LOUISE EBREL

"die Erbin der soeurs Goadeg",
Teil 2 (zurück zu Teil 1)


(von Dominique Le Guichaoua, in:
TRAD Magazine N 88, März/April 2003)

Louise Ebrel und Ifig Flatrès beim fest-noz à la ferme 2004 (Photo: W.Rodrian)

Obwohl die Soeurs Goadeg immer mehr Beachtung fanden, hast dur dich uz dieser Zeit überhaupt nicht für ihr Repertoire interessiert?

Als wir jung waren, sangen wir immer in französischer Sprache. Ich kannte die bretonischen Lieder von meiner Großmutter. Sie war Schneiderin. Ich erinnere mich, dass sie im Oktober, kurz vor Schulbeginn, zu uns nachhause kam, um unsere "Sarraus" zu machen. Wenn sie guter Laune war, sang sie dabei. Man darf nicht vergessen, dass auch die Soeurs Goadec französisch sangen - die hatten die Lieder sicher von irgendwelchen losen Blättern gelernt. Jede hatte ihr Lieblingslied. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir "Maritza" beigebracht hat - ich frage mich, wie sie sich die Melodien merken konnte, denn sie hatte kein Radio.

Zu dieser Zeit interessierte mich das bretonische Repertoire nicht. Ich konnte es lesen, da ich meinen Katechismus in bretonischer Sprache gelernt hatte, aber in der Schule wurden man bestraft, wenn man es sprach.
Da ich 20 Jahre in der Gastronomie tätig war, nachdem ich Carhaix verlassen hatte, hatte ich weniger Gelegenheit zum Sprechen. Beim essen, auf Hochzeiten und bei ähnlichen Gelegenheiten fragte man mich gewöhnlich, ob ich nicht singen wolle.Damals mochte ich Edith Piaf, Mariano, Montand, Aznavour, Mouloudji, Nana Mouskouri, Jean Ferrat und Petula Clark sehr gern - ein bisschen von allem.

Heute sage ich mir, wenn es zu meiner Zeit erlaubt gewesen wäre, bretonisch zu singen, hätte ich vielleicht Karriere damit machen können. Aber damals war das für mich keine Thema. Das wäre mit Sicherheit schlecht angesehen gewesen. In den 80er Jahren sagte meine Cousine aus Motreff zu mir, dass sie nicht verstehen könne, warum ich nicht bretonisch singe. Sie war in dieser Szene integriert, da sie mit Boudouin und Maï Poher sang. Aber ich lebte in der Region um Quimper und hatte das alles hinter mir gelassen. Mit 18 bin ich nach Paris gegangen und danach jobbte ich ein überall ein bisschen. Ich konnte bretonisch sprechen, aber das war für mich nicht von großem Interesse. Das ging soweit, dass ich viele meiner Worte vergessen hatte.

Wie hast du wieder reingefunden?

Eines schönen Tages hörte ich Jean-François Kemener im Radio. Und plötzlich sagte ich mir: ich kenne das! Die Soeur Goadec singen das. Also hab ich mich für einen Kurs eingeschrieben weil mir bewusst war, dass ich eine Menge vergessen hatte! Und tatsächlich war es Yann-Fañch, der den Kurs in Brest leitete.
Ich hatte im Bretonischen eine andere Aussprache als er, da er aus Sainte Trefrin an der Grenze zum Morbihan stammte, aber die Melodien, die er sang waren dieselben, die ich gehört hatte. Wir kannten uns gut. Er hat mit meiner Schwester gearbeitet und kannte auch meine Mutter. Er muss ca. 16 Jahre alt gewesen sein, als er die Soeurs Goadec zum ersten Mal gesehen hatte. Er verbrachte den ganzen Abend am Fuße der Bühne und sah ihnen beim Singen zu. Wie viele andere auch war er fasziniert davon, wie das abging.

Mitte der 80 er Jahre bekam ich wieder Lust, dieses Repertoire noch mal aufzugreifen, das ich in meinem Inneren ja schon beherrschte/besaß. Wir waren zuhause 6 Kinder und letztlich singe nur noch ich. Ich mag die Melodien gerne, aber wenn man Kan Ha Diskan singt, denken die Leute gleich, man sei nur darin firm/ fit oder praktiziere nichts anderes. Nach und nach beherrschte ich das Repertoire der Soeurs Goadec und begann mit Roland Péron zu singen, der mich auf kleinere Feste einlud. Letztlich war das leicht für mich, trotzdem probte ich sehr viel. Ich wollte auf der Bühne nicht einfach irgendwas machen.
Ich sang in Kirchen, auf Volks- und Dorffesten und habe 5 Jahre beim Bagad Sonerien An Aod aus Pont LAbbé mitgewirkt. Ich habe sogar bei Umzügen mitgemacht - in der Tracht des Bigoudenlandes.
Letztlich glaube ich, ich hätte nie gesungen, wenn mein Mann Albert mich nicht so sehr dazu ermuntert hätte. Jetzt habe ich weniger Komplexe, aber es gab eine Zeit, da glaubte ich, wie meine Tante Tanon, dass nur das, was im Fernsehen lief wirklich gut sei.
Ich habe da schlechte Erinnerungen gemacht. Es gab einige Leute, die mir Bosheiten an den Kopf geworfen haben. Ich war in der Musikszene zu der damaligen Zeit nicht so integriert, war isoliert und ein bißchen hilflos, fühlte mich ausgeliefert. Sogar heute fühle ich mich in einer Gruppe die mir wohlgesonnen ist wohler. Ich sage es nochmal: für mich ist das Singen etwas Natürliches und ich verstehe nicht, warum sich manche Leute so wichtig machen, nur weil sie singen oder Musik machen. Ich habe mir, ganz naiv, eingebildet, dass in der bretonischen Musikszene alle einfach zusammengehören. Aber nein! Ich habe schnell kapiert, dass oft das Gegenteil der Fall ist!

Wie kam es zu deiner Begegnung mit Denez Prigent?

Louis Ebrel gemeinsam mit Denez Prigent und Bernard Subert im Théâtre Max Jacob, Quimper 1993 All die kleinen Einladungen, die ich bekommen habe, bewirkten, dass ich mein Repertoire mehr und mehr verändert habe. Mitte der 80er Jahre lernten wir Hervé Villieu kennen. ER sagte mir, wenn ich Lust hätte viele Leute zu treffen, könnte ich nach Guilvinnec gehen. Dort veranstaltet der Verein "Emgleo" jeden Freitag Tanz und Gesang. Einmal kam Denez Prigent dorthin, um jemanden zu begleiten und er schlug mir vor, eine Gavotte von den Soeurs Goadec zu singen.

Ich kannte ihn nicht, aber wir sangen ein Stück zusammen. Ich sah später in der Zeitung, dass er in Chateaulin beim "Run ar Pus" auftreten würde. Da ich wusste, dass er sich für die Soeurs Goadec interessierte, fuhr ich dorthin. Während der Pause sagte er zu mir, wenn du schon da bist, singen wir zusammen einen Fisel. Ich? Da vor den ganzen Leuten? Sicher nicht! In der Küche, wenn du willst, ja, aber nicht auch der Bühne! Er hat letztlich solange darauf bestanden, bis ich einwilligte und es ist gut gelaufen.

Seit diesem Abend bin ich zwischen 1991 und 1995 bei vielen Konzerten auf großen Bühnen mit ihm zusammen aufgetreten: bei den Francofolies, großen Festivals wie in Marne la Vallée, bei den Eurofolies, in Toulouse, Paris, Ile de Ré, beim Festival Interceltique... Als er dann begann mit Musikern zusammen zu arbeiten, habe ich seltener bei seinen Auftritten mitgewirkt. Denez weiß sehr genau was er tut und wo er hin will. Er hat mir vieles beigebracht, was die Musikszene betrifft und vor allem hat er mir immer gesagt:" Egal wo du singen wirst, mach es immer so, wie es sich gehört!" Er ist sehr gründlich und er ist sehr umgänglich. Er hat mir auch beigebracht, auf der Bühne auf meine Bewegungen, auf meinen Ausdruck zu achten, "rockiger" zu werden! (lacht).

Während all dieser Zeit habe ich viele Leute kennen gelernt. Im Theater Max Jacob in Quimper habe ich zum ersten Mal mit ihm zusammen gearbeitet. Er hatte zu dieser Zeit noch keine Musiker und es war ihm klar, dass es schwierig war, 1 Stunden lang das Publikum allein zu unterhalten, ohne es zu ermüden, zumal die Leute häufig kein bretonisch verstanden. Daher hat er mich gebeten, Kan Ha Diskan mit ihm zu singen - um seinem Konzert eine gewisse Würze zu verleihen. Von da an habe ich gelernt, mein Repertoire so zu gestalten, dass ein Konzert nicht zu eintönig wird.
Meiner Ansicht nach ist die Begleitmusik auch notwendig, da der bretonische a capella-Gesang das Publikum nicht sehr lange fesselt. Es gibt sicher Dinge, die in der Region, in der man lebt und gut bekannt ist, gut funktionieren, aber wenn es um einen Konzertauftritt woanders geht, das ist eben ganz was anderes.

... und mit Iffig Flatrès?

Die Soeurs Goadeg scheinen für die jungen Sänger von heute immer noch eine Referenz zu bleiben. Iffig Flatrès ist einer von ihnen. Ich habe ihn vor 6 Jahren im Bigoudenland kennen gelernt - er stammt von dort.
Louise Ebrel und Ifig Flatrès  bei der Nuit Glazig n 1, Quimper 2001 Als er mit dem Singen anfing, kam er über 1 Jahre jeden Mittwoch zu mir nachhause. Dank ihm und durch das ständige Anhören der Aufnahmen aus der Mediathek von Dastum habe ich einiges über die Art und Weise gelernt, wie meine Mutter und meine Tanten gesungen haben. Da gibt es mit Sicherheit noch einiges zu entdecken, denn ihr gesamtes Können ist auf den Platten nicht zu finden.

Ich arbeite viel zuhause, indem ich versuche, unser Repertoire mithilfe gesammelter Texte, beispielsweise von Luzel, zu modernisieren. Man muss sehr darauf achten, dass die neuen Texte gut zur Melodie passen. Ich ändere gerne die Texteallerdings muss ich oft proben und intensiv an der richtigen Aussprache zu arbeiten, bis mir das Ergebnis gefällt. Das kann lange dauern. Es wurden immer schon viele Dinge an den Tänzen und Liedern verfälscht. Man kann nichts belegen, ohne sofort wieder ein Gegenbeispiel zu finden!
Diesbezüglich erinnere ich mich gut daran, dass Tante Tasie immer sagte: "Ur son hag un ton" ("eine Melodie für ein Lied"). Tatsache ist jedoch - ich habe sie immer wieder angehört und bin mir klar darüber geworden, dass das nicht stimmt. Zum Beispiel der Text des Liedes "Ar Spilhen" - sie haben es sowohl für einen Plinn wie auch für eine Gavotte verwendet! Sie beherrschten ihre Texte - und natürlich die bretonische Sprache - so gut, dass ihnen das keinerlei Probleme machte. Es ist sehr wichtig, die Sprache zu können, vor allem um sich Neues merken zu können.

Ich habe festgestellt, dass, sobald man einen neuen Text zu einer bekannten Melodie verfasst, der ursprüngliche Text zurück kommt. Ich mag Melodien, zu denen es leicht fällt zu tanzen. Manchmal höre ich junge Leute, die bei den Alten gelernt haben und die in ihrem Namen alle ihre alten Fehler wiederholen. Man kann traditionell bleiben und sich trotzdem weiterentwickeln und sich anstrengen, gut zu singen.

Was schätzt du an den Fest-noz?

Es ist der Kontakt zwischen den Leuten, die Atmospäre, die Leute beim Tanzen schreien zu hören, reden zu hören. Das Fest-noz ist vom Prinzip her etwas "Volkstümliches", etwas für die Leute, die beispielsweise in einem Dorf zusammen leben. Seit einiger Zeit finde ich allerdings, dass die Leute zu sehr in ihren Gemeinschaften unter sich bleiben. Diejenigen, die dort tanzen gelernt haben, wollen unbedingt und nur mit ihrer Clique tanzen und die Tänzer machen immer häufiger einfach das, was sie wollen. Der Zusammenhalt wird immer seltener und es geschieht immer häufiger, dass die Tanzreihe oder den -kreis nicht mehr für Aussenstehende öffnen. Ich glaube nicht, dass ein Fest-noz so ablaufen sollte. Früher waren die Leute nicht so egoistisch. Heute sagen sie: "Wir haben unseren Eintritt gezahlt, um zu tanzen!" Und dann finden sie sich neben jemandem, der nicht so gut tanztund das wollen sie nicht tolerieren.

Louise Ebrel und Ifig Flatrès beim fest-noz à la ferme, 2003 Es ist sicher gut, dass den Leuten das Tanzen beigebracht wurde - ich glaube aber, dass die Lehrer den Tänzern dabei viele wichtige Dinge nicht vermittelt haben. Ich sehe oft Tänzer, die bei einer Gavotte einfach irgend etwas machen. Sie gehen vor, sie gehen zurück, das hat mit dem eigentlichen Tanz nichts mehr zu tun und wirkt oftmals sehr schwerfällig.
Die Leute haben in den Jahren viele Schritte gelernt und einige neigen dazu, sich am Fest-noz so zu verhalten, als seien sie in einem Cercle Celtique.

Sie kennen viele Tanzfiguren, sind dabei dann aber nicht sehr umgänglich, wenn sie aufs Fest-noz gehen. Die Dinge ändern sich nach und nach, im Kleinen. Ich befürchte ein wenig, dass die Wurzeln bald verloren gehen. Oft werden die Sänger sehr abfällig betrachtet, nur als "Einlage" sozusagen. Sie werden Gruppen gegenüber häufig abgewertet.

Man darf nicht vergessen, dass die Gruppen ihre Melodien und die Art, sie zu interpretieren oft aus dem Repertoire des Kan Ha Diskan entnehmen. Ich versuche den Kan Ha Diskan weiterhin so zu singen, wie ich glaube, es tun zu müssen. Ich bin jetzt sicher etwas schneller geworden - tatsächlich hängt das alles davon ab, wie die Stimmung im Saal ist. Ich mag es nicht, mich nur so dahin zu schleppen. Die Gruppen ihrerseits spielen schneller als früher, weil das Publikum das lieber mag.

Und dennoch geht es ja eigentlich um den Tanz in seiner Eigenart. Erhöht man das Tempo, dann können die Leute die Schritte nicht mehr richtig ausführen und beginnen zu galoppieren. Das hat mit Tanzen nichts mehr zu tun. Ich erinnere mich da an ein von Studenten organisiertes Fest-noz in Brest. Ich konnte den Tänzern nicht mehr zuschauen, weil ich befürchtete, dann meinen Rhythmus zu verlieren. Sie waren wie durchgegangene Pferde.
Andererseits gibt es gute Tänzer - und das sind nicht unbedingt die Leute aus den Cercles Celtiques - die ein gutes Rhythmusgefühl haben. Mit diesen echten Tänzern kann man sehr weit gehen, wenn man einen Plinn singt. Man kann den Tanz dann sehr lang hinziehen, weil sie das lieben! Manche schreien dann "Mörder" Mörder" (weil es so anstrengend wird), aber wir halten den Rhythmus und treiben sie sogar noch ein wenig an. Das ist Super! Das ist nur mit den wahren Tänzern möglich. Das eine geht zwangsläufig mit dem anderen einher - das gehört zusammen.

(Übersetzung: Petra Rodrian, 2004)(zurück zu Teil 1)

Discographie Louise Ebrel:

Louise Ebrel: "gwerz ha kan ar boz" (Coop Breizh)
Eugénie Goadec/Louise Ebrel: "Gwriziou. Chant à danser et mélodies de Bretagne" (Coop Breizh)
Louise Ebrel/Ifig Flatrès: "Tre Tavrin ha Sant Vorian" (Coop Breizh)

Mitwirkungen:

Abbaye de Beauport: "de pierres, de paroles et de musique" Kerig KCD 174
Dremmwel: "Glazik" DREM02, Coop Breizh