LOUISE EBREL

"die Erbin der soeurs Goadeg",
Teil 1 (weiter zu Teil 2)


(von Dominique Le Guichaoua, in:
TRAD Magazine N 88, März/April 2003)









Eugénie Goadeg und Louise Ebrel 1997 in Spézet


Das Interview stand unter traurigen Vorzeichen. Gerade als dieser Artikel geschrieben wurde, verstarb Eugénie, die letzte der soeurs Goadeg im Alter von 93 Jahren. Nun sind die berühmten bretonischen Sängerinnen endgültig zur Legende geworden. Und viel hat nicht gefehlt, dann hätte wirklich alles damit geendet. Auch wenn es heute allgemein akzeptiert ist, dass Louise Ebrel das Erbe ihrer Familientradition angetreten hat, so war es doch einer Wendung des Schicksals zu verdanken, dass sie nicht ganz andere Wege beschritten hat. Man kennt sie gut und sie und ihr "compère" Iffig Flatrès lassen manch ein fest-noz mit ihrer unglaublichen Dynamik zum unvergesslichen Ereignis werden.

Andererseits ist ihre Vorliebe für die gwerzioù (Anm. d. Verf.: die bretonischen Klagelieder, die im Gegensatz zum tanzorientierten "kann ha diskan" stehen) kein Geheimnis und sobald sich ein interessantes Projekt anbietet, ist sie bereit, sich für so einzigartige Vorhaben zu engagieren, wie beispielsweise "L'abrie du marin". Das ist eine Inszenierung, die aus einer Mischung zwischen Lesung und Gesang besteht und das Leben der Fischer beschreibt. Dieses Stück wird mittlerweile im zweiten Jahr im Nationaltheater in Quimper aufgeführt.
Aber zuerst wollen wir gut 40 Jahre zurückblicken auf die Epoche, in der soeurs Goadeg gerade bekannt wurden...



Louise Ebrel im Studio
"Das war so 1956/57... Loeiz Roparz ist gerade dabei, die festoù-noz wieder zu beleben, als meine Tanten und meine Mutter anfingen, in der Öffentlichkeit zu singen. Vor dieser Zeit waren die festoù-noz noch etwas ganz anderes als heutzutage. Man nannte es das fest-noz "patatez" (breton.: Kartoffeln), bei dem die Leute nach bestimmten Arbeiten auf dem Hof zusammenblieben. Albert Trividic war einer der ersten, der sie dazu aufforderte, öffentlich zu singen. Tatsächlich war es so, dass sie nur äußerst selten alle 5 gemeinsam auftraten. Eine meiner Tanten lebte in Chateauneuf du Faou. Als man sie einmal dazu einlud, in Treffrin zu singen, da sagte sie nur unter der Bedingung zu, dass die anderen Schwestern auch kämen. Also sangen sie alle 5 zusammen in Treffrin. Etwas später sangen sie damals auch in Chateauneuf und dort hart Georges Le Meur (der ehemalige Bürgermeister) einen Amateurphotographen dazu angestachelt, jenes berühmte Photo aufzunehmen, eines der seltenen, wenn nicht sogar das einzige, dass sie alle 5 gemeinsam beim singen zeigt.

Eigentlich haben die soeurs Goadeg zu zweit mit dem Singen begonnen: Tasie und Tanon. Erst ein Jahr später kam Eugénie dazu. Sie kannten alle dieselben Lieder, aber am allerbesten beherrschte Tanon die Lieder, die sie schon als kleines Mädchen gesungen hatte. Sie war als Kind oft krank und manche hatten geunkt, dass sie nicht sehr alt werden würde. Die Lieder lernte sie von einer ihrer Großtanten. Deshalb hatte Tanon mehr Ahnung davon als meine Mutter und Tante Tasie, obwohl die beiden auch über ein ganz ordentliches Repertoire verfügten, dass sie in den Scheunen nach der ernte erlernt hatten.

Meine Großmutter führte außerdem ein Bistrot in Treffrin und mein Grovater war dort 25 Jahre lang der Kirchendiener. Das Bistrot befand sich direkt neben der Kirche und es kamen eine Menge Leute dorthin. Es gab da auch einen Flecken erde mit 3 oder 4 Kühen neben dem Bistrot. Dort wurde immer gesungen. Und so war es für die soeurs Goadeg, genauso wie für die frères Morvan zu dieser Zeit, kein Problem zusammen zu singen. Sie hatten alle die gleiche Stimmlage undsie interpretierten die Lieder auf dieselbe Art und Weise. Für die "diskaner" (diejenigen, die beim Wechselgesang "kann ha diskan" antworten bzw. in die Vorlage des "kaners" einfallen) ist es zu dritt tatsächlich schwieriger. Der "kaner" ist immer derjenige, der den Tanz anführt, aber die anderen müssen richtig und gleichzeitig antworten. Sie müssen richtig betonen und die Worte auf die gleiche Weise aneinanderfügen. Es gibt da eine Menge Dinge, auf die man achten muß.

Ich erinnere mich daran, dass bei uns zuhause immer gesungen wurde. Auf dem Feld beim Hacken der Rüben, bei den unterschiedlichsten Arbeiten. Sogar in der Kirche!
Meine Großmutter hatte zwei Schwestern und die leute aus den Nachbargemeinden kamen nur deshalb zur Messe nach Treffrin, um die drei "Claude-Mädel" singen zu hören. Einige Jahre später kamen sie dann, um die soeurs Goadeg zu hören. Das war schon was, wenn die dann lateinisch sangen! Zu Beginn begleiteten sie den "Cercle Celtique" von Carhaix. Ich bin auch ein oder zwei mal dorthin gegangen, aber mir gefiel das nicht besonders, weil ich kaum bretonisch sprach und weil die Aussprache dort ganz anders war. Ich habe mich da ein bisschen geschämt. In den 60er Jahren haben sie dann Alan Stivell kennengelernt, der von der Qualität ihrer Stimmen und von ihrem Repertoire begeistert war.

Es gab kein Telephon, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Tanon hatte die Fäden in der Hand und kümmerte sich um alles. Es kamen eine Menge Leute, die sie besuchen wollten und sie sie dann auch immer mitnahmen, weil sie selber kein Auto besaßen. Die Leute schrieben ihnen und Tanon beantwortete die Post. Sie kümmerte sich um die Buchhaltung. Da meine Tante einen Bauernhof bewirtschaftete, musste sie sich um die Kühe kümmern, bevor es zum Singen ging. Das lief dann immer gleich ab. Die Leute kamen nach Carhaix und nach einer Portion Kaffee und Crêpes fuhren sie mit meiner Tante zum "Tache ar groaz" in Treffrin, um Tanon abzuholen. Dort gab es dann zum zweiten Mal Kaffee und Crêpes. Danach ging's weiter zum Hof von Tasie: "Aber ihr nehmt doch noch schnell einen Kaffee ! Ohne Kaffee können wir nicht losfahren!" Schließlich kamen sie dann los und so ging es dann immer weiter. Bei der Rückfahrt kam es auch vor, dass derjenige, der sie wieder nach hause brachte, etwas getrunken hatte. Dann erzählten sie sich auf der Fahrt Geschichten. Tasie dachte einmal, dass der 2CV schneller fahren würde als ein Mercedes, weil der Fahrer so schwungvoll in die Kurven ging.

Louise - Albert Eugénie. 18.April 1997. Das 40-jährige Jubiläum von Coop Breizh in Spézet. Louise mit ihrer Mutter Eugénie Goadeg und Albert Quelven (Photo: Dominique Le Guichaoua) Wenn es zum fest-noz von Pont-Malvez in Guingamp ging, dann wurden sie immer vom Pfarrer abgeholt. Er musste auch noch die beiden "sonneurs" in Poullaouen abholen. Dieses eine Mal, von dem mir meine Mutter erzählt hatte, waren sie zu siebt im Auto. Tanon und Tasie hintern mit den beiden Musikern und Eugénie vorne. Auf dem Weg zum fest-noz trafen sie dann noch auf einen Anhalter und der Pfarrer hielt an, um den auch noch mitzunehmen. Meine Mutter sagte: "Wir halten nicht an, um den auch noch mitzunehmen." - "Aber doch, klar doch!!!" - "Aber wo soll der denn hin?" - "Auf deine Knie!!!" Die soeurs Goadeg sagten daraufhin zum Pfarrer: "Vorsicht, wir werden im Graben landen" und er antwortete immer: "Aber nicht doch, Gott ist mit uns!"
Einen Monat später gab es da unten wieder ein fest-noz, aber der Pfarrer kam nicht. Er war mit seinem Auto verunglückt!

Ein anderes Mal wurden sie mit einem Jaguar abgeholt, zu einem fest-noz in Faouet... Davon gibt es leider kein Photo, von all diesen ereignissen gibt es kaum Aufnahmen. Sie konnten endlos solche Geschichten erzählen. Nach den festoù-noz brachte man sie immer nach hause und oft sangen sie auf der Heimfahrt Lieder, die sie sonst nie sangen. Die Leute kümmerten sich sehr aufmerksam um sie, wenn sie ankamen. Man war gerne für sie da. Für sie war der Tisch immer mit Kaffe, Kuchen und Crêpes gedeckt. Es machte ihnen großen Spaß zu singen. Und was wichtig ist, es hat sie nicht verändert. Zu singen, das war für sie die natürlichste Sache der Welt. Bei mir ist das genauso. Singen ist etwas ganz natürliches, ich mache da keine große Sache draus! Ich habe diese Stimme, das ist einfach so und deswegen verstehe ich das nicht so ganz, wenn ich manche Leute sagen höre: "Mein Gott, wie macht sie das nur?" Wenn man gerne singt, dann ist das einfach so.

Aufführung von 'Voix de femmes de Bretagne' im Triskell in Pont l'Abbé. V.l.n.r.: Klervi Rivière, Louise Ebrel, Lydie Le Gall, Marie Aline Lagadig, Annie Ebrel (Photo: Dominique Le Guichaoua) Manchmal komme ich an Orte, wo die Leute sich tief bewegt an den Aufenthalt der soeurs Goadeg in ihrer Gemeinde erinnern. Das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst. Damals war alles völlig unkompliziert. So blieb das auch, bis sie dann 1973 im Bobino auftraten. Das fanden sie überhaupt nicht mehr unkompliziert. Sie fanden die Leute so umständlich. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde meine Mutter einmal gefragt, ob ihr das gefallen hat. Sie hat mehr im Scherz geantwortet: "Das weiß ich nicht, wir konnten dort ja niemanden sehen!" Klar, sie standen da auf der Bühne und die Scheinwerfer blendeten sie total.

Aber keine Ahnung, ob sie das wirklich gestört hat. Die Aufnahme von diesem Auftritt ist bemerkenswert. Das war unvergleichlich, was sie dort geboten haben. Sie fanden lediglich, dass dort so ein Rummel um sie gemacht wurde. Sie waren auch einmal im Folkclub "Le Bourdon", aber sie haben sich geweigert, in der Sendung von José Arthur aufzutreten. Sie fanden, dass im Radio und im Fernsehen Dinge gesagt wurden, die ihnen nicht gefielen. Es gab Artikel von bestimmten Journalisten, die sehr ärgerlich waren. Die schrieben zum Beispiel, dass die soeurs Goadeg mit ihren Holzschuhen (sabots) gekommen wären und ihre Kühe alleine zuhause gelassen haben. Das war schon gemein. Das ist auch der Grund dafür, dass meine Mutter nicht sehr gut auf Journalisten zu sprechen war. Meine Tante war da lockerer, aber meine Mutter sagte oft: "Denen darf man nicht zuviel erzählen!" Einige Journalisten aus der Gegend waren sehr erstaunt, dass Eugénie sie nicht empfangen wollte. Ich glaube, dass sie das nicht nicht so ganz verstehen konnten, dass diese Leute aus ihnen Profit schlugen. Es war einfach so, dass sie gerne gesungen haben und sie haben sich nicht weiter um diese Dinge gekümmert. Sie waren unterwegs, sie begeneten anderen Leute, sie hatten ihren Spaß...

Viele Leute haben sich gerne zu ihnen gesetzt. Wann immer man in ihrer Nähe sein wollte, dann durfte man seinen Platz neben ihnen nicht verlassen. Der wurde dann sofort von jemand anderem besetzt. Da waren auch viele junge Leute. Ich glaube, dass es das war, was es ihnen leicht gemacht hat, alt zu werden. Sie sind immer mit der Jugend in Kontakt geblieben. Bei Tanon war immer die Bude voll. Da kamen Leute, einfach nur um mit ihr zu reden, aber auch andere, die sich für ihre Lieder interessierte.

Hast du ihr Comeback mitverfolgt ?

Ich wusste zwar immer, was bei ihnen so los war, aber da ich arbeitete, konnte ich selber nicht daran teilnehmen. 1958 bin ich nach La Forêt Fouesnant gezogen und als ich wieder geheiratet habe, da blieb ich auch dort unten. Anfangs war es meine Schwester Renée, die sie zu den festoù-noz gefahren hat. Später kamen dann die Veranstalter. Meistens sangen sie nicht, um groß daran zu verdienen. Es war für sie nie wichtig, sich auf der Bühne zu produzieren. Für sie war es nur die Freunde am Gesang. Was sie eigentlich singen würden, das besprachen sie immer erst kurz vor dem Auftritt. Sie probten auch niemals gemeinsam. Da sie ihre Lieder perfekt beherrschten, war es für sie auch möglich, die Lieder erst im letzten Moment auszuwählen.

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Discographie Louise Ebrel:

Louise Ebrel: "gwerz ha kan ar boz" Kerig K104, Distribution Coop Breizh
Eugénie Goadec/Louise Ebrel: "Gwriziou. Chant à danser et mélodies de Bretagne" CD 429/Coop Breizh

Mitwirkungen:

Abbaye de Beauport: "de pierres, de paroles et de musique" Kerig KCD 174
Dremmwel: "Glazik" DREM02, Coop Breizh


(Übersetzung: Willi Rodrian, 2003)