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Patrick Ewen: beggin'I will go (1973)
Patrick Ewen: Berceuse pour les vieux enfants
Patrick Ewen, Gérard Delahaye, Yvon Le Men: Vers l'extrême Nord du Monde
Interview mit Patrick Ewen
(von Dominique Le Guichaoua, in Trad Mag N° 78, Mai/Juni 2001)




Und all das ist wirklich wahr!

Der Nebelmensch in den Monts dŽArrée ist ein Meister des Wortes. Mit dichtem Bart und ebenso langen Haaren verdient sich der erstaunliche Reisende seinen Lebensunterhalt, indem er von seinen Nachbarn, den Bauern aus Plounéour-Menez, erzählt, die würdevoll in einer Gemäldegalerie gewachsen sind, wo der regionale Akzent, das Gefühl und das Lachen immer gegenwärtig sind.

Ihn auf der Bühne zu sehen mit seinen Geschichten, seinen Liedern, seiner Violine, der Gitarre und dem Akkordeon, das läßt Glücksgefühle aufkommen. Viel zu schade, das alles für sich zu behalten. Eines Tages....

  • Eines Tages wurde aus dem Sänger ein Erzähler.

  • Ich habe immer schon einfach so Gitarre gespielt und habe, wie viele andere Leute meiner Generation Lieder von Greame Allwright gesungen. Das war unser Idol. Er erzählte sehr moderne Dinge, seine Folksongs erinnerten an die Lieder von Woody Guthrie, der auch Themen wie den Vietnamkrieg, Boxen oder das alltägliche Leben aufgriff. In den Jahren 66, 67 ging ich betteln, um mit dem Geld auf Trebe zu gehen, weil ich in der Hippiebewegung war, mit den Ideen von Jack Kreouak im Kopf, die Gitarre in der Hand, und einfach geradeaus ins Abenteuer. Je weiter man wegging, desto besser war es.

    So fand ich mich in Lappland wieder, wo ich die unglaublichsten, erstaunlichsten Abenteuer erlebte.Als ich wieder zurückgekehrt war, studierte ich trotzdem weiter und, wie ich es häufig auf der Bühne erzähle, erlangte ein Diplom als Vermessungsingenieur und Bauleiter, mit dem ich sieben lange Monate arbeitete, bis sie mich rauswarfen. Danach hab ich mir gesagt, daß ich weder einen Chef oder jemand anderen haben will, der mich rumkommandiert, noch jemals wieder morgens früh aufstehen will.
    Ich zog einen dicken Strich und nahm mein vorheriges Leben wieder auf. Man muß sich die Gesichter meiner Eltern vorstellen !!! Ich fing also wieder an zu singen.
    Das war die Zeit, in der Gerard Delahaye Deutschkurse machte. Er bereitete darüberhinaus seinen CAPES (Lehramtsausbildung) vor. Aber auch er wurde vom dieser Lebensweise angesteckt. Vor allem weil er es noch nie ausprobiert hatte, und so kam es, daß wir beide auf das Singen kamen. Ich versuchte schnell, mir ein persönliches Repertoire zusammenzustellen, eine "Tasche" voll mit irischen Balladen, ein oder zwei bretonischen Balladen und Songs von Théodore Botrel, den ich eigenartigerweise mochte (in meiner Kindheit wurde ich mit seinen Liedern, die wirkliche Geschichten waren, in den Schlaf gesungen) bis zu dem Tag, an dem man mir sagte, "Deine Botrel-Lieder beinhalten doch einige ziemlich fragwürdige Dinge".

    Und dann grölte Servat auch noch "Der schöne Botrel mit seinem spießigen Ideal" Also sagte ich mir, daß ich aufpassen müsse, nicht als in den Verdacht eines Rpückständlers zu geraten. (Lacher) Ich hab das also alles aus meinem Repertoire gestrichen und war gezwungen, etwas anderes zu finden.

    So um 1971 entdeckte ich eine Scheibe von den Dubliners und bin los, um mich in Irland rumzutreiben. Zu dieser Zeit fuhren wenig Leute dorthin. Dort habe ich Christy Moore das erste mal im Rebel Club in Dublin singen hören. Dort war überall Musik in der Stadt zu hören, die Menschen sangen.... ich fand das außergewöhnlich.
    Als ich wieder in die Bretagne zurückgekehrt war, begann ich, viele irische Lieder zu lernen und unter diesem Einfluß, im Laufe des ersten irischen Abends in der MJC der "Harteloire" in Brest mit den Gruppen Triskell und Channig ar Gall, die Gedichte rezitierten, lud man mich ein, zu singen. Dies war mein erstes Honorar, mein erster Zeitungsartikel.

    Ich war sehr stolz, weil sie folgendes geschrieben hatten: "Patrick Ewen mit dem Aussehen eines alten irischen Bauern". Ich war 23, hatte lange Haare und einen Vollbart, weil es mein Traum war, auf alt zu machen... bis ich vierzig Jahre alt wurde! Danach hab ich mir gesagt : "es wird schon gehen!", weil ich einmal einen Alten getroffen habe, der mich fragte:"Bist wohl in etwa so alt wie ich, was?" - " Keine Ahnung, wie alt biste denn?" - " 70!".
    Ich hatte es also geschafft, ich ging als alt durch. In Wahrheit assoziierte ich Alter immer mit Weisheit und bewunderte die Haltung einiger Alter mit ihren weißen Haaren.

    Einige Zeit später entdeckte ich die schottischen Balladen. Vor allem die aus der Zeit der Jakobiner der Jahre 1745-1746 unter Prinz Charles Stuart. Ich lernte also viele dieser Lieder und besaß ein Repertoire an schottisch-irischen Balladen, die natürlich kein Mensch verstand, weil sie englisch waren zum einen und auch wegen des "broad scott", einem schottischen Dialekt, der sowohl gälische als auch dänische Worte beinhaltet, die ich gelernt hatte, weil ich mich ständig da drüben rumtrieb.
    Die Folge war, daß ich den Leuten erklären mußte, was in den Liedern vorkam.

    Beinahe zur gleichen Zeit begann ich auch, bretonische Balladen vorzutragen, wie Ker Ys, Bleizi mor, An droug hirnez, Bossen Elliant, An amzer dremenet.. und hier war es dasselbe: Die Bretonischsprachigen verstanden mich, aber den anderen mußte ich die Lieder erklären. Ich tat dies sowohl in Form von Gedichten und mit Geschichten. Durch das "darüber erzählen" hat das Erzählen dann die Oberhand über das Singen gewonnen. So nach und nach begannen die Leute zu sagen: "Das ist ein Erzähler!"

    Tatsächlich erzählte ich zu Beginn die Lieder, die ich dann anschließend sang, aber von Mal zu Mal wurde das Erzählen wichtiger und es endete damit, daß ich in das Erzählen meine eigenen Lebenserfahrungen mit einbrachte. Das, was ich heute erzähle, das ist die Chronik dessen, was ich seit meiner Ankunft in den Monts dŽArrée Anfang der 70er Jahre so erlebt habe. Es ist die Begegnung mit dem Land und den Menschen, die darin Leben.

  • Würdest du dich selbst als Erzähler, als Redner bezeichnen?



  • Wenn man von einem Erzähler spricht, dann meint man so im allgemeinen jeden, der vor einem Publikum spricht. Ich bevorzuge den Ausdruck Chronist ("chroniqueur"), weil das, was ich erzähle ausschließlich wahre Geschichten sind. Es ist ein bißchen wie ein Foto, oder wie der Blick, den so man im Alltag hat.
    Um dies zu veranschaulichen nehme ich oft das Beispiel des Fotoautomaten. Jeder von uns hat sich schon mal in einer dieser Kabinen wiedergefunden, als er gerade dabei war, ein möglichst intelligentes Gesicht zu machen, bevor er geblitzt wird. Beim Rausgehen siehst du dein Foto und du würdest am liebsten umkippen, weil dein Gesichtsausdruck dermaßen platt ist. Dem entkommt keiner. Wenn man dagegen ein Licht hat, das von der Seite aufŽs Gesicht fällt, dann gibt es Schatten, Formen, es glättet oder es macht gibt Tiefe, aber es ist kein plattes Gesicht mehr. So ist das Leben auch. Je nachdem, wie man es betrachtet, kann es sehr banal sein. Schaut man genau hin, dann kann man Tausenderlei Dinge im Alltäglichen entdecken. Das ist das Besondere.

    Ich habe versucht, dies auch als Grundgedanken meiner Auftritte herauszuarbeiten. Daher heißt es auch "A la lisière des trois pays et des deux mondes", was soviel heißt wie "Am Rand der drei Länder und der zwei Welten". Die drei Länder sind da, wo ich lebe, am Rande der Cornouaille, des Léon und des Trégor und die zwei Welten, wovon die eine das tägliche Leben ist, in dem man sich bewegt und die andere diejenige Welt, in die man sich flüchtet, die auch auf der anderen Seite der Nebelschwaden oder auch im Jenseits sein kann. Es ist auf jeden Fall die Welt der Träume.

  • Abgesehen von den Liedern und anderen Ausdrucksformen hat man den Eindruck, daß das gesprochene Wort derzeit einen Aufschwung erlebt?


  • Bei den Erzählern, und in diese Ecke steckt man mich ja, gibt es derzeit eine unglaubliche Blüte. Die Leute gehen wieder aus, um zu Inszenierungen zu gehen und sie hören Leuten zu, die etwas erzählen. Das ist kein nationales Phänomen. Das gleiche passiert in England, in den USA, in Quebec, in Belgien, Italien, Spanien. Überall gibt es Menschen, die wieder zu erzählen beginnen und wieder andere, die kommen, um ihnen zuzuhören. Das ist gut, denn es ist zu bemerken, daß es einige gibt, die dafür das Fernsehen sausen lassen und die zum Wort zurückfinden. Die 80er Jahre waren extrem schwierig für uns, da herrschten der Arbeitswahn, der Geld- und Börsenwahn, Gier und Ehrgeiz. Die Moral war: Hack auf deinem Nachbarn rum so gut es geht. Glücklicherweise hatten wir durch Gérard Delahaye die Möglichkeit vier Jahre lang beim Fernsehen zu arbeiten, was uns das Leben etwas erleichterte. Die Häufigkeit der Konzerte und die Besucherzahlen sind deutlich zurückgegangen.

    Verbringst du jetzt deine Zeit damit, die Worte auf die Reise zu schicken?

    Ich bin häufig in der Bretagne. Manchmal sage ich aus Spaß, daß ich zufrieden damit wäre, wenn ich ausschließlich Konzerte im Umkreis von 80 km geben könnte, aber tatsächlich reise ich auch gerne. Ich reise viel in Frankreich herum aufgrund meines Rufes als Erzähler.
    Dank Jean-Claude Desprez konnten einige Dinge realisiert werden wie beispielsweise "Les conteurs en campagne", im Norden Frankreichs, in der Champagne, den Ardennen, in der Lozère...

    Auf diese Weise habe ich viele einfache Menschen auf dem Land getroffen und dies hat mich dahin gebracht, in sehr unterschiedlichen Gegenden aufzutreten. Ich erinnere mich an Lozère, da war ein gerammelt volles Zimmer mit lediglich zwei kleinen Scheinwerfern, welche für Aufmerksamkeit sorgen sollten. In diesen menschenleeren Gegenden gehen die Leute in die kleinsten Dörfer. Es ist dann zum Platzen voll und die Atmosphäre dort ist furchtbar. Seltsamerweise wird mein Name nach nunmehr fast 30 Jahren ein bißchen bekannter und doch sind es selten die "centres culturels", die mich einladen. Im Gegenteil. Es sind Elterninitiativen, Vereine und andere Festveranstalter, die mich häufig einladen.

    Wenn die Leute Spaß hatten und viele Besucher zufrieden nach Hause gingen, dann ist das die beste Werbung, die man bekommen kann.

  • Die Art, wie deine Aufführung aufgebaut, ist erinnert an Gilles Vignault. Ist es genau wie bei ihm dein Thema, von den Leuten aus deiner Gegend zu erzählen - solange du außerhalb deiner Heimatregion unterwegs bist ?


  • Überall wo ich hinkomme, spreche ich von den Monts dŽArrée. Seit geraumer Zeit bin ich mir darüber bewußt, daß in Plounéour und Umgebung, bei der ländlichen Bevölkerung und unter den Leuten, die mich gerne mögen, ein gewisser Stolz existiert, aus Plounéour-Menez bzw. aus den Mont dŽArée zu kommen. Das gefällt mir.
    Früher sagte man nämlich, es sei ein karges, wildes und armes Land, das nur Raben ernähren könne. Seitdem ich in der Sendung von Sylvain Augier war (sie hieß "Faut pas rêver") riefen mich Leute aus allen Teilen Frankreichs an, um zu fragen, wo denn die Monts dŽArèe seien. Andere. Einheimische riefen an, um mir zu sagen, daß sie stolz seien, daß man von ihnen spricht, weil das bisher niemand getan hatte.

    So begannen die Leute mit einem mal, ihre Felsen als eine etwas Besonderes anzusehen. Sie sind weder hoch noch groß, aber sie haben etwas geheimnisvolles mit diesen schwebenden Nebeln, die mich faszinieren, seit ich sie 69/70 entdeckt habe. Ich stamme aus Concarneau im Süden und ich wußte gar nicht, daß es so in der Bretagne solche Berge gibt.

  • Wie bist du dorthin gekommen?


  • Als ich Beatnick war und in Lappland und Schottland rumreiste, war ich auch schon sehr von der bergigen Landschaft angezogen. Eines Tages überquerte ich die Monts dŽArrés und war sofort verliebt, als ich auf dem RocŽh Trévézel den Nebel sah und in der Ferne das Meer in den vorüberziehenden Nebelschwaden. Dieser abgelegene karge Landstrich, wo man den Eindruck vom wilden wilden Westen hat mit der ockerfarbenen Vegetation, dem Heidekraut, den Moosen und all diesen Pflanzen, mit den herausragenden Felsen... der "RocŽh al Logoter", der aussieht wie ein schlafender Drache! Das ist ein einfacher Felsen der, auf französisch übersetzt soviel wie Sperber heißt. Er ist das Abbild eines Raubvogels, klein, aber mit einem schönen Aussehen.

    Vom Gipfel aus sieht man alles, die Cornouaille, das Léon und den Trégor und dort oben ist bei Sonnenuntergang jeder Teil des Landes unterschiedlich erleuchtet. Das ist märchenhaft. Ich habe dieses Land nach und nach entdeckt und vor allem habe ich die Menschen dort entdeckt. Ganz plötzlich hatte ich den Eindruck, 50 Jahre zurückversetzt zu sein, nach dem Krieg, ins Zeitalter der Pferdekutschen.

    Als ich ankam, entdeckte ich eine Lebensart wieder, die ich von meinem Großvater kannte, überall bearbeitetes Land und altertümliche Bauern, die nur bretonisch sprachen. Also lernte ich notgedrungen die Sprache, da ich kein gebürtiger Bretone bin. Als ich in den Monts dŽArrée ankam, sagte ich mir: hier, das ist pur bretonisch. Das kam mir seltsam vor, weil ich den Eindruck hatte, eine Sprache zu lernen, die eigentlich meine hätte sein müssen, die es aber ganz und gar nicht war, da ich nicht mit ihr aufgewachsen war. Das ist schon ein eigenartiges Unterfangen. Einige haben das sehr gut geschafft, sie sprechen heute fließend bretonisch. Ich konnte seltsamerweise nie bretonisch mit Leuten sprechen, mit denen ich französisch hätte sprechen können.
    In der Umgebung hingegen, in der ich mich niedergelassen hatte, da war das anders. Vor allem wegen meiner Nachbarin, Marie FlocŽh. Immer wenn ich zum Eierholen zu ihr ging, dauerte das drei Stunden. Ich mußte einen Kaffee trinken und dann sagte sie immer: "Du wirst doch nicht einfach so gehen!". Also aßen wir gemeinsam etwas, Brot, Speck, Wein und dann tranken wir einen "lambig" hinterher. Selbst im Winter, wenn die Hühner nicht legten, arrangierte sie es so, daß sie die Eier im Laden im Dorf kaufte, um sie mir dann zu verkaufen. Und dies alles nur, damit ich weiterhin zu ihr komme, um sie zu holen.

    Dort spielte sich alles auf bretonisch ab. Ich sprach schlecht, aber ich sprach und sie korrigierte mich. Oft wiederholte sie, ganz unabsichtlich, den Satz und brachte die Worte in die richtige Reihenfolge und ergänzte die Worte, die fehlten.
    Seitdem spreche ich bretonisch, wenn es sich natürlich ergibt. Nicht so natürlich ist es mit den Leuten, die selbst bretonisch gelernt haben und von denen ich weiß, daß sie französisch sprechen - auch wenn ich die bretonische Sprache sehr liebe.

    Ich glaube, ich kann die meisten interessanten Dinge besser auf französisch erzählen als auf bretonisch. Im Gegensatz hierzu gibt es zum Beispiel Lieder wie "MarcŽharit al leur ger", die man unmöglich auf französisch singen kann. Das ist auch eine Gelegenheit etwas zu erzählen. Das Bretonische ist für einige Lieder sehr wichtig.

  • Was empfindest du heute für das gesprochene Bretonisch?


  • Es gefällt mir, die junge Generation von DIWAN zu sehen. Durch das selbstverständliche Sprechen übernehmen sie den Akzent und das klingt authentisch. Sie brauchen die Worte nicht suchen. Sie denken bretonisch, was ich nie gemacht habe. Seltsamerweise gibt es da so ein ganz unbewußtes Umschalten, wenn ich Leute treffe, die mir als "authentische" Bretonen ("bretonnants") erscheinen.

    Vor gar nicht so langer Zeit sang ich im Gefängnis von St. Brieuc und traf dort auf zwei Leute, die politisch eher links standen, wie es manchmal bei den Bauern noch so ist. Ich habe sie gefragt, woher sie kommen. "Aus Cavan!" - "Aus Cavan?" antwortete ich ihnen auf bretonisch und ganz plötzlich sprachen wir bretonisch und ich habe mich nicht einen Moment gefragt, ob ich nun richtig sprechen kann oder nicht.. Das kommt von alleine. Das ist seltsam, denn da kommt es mir völlig natürlich vor.

  • Man sieht dich wieder mit Gérard Delahaye und Melaine Favennec auf der Bühne...?


  • Wir haben schon seit langer Zeit die Idee, uns nur so zum Spaß wieder zusammentun. Als dieses Projekt dann reif war, gaben wir ein erstes Konzert in Pont Croix und weil wir es gut ging mit uns dreien, so ganz ohne jede Konkurrenz. Ein bißchen wie in den guten alten Zeiten, drei Kumpel mit ihren Gitarren. So nahm das Abenteuer seinen Lauf...

  • Das erinnert an die Zeiten von Névénoé...


  • Das ist wie ein Bad im Jungbrunnen für uns. Das war eine superschöne und manchmal schwierige Zeit, weil wir jung waren und endlos diskutierten. Aber wir waren uns alle einig über die großzügige Idee der Kommune. Am Anfang waren es nur wir beide, Gérard und ich, und wir machten sammelten Subskriptionen, um unser Platten rauszubringen. Dann kamen Kristen Nogues, die Pilhaouerien etc.. Mit den Einnahmen der ersten Platten konnten wir die Platten von Melaine Favennec, von Annkrist und vielen anderen herausbringen.
    Doch mit einem Schlag ist uns dann der Atem ausgegangen. Wir hielten Ewigkeitssitzungen, wir beantworteten die Post, wir kreisten umeinander und es wurde sehr schwierig, das ganze Unternehmen unter Kontrolle zu halten. Ich persönlich mag es gar nicht, mich um die Verwaltung kümmern zu müssen. Wenn wir drei heute beispielsweise eine Platte produzieren sollten, bräuchten wir einen Produzenten, der sich um alles kümmert. Meine letzte Platte kam 1992 raus und davor habe ich 15 Jahre nichts gemacht. Fragt man mich, ob ich eine weitere plane, dann antworte ich, daß eine für 1998 vorgesehen ist. Das bedeutet, daß ich ein bißchen spät dran bin. Ich mache gerne Platten, aber es ist nicht mein vorrangiges Ziel.

    Was ich vor allem liebe, das sind die Aufführungen. Es sind nicht meine Platten, die mich auf Tournee gehen lassen, im Gegenteil. Eine Platte erlaubt mir, Dinge festzuhalten, die vielleicht interessant sein könnten. Ich zeichne die Geschichten nicht auf, weil es im Prinzip Dinge sind, die in den Köpfen der Leute bleiben und die man vor Ort entsprechend würdigen muß.

    Es ist diese kurzlebige Darbietung, die bewirkt, daß die Besucher es vergessen und daß sie wiederkommen. Ich sehe da Leute, die sechs oder sieben mal wiederkommen. Manche können alles auswendig. Von dem Moment an, in dem ich durch ihre Gegend komme, sind sie da. Sie erzählen die Geschichten ihren Nachbarn, manchmal zur gleichen Zeit wie ich, manchmal sogar im gleichen Saal mit mir und sie erzählen die Pointe vor mir. Jedermann hat mit meinen Geschichten irgendetwas erlebt. So ist das sehr oft. Manchmal gibt es junge Leute, die zu mir sagen: "Wie gut Sie es hatten, in dieser Zeit gelebt zu haben". Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon wahr im Vergleich zu dem, was sie heute leben. Heutzutage ist alles viel mehr auf den Zaster ausgerichtet.

  • Wird es eine neue Aufführung geben?


  • Es nimmt langsam Gestalt an. Ich weiß noch nicht, wie es heißen wird, aber es werden Erlebnisse aus den Jahren zwischen 1967 und 1971 sein, als ich in die Monts dŽArées kam. Ich werde von Lappland erzählen und den Menschen, die ich dort kennengelernt habe, von der Fahrt nach Dänemark, der Schiffsüberfahrt, dann von dem großen Marsch gen Norden, diesem fantastischen Eindruck von Freiheit.

    Bis zu dem Moment, in dem die Traurigkeit des Landes die Oberhand gewann, weil wir niedergeschmettert waren und nichts mehr zu Essen hatten. Ich habe auch vor, Schottland in Erinnerung zu rufen, die Highlands, die kleinen Häfen wie Ullapool "wo die Möwen kamen, um dir ein Stück Brot aus der Hand zu fressen, während die anderen dir draufschissen"...
    Es wird eine Mischung werden aus wahren Ereignissen und Begebenheiten, bei denen man sich nicht mehr ganz sicher ist, ob sie tatsächlich wahr sind. Es kommt darauf an, ob man mitgeht.
    Einige meiner Erlebnisse erscheinen mir heute noch irreell. Ich habe da Dinge erlebt, die mir auch heute noch so unwirklich erscheinen und ich habe dann Lust, sie zu erzählen, indem ich sie mit komischen Begebenheiten mische, wie zum Beispiel meine Überfahrt zu einer dänischen Insel mit einer Nudistenfamilie.

    Das sind die kleinen Dinge, die ich auf der Bühne ausprobiert habe, um zu sehen, wie die Leute reagieren. Ich glaube, das müsste funktionieren. Ich kann mir vorstellen, daß es nicht so gut ankommen könnte wie meine derzeitige Aufführung, aber es wird Lieder geben, die die Leute mitsingen können.

    Es ist sehr wichtig, das Publikum miteinzubeziehen. Die Leute kommen, weil sie lachen und berührt sind. Das ist eine Art Anteilnahme. Aber vor allem singen sie. Ich spüre eine starke Teilnahme in dem Moment, wenn ich "Là-bas dans les Mont dŽArrées" singe. Alle gehen gerne hin und ganz plötzlich, wenn sie erst mal den Refrain gegrölt haben, dann sind sie alle eine Familie. In diesem Moment sind sie keine isolierten Individuen mehr, sondern sie bilden eine familiäre Gemeinschaft. Manchmal spielen die guten Manieren dann auch keine Rolle mehr. Man muß die Leute zum Träumen bringen, sie bewegen und sie dann wieder zum Lachen bringen. Das brauchen wir alle immer häufiger.

    (Übersetzung: Petra Rodrian, 2001)

    Discographie:

  • Patrick Ewen: "beggin'I will go" (Nevenoe, 1973)
  • Patrick Ewen: "Berceuses pour les vieux enfants" (Coop Breizh)
  • Gérard Delahaye, Patrick Ewen, Yvon Le Men: "Vers l'extrême nord du monde" (Coop Breizh)