YANN-FAÑCH KEMENER
& ALDO RIPOCHE
Der bretonische Gesang und die Welt des Barock

von: Jean-Jacques Boidron
(in: TRAD Magazine N° 97, September/Oktber 2004: 14/15)













Yann-Fañch Kemener & Aldo Ripoche 'An Dorn'

Das steht für sich selbst, für wieder entdeckte Ursprünge - und während wir auf die Fortsetzung warten können wir uns schon mal das erste Ergebnis anhören: "An Dorn" (breton. "die Hand"). Der Titel des letzten Albums von Yann-Fañch Kemener, der sich diesmal mit dem Cellisten Aldo Ripoche zusammengetan hat, verweist auf die perfekte Ergänzung der Hand des Cellisten und der Stimme des Sängers.

Eine Komplizenschaft, in der sich die barocke Musik auf so makellose Weise mit dem bretonischen Gesang vermählt.


Ursprünge

"Ich wurde in Sainte Tréphine geboren. (...) Es gibt dort das Grab des Heiligen Tremeur, dem Sohn des bretonischen Blaubart Conomor und seiner Frau Tréphine. Um ihn rankt sich die dunkle Geschichte von einer Enthauptung,, die ihn nicht daran hinderte, weiter zu gehen. Am Tag der Wallfahrt, die im Mai stattfindet, legt man nun die kleinen Kinder in das Grab des Heiligen, damit sie gehen lernen. Man sagte, sobald du da drinnen warst, kriegt man dich nicht mehr so leicht dran. Und ich war auch in dem Grab. Danach läuft man also..."
Heidnische Gründungsmythen mit christlichem Lack überzogen, welche die Kindheit durchziehen.

Das Leben und der Gesang

Yann-Fañch Kemener live "Dies ist ein Land von Sängern. Überall hier in der inneren Bretagne haben sich sowohl der Gesang wie auch der Tanz und die Sprache länger gehalten als anderswo. Bis in die 60er Jahre hinein. Es gab wirklich keinen Bruch in der Tradition. Die "cercles celtiques" (breton. Brauchtumsvereine) und die Archivsammlungen konnten mühelos auf eine lebendige Tradition zurückgreifen und diese fortsetzen.
Es waren diese alten Sänger selbst, die uns ausgebildet haben. Das ist ebenso Familiensache wie auch eine Angelegenheit der Gemeinschaft und der Kultur, die ich persönlich in den späten 70er Jahren erlebt hat. Der Gesang gehörte in meiner Familie zum Alltag und meine Kindheit war geprägt vom Wiederaufleben der "festoù-noz" (breton. Tanzfeste).
Nach '68 kam dann die große Erneuerung von Identität und Bewusstsein in der Bretagne und das besiegelte mein Schicksal. Durch den Gesang fand ich meinen Platz in dieser Gesellschaft und nachdem Gruppen und Musiker wie Stivell den Weg geebnet hatten, erschien mir der Gesang wie eine Art Wiedergutmachung.

Es gab nur wenige junge Sänger. Da waren die soeurs Goadec und die frères Morvan, aber die gehörten bereits einer anderen Generation an. In dem bäuerlichen Milieu, in dem ich aufwuchs war der Gesang extrem wichtig. Vor allem bei den Festen des Jahreskreislaufs oder bei der gemeinsamen Arbeit, bei den "veillées" (breton. soirées) und abends im Stall.
Es war sicherlich dem sehr ähnlich, was die Sammler und Dokumentaristen des 19.Jahrhunderts gekannt haben. Später bin ich dann selber losgezogen und habe mit dem Magnetophon meine eigenen Dokumentationen erstellt. Meine ältesten Informanten waren um 1900 geboren. Und all das war mir selber sehr nahe."

steinige Wege

Yann-Fañch Kemener & Aldo Ripoche, die perfekte Ergänzung Der ästhetische, intellektuell Ansatz kam erst im Lauf der Zeit hinzu. Erst im Schmelztiegel der sprachwissenschaftlichen Betrachtung erhalten die Worte einen ganz bestimmten Klang. Dann wird die Sprache zu Musik. Da geht es dann vor allem um das Gehör, um die Fähigkeit, sich zu erinnern und um die Überlieferung.

"Die bretonische Sprache, das war für mich vor allem eine Sprache, die ich zu Hause, im Dorf und in dieser dörflichen Gesellschaft gehört hatte. Das war für mich keine geschriebene Sprache. Erst im Alter von fast 20 Jahren fiel mir das erste bretonisch verfasste Buch in die Hände. Es handelte sich, glaube ich, um eine alte Sammlung von Kirchenliedern. Selbst das Buch "Buhez ar Sent" ("Das Leben der bretonischen Heiligen", eines der Bücher, das seit dem 19. Jahrhundert auf dem Land am meisten verbreitet war) fiel mir erst in die Hände, als ich bereits 17 Jahre alt war.

Es gab ein paar Gebildete im Ort, meistens waren das die Priester. Sonst gab es niemanden.
Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass das, was sich im Laufe der 70er Jahre im Verlagswesen (Bücher und Platten) getan hat, von großer Bedeutung war. Die bretonische Sprache hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon viel an Ansehen verloren. Als ich anfing zu singen, da brachte mir das mitunter Kommentare ein mit dem Tenor: "Damit wirst du es doch niemals zu etwas bringen !"

Die Karriere und die künstlerischen Entscheidungen

Die künstlerische und ästhetische Entwicklung des Sängers seit dieser Zeit unterlag vielfältigen Einflüssen.

Die Stimme und die Hand als Instrument der Stimme - An Dorn "Das, was ich heute in den Mittelpunkt meiner Arbeit stelle, das ist mit Sicherheit eine Kultur, die ich mir ganz alleine angeeignet habe. Es sind immer deine Perspektive, dein Blickwinkel, die interessant sind. Es besteht eine große Kluft zwischen meiner Lebenseinstellung und dem, wie ich lebe, aber ich versuche mir trotz allem treu zu bleiben. Ich achte immer auf eine bestimmte Musikalität in meiner Sprache, der ich sehr stark verbunden bin und die für mich eines der wichtigsten Grundelemente dieser Musik darstellt."

Vielfältig war auch der Werdegang. Da war das gemeinsame Singen mit Marcel Guilloux, etliche Soloalben, die umfangreiche Zusammenarbeit mit Anne Auffret, die Erfahrung mit der Gruppe Barzaz, das gemeinsame Erzählen von Geschichten mit Alain Le Goff und die Zusammenarbeit im Duo mit dem Pianisten Didier Squiban. Es war dieses letzte gemeinsame Projekt, das zu einem Wendepunkt in der künstlerischen Entwicklung führte: sich für die Begleitung durch ein "klassisches" Instrument zu entscheiden, dessen Spiel stark vom Jazz beeinflusst war, nur mit der Stimme als Pendant und das alles unter Bezugnahme auf die intellektuellen Salons der bretonischsprachigen Szene des 19.Jahrhunderts. Die Erfahrung war fruchtbar, aber auch unbefriedigend. Es ging auch darum, eine echte Entsprechung, eine wirkliche Gemeinschaft und die gemeinsamen Schwingungen zwischen Instrument und Stimme zu finden. Und all das, diese lange ersehnte Ergänzung stellte sich dann mit Aldo Ripoche ein, einem erfahrenen Cellisten von großer Sensibilität beim Spiel seiner Saiten.

So ergibt sich schließlich alles ganz von selbst...

"Ich habe keinen Einfluss auf den Ablauf der Dinge genommen. Alles hat sich im Lauf der Jahre ergeben, bei den Treffen, bei den Lesungen, bei den Hörproben und im Verlauf der Reisen.

Mich interessiert vor allem die Begegnung, die Begegnung zweier Persönlichkeiten ebenso wie das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Welten. Die traditionelle Musik hat sich im Laufe der 70er und 80er Jahre weiter entwickelt mit neuen Arrangements und neuen Instrumenten und wurde immer mehr dem Bereich der Folkmusik zugeschrieben.
In meiner Zusammenarbeit mit Squiban schlug ich eine andere Richtung ein. Mit einem Instrument, das eher eine gewisse "Salonathmosphäre" verbreitet und das nicht ganz so populär ist. Und das alles immer mit einem bestimmten poetischen Einschlag. Mit einer Sprache, die in mir schwingt und der Poesie des 19.Jahrhunderts und einer stark literarischen Orientierung. Sieh nur, welche Resonanz das heute findet.

AN DORN, das Ergebnis einer extrem fruchtbaren Zusammenarbeit. Zur Besprechung des Albums Mit Aldo ist das alles ganz anders: wir arbeiten intensiv an den Melodien, an den musikalischen Farben, so wie man an einem Gemälde arbeitet. Wir arbeiten sehr viel am Klang des Instruments. Bisher hat man immer darauf geachtet, den natürlichen Klang zu bewahren, ohne Filter und ohne den Ton der Aufnahme nachträglich zu verändern.
Zwischen dem Cello und der Stimme, dem Schwingen des Sängers besteht eine intensive Nähe. Die Dynamik ist schon fast die zweier Stimmen. Die Hand (breton. "An Dorn", der Titel des gemeinsamen Albums) als Instrument der Stimme.
Viele der Melodien und der Texte finden sich nur selten in den schriftlichen Quellen vor dem 19.Jahrhundert. Deswegen ist es durchaus berechtigt, eine viel ältere gemeinsame Verbindung zu vermuten als es heutzutage offensichtlich ist. Und diese Erkenntnis in Bezug auf die Welt des Barock erscheint mir ganz besonders angemessen."

All diese langen und langsamen Entwicklungen, folgerichtig eine nach der anderen und der Blick zurück in vergangene Zeiten haben schließlich ein ganz besonderes und vor allem ein einzigartiges Ergebnis hervorgebracht: AN DORN.

(Übersetzung: W. Rodrian, 2005)

Die Konzerttermine von finden sie hier: Konzerte
Auswahldiscographie:

1995 - Kemener, Yann-Fańch & Squiban, Didier: Enez Eusa (L'OZ Production)
1996 - Kemener, Yann-Fańch & Squiban, Didier: Île-Exil (L'OZ Production)
1996 - Kemener, Yann-Fańch: Carnets de route de Yann-Fańch Kemener (Coop Breizh)
1997 - Yann-Fañch Kemener: Kann ha Diskan (Coop Breizh)
1998 - Kemener, Yann-Fańch & Didier Squiban: Kimiad (L'OZ Production)
1998 - Kemener, Yann-Fańch: Gwerzioù & sonioù (Diffusion Breizh/Iguane)
2001 - Kemener, Yann-Fańch & Ripoche, Aldo: An Eur Glaz (SIAM Productions)
2004 - Kemener, Y.-F./Guilloux, M. Le/Ebrel, A./Marchand, E.: Un devezh 'ba kerc'h Morvan (Coop Breizh)
2004 - Kemener, Yann-Fanch & Ripoche, Aldo: An Dorn (Buda Musique)

Yann-Fañch Kemener im Internet: www.kemener.com