von Dominique Le Guichaoua
(in TradMag Nr. 68, November/Dezember 1999)
ein Interview mit Gweltaz Ar Fur
www.arbedkeltiek.com/


AR BED KELTIEK, die ganze keltische Welt in QuimperAR BED KELTIEK... das heißt "die keltische Welt" und steht für einen kleinen unscheinbaren Laden mitten im Zentrum von Quimper- Direkt gegenüber die berühmte "schiefe" Kathedrale und der Eingang zum Musée Départementale.

Hier findet man tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes die gesamte keltische Welt, und zwar in Gweltaz Ar Furs Laden "AR BED KELTIEK", den er seit 1980 hier betreibt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in den 80er-Jahren regelmäßig nach Quimper "gewallfahrtet" bin, weil man nirgendwo anders ein derartiges Angebot an bretonischer und keltischer Musik und Büchern über die Bretagne vorfand.


AR BED KELTIEK
Mein kleines Unternehmen


Zehn Jahre sind vergangen, seit Glenmor zu einem seiner letzten Auftritte im Innehof des Kloster nach Quimper gekommen war. Wie viele andere Musiker war auch er gekommen, um das 20-jährige Jubiläum von Gweltaz Ar Furs Karriere als Sänger und das 10-jährige Bestehen eines Ladens zu feiern, der etwas anders ist als alle anderen: die "librairie Ar Bed Keltiek", die sich auf keltische Literatur und Musik spezialisiert hat. Diese zweiten zehn Jahre werden auch noch mit einem Konzert gefeiert. Aber darüber hinaus steht diese Feier noch für einen Neubeginn: seit kurzem zeigt das Unternehmen aus Quimper dank des World Wide Web auch international Präsenz. Doch das ist eine lange Geschichte, die uns bis zu den Anfängen des Jahrhunderts zurückführt. Eine Begegnung mit GWELTAZ AR FUR ...

"Bereits 1904", so Gweltaz, "gab es dort einen Familienbetrieb mit dem Namen "Ti Jaouenn", der von gebürtigen "Quimpérois" geführt wurde, die sich der bretonischen Kultur verschrieben hatten. Dort verkaufte man bretonische Bücher und Kleidung. Man kleidete sich bretonisch, man las und sprach bretonisch. Indem ich den Laden übernahm, übernahm ich lediglich ein bereits bestehendes Geschäft und führte die Tradition fort."

Aufgrund seiner 20-jährigen Vorgeschichte lag es ihm besonders am Herzen, seine früheren Aktivitäten als Musiker und Mitbegründer von "Diwan" mit dem Namen AR BED KELTIEK zu verknüpfen.

"Im Alltag verschmolzen diese Dinge dann miteinander." Gweltaz Ar Fur vor seinem Laden Ar Bed Keltiek in Quimper (Photo: Dominique Le Guichaoua)

Das "chanson" und "Diwan"

Daß Gilles Servat "die keltische Welt" in seinem Lied "Sur la route de Quimper" heraufbeschwört, das ist kein Zufall. Gemeinsam mit ihm, mit Glenmor und Stivell zählte Gweltaz in den 70-er Jahren zu den herausragenden Persönlichkeiten des bretonischen Liedes und sie sind oft gemeinsam aufgetreten. Gweltaz (Gildas Le Fur) wurde 1950 in Hennebont geboren und mit 14 Jahren entdeckte er seine bretonischen Wurzeln.

"Nachdem wir mit der Familie in die Lorraine gezogen waren, bemerkte ich, daß das Bretonisch, das man zuhause sprach, eine echte Sprache war, es war der Ausdruck einer ursprünglichen Kultur, die man seit Jahrhunderten auszurotten versuchte."

Gweltaz kehrte nach Hause zurück, besuchte das Gymnasium in Lorient, studierte in Nantes und später an der Fakultät in Rennes im keltischen Fachbereich und wurde in der bretonischen Widerstandsbewegung aktiv. Zwischen Demonstrationen und Unterschriftensammlungen, war er schließlich derjenige, der Abendveranstaltungen mit Servat, Glenmor und anderen organisierte. In seiner Erinnerung stellt sich das folgendermaßen dar:

"Bei einem Soundcheck vor einem Konzert von Gilles sang ich 'Gwerz marv Pontkalleg' und ich spielte dazu auf der Gitarre. Er war es, der mich ermutigte und so begann ich dann erst einmal mit den überlieferten Liedern der BARZAZ BREIZH. Bald vertonte ich dann Gedichte von POL KEINNEG und YANN BER PIRIOU und schließlich folgten Eigenkompositionen. Glenmor unterstützte mich, indem er mich - wann immer es ihm möglich war - für das Vorprogramm vorschlug. In seinen Fußstapfen habe ich dann auch Singles aufgenommen bei Kelenn und später bei Droug."

Gweltaz' Karriere als hauptberuflicher Sänger endete einige Jahre nach dem überwältigenden Erfolg des Albums "Chants Celtiques", das bei Atlantic WEA herausgegeben wurde.

"Heute scheint das alles ganz selbstverständlich, aber bis zu dem Zeitpunkt, als die elektrischen Instrumente Teil der bretonischen Musik wurden, waren Stivell und ich die einzigen, die sie verwendeten."

Wenn man ihn heute auf seine Zeit als Musiker und auf seine Lieder anspricht, dann macht er deutlich, daß er auf keinen Fall die Absicht hat, die alten Sachen wieder zu veröffentlichen.

"Sollte ich irgendwie noch einmal die Zeit finden, ein neues Album aufzunehmen, dann wäre ein kurzer Blick auf das, was ich damals in der zweiten Hälfte der 70-er Jahre gemacht habe, vielleicht ganz sinnvoll, aber ohne neue Lieder ist das uninteressant. Ich habe lediglich akzeptiert, daß ein Titel von dem Album 'Chants celtiques' auf der CD zum 20-jährigen Jubiläum von Diwan veröffentlicht wurde."

Gweltaz erinnert sich an die Epoche, als er bei Solidaritätsveranstaltungen auftrat:

"Es war so, daß ich immer das Gefühl hatte, mich mehr durch meine Präsenz zu engagieren als durch den Inhalt meiner Lieder, der nicht zwangsläufig politisch war. Auf der anderen Seite war es ja nicht gerade unpolitisch, auf bretonisch zu singen."

Für die wachsende Initiativbewegung, die die Anerkennung der bretonischen Identität forderte, bildeten die Sprache sowie ihre Wiederbelebung von nun an die direkte Existenzberechtigung. Gemeinsam mit anderen Eltern, mit denen er diese Vision teilte, nahm er 1977 an der Gründung der "association DIWAN" (keimen) teil, dem ersten bretonischsprachigen Kindergarten, deren Präsident er bis 1980 war.

EIN KELTISCHER PLANET

Nachdem ihm klar geworden war, daß er nicht sein ganzes Leben lang Sänger sein würde, gründete Gweltaz noch im selben Jahr die Buchhandlung "AR BED KELTIEK". In Wales hatte er im Laufe seiner Tourneen zufällig Läden entdeckt, die auf keltischen Produkte spezialisiert waren und das gab den Anstoß, seine eigene Leidenschaft für die Sprache und für die bretonische und keltische Kultur zur Grundlage seiner Pläne zu machen. Er übernahm den alten Laden von Maryvonne Quéméré in Quimper und erweiterte das Angebot. Zu den vorwiegend bretonischen Veröffentlichungen im Erdgeschoß gesellten sich nunmehr Schallplatten und Bücher aus den anderen keltischen Ländern.
Ein kleiner Raum im oberen Stockwerk ist ausschließlich kunsthandwerklichen Produkten vorbehalten.. und dort finden auch die Autogrammstunden statt. Das ist ein Ort, den Schriftsteller und Musiker, die Freunde des Hausherren, gerne aufsuchen. Mit diesem Raum verbinden ihn Erinnerungen an ganz besondere Momente. Mittlerweile ist es angesichts all derer, die man hier bereits willkommen geheißen hat, leichter, eine Liste derer aufzustellen, die noch nicht da waren.
Daß AR BED KELTIEK so schnell für die Freunde von Musik und Literatur zu einem Treffpunkt wurde, das liegt vor allem daran, daß man hier über das normale Angebot hinaus auch das vorfindet, was es woanders nicht gibt. Abgesehen von aktuellen Raritäten gibt es da zum Beispiel die Aufnahmen des walisischen Gitarristen Anthony Griffiths und die CDs von David Surette, dem amerikanischen Meister des keltischen "fingerpicking". Seit der Gründung seines Unternehmens begibt sich Gweltaz Ar Fur regelmäßig auf die andere Seite des Ärmelkanals, um dort Bücher und CDs auszusuchen, die es in Frankreich noch nicht gibt. Außerdem hat er CELTIC DISTRIBUTION gegründet, ein Label, dessen Zweck es ist, auch noch andere Läden auszustatten. Er war auch der erste, bei dem es die Platten der Pogues gab, die der Moving Hearts, von Runrig und Enya...

In Sachen keltische Literatur, da werden vor allem Veröffentlichungen über die anderen keltischen Sprachen importiert, englische Bücher über die Bretagne und solche über keltische Themen im allgemeinen. Darüber hinaus findet man hier auch Werke von Schriftstellern wie Courtney Davis, Jim Fitzpatrick und vielen anderen. Beliefert wird er von Herausgebern, die auf ganz bestimmte Themen und Autoren spezialisiert sind: Dublin Institute for Advanced Studies in Irland oder auch Welsh University Press aus Wales...

"Was die Platten angeht, da arbeiten wir zusammen mit Topic, Temple, Claddar'h, Ossian und Sainn in Wales... Wir bemühen uns immer um ein alternatives Angebot, Sachen, die ich kenne, die aber sonst niemand vertreibt. Für mich repräsentieren sie die Tradition ebenso wie die innovative Seite der keltischen Kultur. Bei uns findet man beispielsweise eine wichtige Auswahl des "sean nos".
Klar, der Markt dafür ist nicht groß, aber alle, die die irische Musik gut kennen, sind sehr froh, wenn sie diese Produktionen hier finden. Gerade zur Zeit ist die irische Musik wieder "in", aber vielen gefällt diese Musik ohne, daß sie sie wirklich lieben. Das heißt, sie steigen nicht tiefer ein. Es handelt sich eher um eine oberflächliche Begeisterung, die vor allem von der rhythmischen Seite dieser Musik ausgeht.

Um zu ermessen, was das in bezug auf die bretonische Musik bedeuten würde, müßte man sie irgendwo in Frankreich in eine nichtbretonische Umgebeung versetzen. Woanders stellt die irische Musik etwas exotisches dar, die bretonische Musik in der Bretagne eben nicht.
Mein persönliches Interesse für die irische Musik hat nichts mit dieser Modeerscheinung zu tun.
Die walisische Musik, die wir hier auch anbieten, ist sicherlich die am wenigsten bekannte keltische Musikrichtung. Im Zuge der protestantischen Reform hat die Kirche alles weltliche ausradiert und die Waliser dazu gebracht, Kirchenlieder zu singen.Mittlerweile gibt es wieder ein deutliches Engagement für die walisische Sprache und die Musik in ihren verschiedenen Spielarten (Lieder, Rock,...) wurde Teil dieser Bewegung.

Seit einigen Jahren beginnen die Waliser, beeinflußt von den Iren und Bretonen, denen sie sich sehr verwandt fühlen, das alte Repertoire wiederzuentdecken. Sie wühlen in Manuskripten und dem, was an oraler Tradition verblieben ist. Als Ergebnis tritt nun langsam eine ganz andere Musik zutage und schon heute kann man sehr interessante Sachen hören."

Am Fuß der Kathedrale von Quimper genauso wie im Foyer des Quartz in Brest hört man heute die Kinder bretonische miteinander reden. Durch die Gründung von AR BED KELTIEK hat Gweltaz Ar Fur seinem Willen Ausdruck verliehen, einen bretonischsprachigen Kulturbetrieb ins Leben zu rufen.

"Es war notwendig, diese Sprache aus dem Privaten herauszuholen und öffentlich zu machen. Seit dieser Zeit können die Kunden hier bretonisch miteinander reden, das ist die Umgangssprache in unserem Geschäft. Für Gweltaz persönlich ist das jedoch noch nicht der Schlußpunkt. Er spricht auch walisisch und lernt jetzt auch noch gälisch.
Die Umstrukturierung seiner Läden, die Schließung in Lorient und die Wiedereröffnung in Brest leiten eine Wende ein. So trifft es sich, daß das 20-jährige Jubiläum auch ein Neuanfang ist, dank der Entwicklung des E-Commerce.

"Anstatt die Entwicklung und Realisierung an ein anderes Unternehmen abzugeben, haben wir beschlossen, die komplette homepage selber in die Hand zu nehmen. Sie ist dreisprachig (bretonisch, englisch, französisch) und sie repräsentiert eine bretonische Vitrine voller Literatur und Musik.. Das soll kein Katalog sein. Das wäre überflüssig und ärgerlich. Weil Bernez Boulc'h das alles in seiner Freizeit macht, wird die Seite nicht mehr täglich sonder monatlich aktualisiert. Da gibt es beispielsweise die Platte und das Buch des Monats und viele verschiedene Artikel.

Die Inhalte wachsen jeden Monat um das dreifache, wobei sich das Angebot je nach der gewählten Sprache unterscheiden. Wir präsentieren auch alle Neuerscheinungen und es gibt darüber hinaus die Möglichkeit, sich über Themen aus der Geschichte und Kultur der keltischen Länder auszutauschen. Die Beiträge kommen aus Gegenden, an die man niemals gedacht hätte."

"Es ist unser Ziel", so Bernez Boulc'h, "im Endeffekt unser gesamtes Angebot als Datenbank verfügbar zu machen, auf die man mittels einer Suchmaschine zugreifen kann."

Obwohl sie auf diesem Gebiet Pionierarbeit leisten, sieht man bei Ar Bed Keltiek ganz klar, daß man weder die Mittel noch die Absicht hat, um mit den großen virtuellen Buchhandlungen zu konkurrieren. Die Bretagne als ganzes kann jedoch viel dadurch gewinnen, daß man sich erfolgreich ganz vorne unter den internationalen keltischen Angeboten positionieren konnte.
Vielleicht hat das die 500 ausgewählten bretonischsprachigen Jurymitglieder überzeugt, die jedes Jahr den Preis "An nerzh nevez" (die neue Kraft/Energie) verleihen. Für gewöhnlich wird dieser Preis an ein lokale Gruppen vergeben, die sich um die Förderung der bretonischen Sprache verdient gemacht haben. Nun wurde der Preis im vergangenen Juli (1998) erstmalig an ein bretonisches Unternehmen aus dem kulturellen Breich vergeben: an AR BED KELTIEK. Gweltaz am Ufer des Odet ist darüber nicht unglücklich!

(Übersetzung: Willi Rodrian, 2001)


GWELTAZ AR FUR Biografisches...

1950: in Hennebont geboren
1964: folgt seiner Familie nach Metz in der Lorraine. Er wird sich seiner "bretonitude", seiner bretonischen Wurzeln bewußt. Er eignet sich ein Repertoire traditioneller Lieder an und engagiert sich dann mit seinen Eigenkompositionen politisch.
Seit 1970: zwei Singles bei Kelenn und eine weitere bei Droug
1973: das Album "Chants Celtiques" erscheint bei Atlantic WEA, produziert von Igor Wakhewitch und Musikern wie Mikaël Moazan und Patrick Molard
1975: "Bonedoù ruz" erscheint bei Musidisc Europe. Mit dabei Trevor Crozier, Mick Hanley und Andreo Thomas
1976: In Kanada werden zwei Titel für das Album "Veillée d'automne" aufgenommen. Mit von der Partie unter anderem Zachary Richard
1977: Gründung von "Diwan", Präsident bis 1980. Aufnahme des Stückes "ar c'hi talabarder" auf Single zugunsten von Diwan im Studio von Glenmor in Mellionec. Er schreibt das Lied "Didostait bugale", das später von Dan Ar Braz unter dem Titel "Diwanit bugale" wiederaufgegriffen und neu aufgenommen wurde für den PRIX D'EUROVISION
1978: Aufnahme eines unveröffentlichten Stückes, das inhaftierten Bretonen gewidmet ist: "Frankiz ar vretoned"
1980: in Quimper Eröffnung der Buchhandlung "Ar Bed Keltiek". Auftritte in Deutschland, Schottland und Wales gemeinsam mikt Jacques Moreau (percussion) und Patrice Marzin (Gitarren)
1984: Ende seiner Laufbahn als Sänger
1990: Jubiläumskonzert in Quimper mit Glenmor, Servat, Triskell, Diaouled Ar
Menez...
1996: Brest, Konzert zum 25.Geburtstag der Gruppe Triskell
1997: Mitwirkung an dem Album "Daou" der Gruppe Triskell
1998: ein Titel von "Chants Celtiques" erscheint auf der CD zum 20-jährigen Jubiläum von Diwan


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