei den Plattenfirmen keinerlei klare Linie mehr zu geben, was die Herausgabe von Musikproduktionen betrifft. Alles und jedes wird beliebig veröffentlicht. Vor 10 -15 Jahren noch war es so, dass du in ein Musikgeschäft gehen konntest auf der Suche nach bretonischer Musik. Da konntest du dann irgendeine CD herausnehmen und dir sicher sein, gute Qualität zu bekommen. Heutzutage gibt es so viele Sachen in so vielen unterschiedlichen Qualitäten, dass das die Musik in Misskredit bringt. Es gibt nur ca. 40 % unter den Produktionen, deren Qualität gut ist, der Rest taugt nichts.

Ist die Homepage (die du entwickelt hast) www.stalig.com ein Erfolg?

Im Augenblick läuft das ganz gut, ja. Noch sind die Leute zurückhaltend mit dem Online-Kauf. Es gibt immer noch nicht sonderlich viele Leute, die über das Internet was kaufen. Aber das gibt uns die Möglichkeit, uns für die Zukunft gut zu platzieren. Wir denken, dass die ganzen Sicherheitsprobleme überwunden sind. Jetzt muss es darum gehen, die Gewohnheiten der Leute zu verändern.

Wie steht es mit Projekten für die Zukunft ?

Dieses Jahr werden wir bei Dastum viel an der Herausgabe arbeiten. Wir sind dabei, eine musikalische Enzyklopädie des Trégor zu erstellen. Wir werden eine CD-Serie produzieren über Lebenserzählungen. Die Leute werden anhand verschiedener Themen ihre Lebensgeschichten erzählen. So arbeiten wir an einer ersten CD über den Gemüseanbau.
Das heißt über den Anbau von Gemüse im Trégor, die Kartoffeln, den Kohl, den "coco de Paimpol", über die traditionelle Küche und somit auch die traditionelle Landwirtschaft. Dies wird der erste Themenkomplex. Wir machen das in Zusammenarbeit mit Radio Kreiz Breiz. Und dann haben wir noch so einiges anderes vor.

(Interview: Willi Rodrian - Übersetzung: Petra Rodrian, 2003)