GWENAËL HENRY

"Präsident von 'Muzik e Breizh':
Unsere Musik hat sich gut etabliert"

(von: Pierre Morvan, erschienen in: Le Peuple Breton N 469:22f)
















Gwenaël Henry, der Präsident von 'Muzik e Breizh'

Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir nachstehend ein aktuelles Interview mit Gwenaël Henry, das in der Zeitschrift "Le Peuple Breton" im vergangenen Februar erschien. Wir haben in der Vergangenheit bereits mehrmals über die Aktivititäten dieses engagierten Produzenten traditioneller bretonischer Musik (An Naer Produksion) und über die von ihm mitbegründete Initiative "Muzik e Breizh" berichtet.

Hier nun ein aktuelles Interview von Pierre Morvan.

PB (Peuple Breton): An Naer gibt es nun schon mehrere Jahre. Können Sie eine Bilanz ziehen ? Sie können ja einige schöne Erfolge verbuchen und es gab für Ihre Produktionen auch Auszeichnungen. Vor kurzem wurde wieder ein Album ausgezeichnet.

In den sechs Jahren unseres Bestehen haben wir 12 CDs produziert. Das letzte Album der Gruppe "Spontus" erhält demnächst eine Auszeichnung von FR3 im Rahmen der Preisverleihung "prizioù". An Naer ist mittlerweile ein anerkannte Größe in der bretonischen Musikszene, die CD-Hüllen mit ihrem speziellen Format sind bekannt und es ist leicht, unsere Produktionen zu finden. Aber wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Wir müssen jetzt noch einen Gang zulegen und Lösungen finden, um ein breiteres Publikum zu erreichen.

Wir müssen uns mit unseren Kollegen in der Szene zusammentun, um Möglichkeiten zu einer effektiven Zusammenarbeit zu schaffen und wir müssen im Interesse der Kultur mit den verschiedenen Ebenen des "Conseil régional" zusammenarbeiten. Wir müssen bei den diversen Initiativen mitwirken und uns mit den Institutionen austauschen, um die Bedürfnisse unserer Branche in der Bretagne zu fördern.

PB: Mit Harmonia Mundi haben Sie jetzt einen Vertrag über den Vertrieb geschlossen ? Wirkt sich das positiv aus ?

Richtig, als wir im Rahmen der MIDEM 2002 unsere Produktionen auf dem bretonischen Stand ausstellten, nahm der Verkaufsleiter von Harmonia Mundi unsere CD-Hüllen zur Kenntnis und sprach uns an. Er war vorher bereits vom Verantwortlichen für die Region Bretagne auf uns aufmerksam gemacht worden.
Da sich der Stammsitz von Harmonia Mundi in Arles befindet, wären wir uns außer auf der MIDEM wohl nur schwerlich begegnet. Danach erhielten wir ziemlich bald einen Vertragsentwurf, den wir akzeptierten. Mittlerweile werden unsere Alben sehr professionell in ganz Frankreich vertrieben und liegen bei den etablierten Verkäufern aus (Plattenläden, Fnac, Virgin, etc.) ebenso wie in den 41 privilegierten Plattenboutiquen von Harmonia Mundi selber, die über ganz Frankreich verteilt sind, drei davon in der Bretagne: in Nantes, Quimper und Rennes. Die Verkaufszahlen sind gestiegen, vor allem außerhalb der Bretagne.

PB: Deine Aktivitäten bei An Naer haben schließlich dazu geführt, dass du nun Präsident von "Muzik e Breizh" geworden bist. Wie haben sich diese Strukturen entwickelt ?
Gwenaël Henry bei der Manifestation für den Erhalt der bretonischen Sprache am 22.März 2003 in Rennes In der Tat ist es so, dass wir im Rahmen unserer Arbeit für An Naer gesehen haben, dass es in unserer Branche eine Reihe von Problemen gibt, die damit zu tun haben, dass wir in der Bretagne leben, weit entfernt von der Welthauptstadt des guten Geschmacks und der Kultur....
Also wollten wir unsere Kollegen um Rat fragen und ich schlug ein treffen bei Coop Breizh vor. Diese Zusammenkunft fand schließlich im März 2001 in Carhaix statt und es war sehr konstruktiv. Die Verantwortlichen bei Coop Breizh waren sehr an unseren Ideen interessiert und so haben wir beschlossen ein großes Treffen in Pontivy einzuberufen.
Diese neue Struktur soll dazu dienen, die spezifischen Bedürfnisse der Branche heraus zu kristallisieren und wir wollen dafür sorgen, dass das Image der Bretagne sowohl hier bei uns als auch nach außen besser zur Geltung kommt im Interesse der Musik.

PB: gibt es keine Probleme, so unterschiedliche Musikstile wie die traditionelle Musik und Hard Rock unter einen Hut zu bringen ?

Zu Beginn haben wir in erster Linie den Kontakt mit Labels gesucht, die wir bereits gut kannten und man hätte da durchaus eine gewisse "Getthoisierung" beobachten können, weil es sich vorwiegend um die sogenannte "traditionelle" Musik handelte. Aber wir haben dann einstimmig beschlossen, unseren Verband für alle Musikstile zu öffnen. Wichtig ist lediglich, dass es sich um bretonische Produktionen handelt.
So ergab sich eine Gelegenheit, Kontakt mit Produzenten aus dem Rock-Genre aufzunehmen und mittlerweile haben Kontakte in Rennes auch zu einer Kooperation im Bereich der elektronischen Musik geführt. Alle Musikproduzenten aus der Bretagne sind uns willkommen. Diese anderen Bereiche, die genauso in ganz bestimmten spezialisierten Strukturen funktionieren besitzen ein großes Know-how, das für uns im Bereich der traditionellen Musik von großem Nutzen sein kann. Auch wir besitzen eine große Schlagkraft, die wiederum der bretonischen Rockmusik nützlich sein kann. Die "association" wird als Informationsbörse dienen und wir werden uns dort kennen lernen.

PB: Hat "Muzik e Breizh" es ermöglicht, dass die bretonischen Label dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge auf der MIDEM Präsenz zeigen konnten ? Ist die Unterstützung durch "Musiques et danses en Bretagne", einer Einrichtung, die eng mit dem Conseil régional verbunden ist, wesentlich, um diese Präsenz zu gewährleisten ?

Nein. Das war reiner Zufall. "Muzik e Breizh" wurde ins Leben gerufen, ohne dass wir wussten, dass die kulturellen Einrichtungen auf der politischen Ebene in der Bretagne einen Beobachter zur MIDEM 2001 entsandt hatten, um eine Voruntersuchung anzustellen. Als Ergebnis dieser Mission wurde "Musiques et danses en Bretagne" damit beauftragt, Treffen zu organisieren, um herauszufinden, ob die bretonischen Produzenten an einer Teilnahme bei der MIDEM 2002 interessiert wären.

Unsere Organisation entstand zur gleichen Zeit und so kam es dazu, dass diese beiden Stränge schließlich zusammenliefen. Und zwar so gut, dass eine Delegation von insgesamt acht Gesellschaften im Januar 2002 nach Cannes fuhr. Vier dieser acht Pioniere waren Mitglieder von "Muzik e Breizh".

PB: Wie wichtig ist die Teilnahme bei der MIDEM für die Label aus der Bretagne ? Und wie wichtig sind die Ergebnisse dieser Teilnahme ?

Was An Naer angeht, für uns hat sich dadurch wie bereits gesagt die Möglichkeit eines nationalen Vertriebes ergeben. Was die bretonischen Produzenten ganz allgemein angeht, da haben wir einen Vertrag für die Herstellung all unserer CDs in Belgien vereinbaren können. Konkret heißt das, dass wir unsere Kosten für die Pressung in Zukunft halbieren können.

Auch wenn das erst noch fix gemacht werden muß, bei der MIDEM 2003 konnte An Naer erste Kontakte mit Partnern schließen für einen Export außerhalb Frankreichs. Und etwas allgemeiner gesehen hat uns die Teilnahme zum zweiten Mal in Folge die Möglichkeit gegeben, uns wesentlich besser bemerkbar zu machen. Sowohl bei den professionellen Einrichtungen wie ADAMI und SCCP wie auch auf institutioneller Ebene, bei den bretonischen Abgeordneten und auf ministerieller Ebene. Und es hat unseren Zusammenhalt gestärkt: alle beteiligten Label haben erneut ihr Interesse bekundet an diesem gemeinsamen Ansatz und alle möchten auch im kommenden Jahr wieder dabei sein.

PB: Vor einiger Zeit hast du in "Le Télégramme" über die gesunkenen Verkaufszahlen von CDs mit bretonischer oder keltischer Musik gesprochen. Wie steht es heute damit ?

Es ist schwierig zu sagen, warum die Verkäufe sinken. Ist der Grund ein Trendwechsel oder liegt es an der Musikpiraterie oder sind die großen Produktionen in Paris und im Fernsehen der Grund ?
Sicherlich haben all diese Faktoren einen Anteil an der gegenwärtigen Situation, aber es zeigt auf jeden Fall, dass wir neue Wege beschreiten müssen. Es ist ermutigend zu beobachten, was sich auf den festoù-noz so tut. Man kann feststellen, dass das Publikum dort jung bleibt und das heißt, dass unsere Musik sich gut und dauerhaft etabliert hat.

Es ist die Aufgabe der Musiker, der Produzenten und der Veranstalter, mit den entsprechenden Innovationen aufzuwarten, die diesen "Planierwalzen" die Stirn bieten können, auf die wir keinerlei Einfluß haben. Ich bin der Meinung, dass es jetzt sehr wichtig wäre, mehr Gewicht auf die audiovisuellen Medien zu legen, die der Musik in der Bretagne bislang, von einigen seltenen Ausnahmen abgesehen, bei weitem nicht den Stellenwert einräumen, der ihr zusteht.

PB: Du glaubst also nicht, dass es zu einem ähnlich starken Rückgang kommen wird wie in den 80er Jahren. Du scheinst es ehr so einzuschätzen, dass es mittlerweile ein festes Publikum für die bretonische Musik und die festoù-noz gibt...?

Es ist sicher so, dass es ein festes Publikum gibt, und noch viel wichtiger, dass die Jungen heute bei weitem nicht so auf einen Stil festgelegt sind wie früher. Sie interessieren sich für verschiedene Musikgenres und sie machen Musikstile, die sie nicht kennen, nur selten schlecht (ein gutes Beispiel dafür ist das Festival "les Vieilles Charrues", wo die unterschiedlichsten Musikstile friedlich nebeneinander existieren können).

PB: Was glaubst du kann man machen, um zu vermeiden, dass derartige "Modeerscheinungen" der traditionellen bretonischen Musik schaden ? Oder ganz konkret: welche Ideen und Projekte hast du in dieser Hinsicht als Präsident von "Muzik e Breizh" ? Und auch in deiner Funktion als Mitbegründer von An Naer Produksion ?

Die Musiker und die Produzenten leisten ihren Teil, um in Zukunft gute Neuheiten zu präsentieren. Auf politischer Ebene hat die Region gezeigt, dass sie das wirtschaftliche Interesse dieses Marktsegmentes verstanden hat. Mit einigen wichtigen Maßnahmen hat sie auch bewiesen, dass sie ihren Anteil bei der Entwicklung der Branche leisten will.

Es ist also von großer Bedeutung, dass diese Kooperation weitergeht und sich auf einem bestimmten Niveau einspielt. Die Produzenten müssen es schaffen, sich zu organisieren, um bei der Entwicklung dieses Bereiches mithalten und die technischen Veränderungen vorwegnehmen zu können. Was im Moment noch fehlt, das ist das entsprechende Engagement des bretonischen Fernsehens, das vielen Bretonen, die nur die Pariser aus "Starak" und "Loftstory" kennen, zeigen könnte, dass es da echte Künstler gibt, denen sie jedes Wochenende ganz in ihrer Nähe begegnen können.

Ein wichtiges Ziel wäre die Dezentralisierung der Finanzen im Bereich der Produktion und der Entwicklung bei FR3. Es ist ein privater Sender, TV Breizh, der den Weg aufgezeigt hat. Aber deren Mittel sind immer noch sehr begrenzt und der Empfang ist auf eine zu kleine Zielgruppe beschränkt. Die Dinge müssen sich entwickeln.

(Übersetzung: Willi Rodrian, 2003)