Pascal Lamour (Photo: Bénédicte Hubert Darbois

PASCAL LAMOUR

"Électro trad"

(von Dominique Le Guichaoua,
erschienen in: Trad Magazine N 87, Januar/Februar 2003)

Der Multiinstrumentalist Pascal Lamour (Gitarre, Keybord und Musik-Computer, Gaita, Binioù, Bombarde, indisches Harmonium, iranisches Tympanon, Shenai, Saxophon, Piano, Flöten, Banjo und Gesang) (be)nutzt das Studio wie ein zusätzliches Instrument.

Er wurde bei etlichen traditionellen Musikwettbewerben in der Bretagne ausgezeichnet ("Kann ar bobl", "Championnat de Bretagne de danses St Loup" in Guingamp...), er hat ein Buch über die Pflanzenwelt der Bretagne veröffentlicht und jetzt erzählt er uns von seiner musikalischen Laufbahn und von den Grundlagen seiner Arbeit...


Sollte es Ihnen passieren, dass Sie eines Tages bei Patrick Lamour in Theix im Morbihan vorbeischauen, dann öffnet er für Sie vielleicht einen seiner uralten bretonischen Schränke, die mit Synthesizern überfüllt sind, die heutzutage absolute Sammlerstücke sind. Er kennt sich sehr genau aus mit den traditionellen Liedern in der Gegend um Vannes. Mit seinem Partner, Gwenael Denis spielt er auch heute noch, er spricht die bretonische Sprache und er hat sich vor etwa 20 Jahren aus Neugierde auf das Abenteuer mit den "Maschinen" eingelassen.

Seine klare "Fusion" traditioneller Musik mit elektronischen Geräten erfolgt im Rahmen eines Konzeptes, das sich wohl am ehesten in dem Ausspruch "Musik ist nicht nur Musik" ausdrückt.

1987 erscheint seine erste Platte, eine Single. Es ist wahrscheinlich die erste ihrer Art, ein Mixtur aus elektronischer und traditioneller bretonischer Musik mit bretonischen Texten - in diesem Fall von Youenn Gwernig.

"Zu dieser Zeit brachte das viele Leute zum Lachen, weil sie nicht wussten, ob es in die Zukunft oder in die Vergangenheit gerichtet war", erinnert sich Pascal.

Erste Versuche im Studio Lagon bleu in La Feuillée veranlassten ihn zu der Entscheidung, sich überwiegend mit dieser Mischung aus synthetischer Musik und traditionellen Einflüssen zu beschäftigen.

Ziemlich rasch folgt das Album "Continentales", das aufgrund der Mitwirkung des Saxophonisten Daniel Paboeuf stark zum Jazz tendiert.

Pascal Lamour (Photo: Pascale Desagnat) Während das Album "Sanzao" (1999) von großer Weltoffenheit zeugt, führt uns "Er miloer" zurück zu den bretonischen Wurzeln, mit bretonischen Texten. Dieses Konzept wird auch bei zukünftigen Produktionen vorherrschen.
Aufgewachsen ist er in einer Familie, "in der man bretonisch mit dem Kind sprach, damit es nichts verstehe", aber das verursachte bei Pascal einen entgegengesetzten, schmerzhaften Effekt.

"Nach diesem eingetaucht werden" gibt er zu, "habe ich, wie viele andere Leute auch, resigniert, weil man mich ins Internat gesteckt hat. Aber so um 1975 nahm ich wieder Kontakt auf mit meiner Familie und mit den Leuten aus der Gegend - so viel, dass ich mich jetzt ganz gut durchschlage."

Auch sein Studium der einschlägigen bretonischen Literatur hat großen Einfluß auf sein Werk. Texte, die vom 12. bis zum 18.Jahrhundert reichen, bildeten die Grundlagen seiner Reflektionen und Kompositionen für das Album "Er Miloer".

"Ma zad ma mamm" handelt vom Verhältnis zu den Eltern und dass eine ganze "Lebensart" verloren gehen wird, wenn die bretonische Sprache ihren Platz im alltäglichen Leben verliert.

Der Text zu "Disul vitin" wurde Anfang des 20.Jahrhunderts von Joseph Loth aufgeschrieben und beschreibt das isolierte Leben auf der "Ile aux Moines" in diesen Zeiten. Für die Leute, die damals dort lebten, war das schrecklich. Heute ist diese Insel ein beliebtes Touristenziel.

Dann die Musik... Pascal Lamour, le sonneur

Da er weiterhin als "sonneur" (traditioneller Musiker) auftrat, wurde Pascal zu den Jurys der Wettbewerbe eingeladen, was ihm die Gelegenheit gab, ein in seinen Augen eigenartiges Phänomen zu beobachten: "Die Alten, mit denen wir im Kontakt sind, von denen wir gelernt haben, spielten uns hin und wieder ihre Stücke vor.

Wir versuchten zu verstehen und das brauchte seine Zeit. Heute braucht man dafür Schulen, worüber sich jedoch keiner beklagt. Worauf man da beim Lernen allerdings achten muß, das ist, dass die spezifischen Stilvarianten nicht verloren gehen - und das ist ein Problem.

Es ist nicht wirklich eine 'Gleichmacherei', die ich da beobachtet habe. Fakt ist jedoch, dass die Musiker, selbst wenn sie klare Unterschiede zwischen den Regionen ("pays") machen, dennoch alle ein bisschen was von allem spielen, gleichförmig an die Musik herangehen.

Das zeigt sich dann in einer gewissen Beliebigkeit der Rhythmen, der Melodien und der Arrangements der Stücke.

Der direkte Kontakt mit den "Alten", die Qualität ihrer unmittelbaren Mitwirkung fehlt uns schrecklich! Ich bereue immer noch, keine Kamera benutzt zu haben, weil die traditionellen Musiker, während sie ihre Stücke spielten, eine ganz einzigartige Umgangsweise mit ihren Instrumenten hatten.
Video und andere Aufzeichnungsmöglichkeiten werden allerdings niemals die Persönlichkeit des Lehrers und seine Erfahrungen ersetzen. So konnten wir ein kleines Stückchen ihres Lebens erhalten. Heute muß alles schnell gehen. Einige sind zur bretonischen Musik gekommen, weil es einen Markt dafür gab und sie kannten weder die Tradition, noch die Tänze.

Um neue Dinge präsentieren zu können, ist es am besten, aus den Erinnerungen zu schöpfen und sich des vorhandenen Erbes zu bedienen. Und genau das versuche ich - die Musik von morgen soll eine Geschichte haben. Eine Synthese schaffen aus elektronischen Sounds, Weltmusik und bretonischer (nicht keltischer !) Musik. Man mag Alan Stivell mögen oder nicht, aber man muß anerkennen, dass das, was er macht, bretonische Musik ist.

Es gibt allerdings viele bekannte Leute, die auf keltischer Musik bestehen und die einen mehr oder weniger absichtlich Glauben machen wollen, dass das bretonische Musik ist.
Im Morbihan, wo ich lebe, sind es von Carnac aus knapp 50 km nach Gavrinis. Und noch mal 50 km weite, dann bin ich im Wald von Brocéliande. Ich habe inzwischen viele Kirchen und Kapellen gesehen... - was ich damit sagen will: ich kann in einem relativ kleinen Umkreis vom Neolithikum über die moderne Welt ins Mittelalter, nach Brocéliande, der Muse der europäischen Romantik gelangen.
Pascal Lamour (Photo: Bénédicte Hubert Darbois)
Manchmal gerät man in eine Art Treibsand zwischen diesen Welten. Da zieht es einen von einer Seite zur anderen und das ist nicht immer angenehm. Das ist schade, denn wir werden ausgebeutet werden, wenn wir uns nicht irgendwann einigen und zusammentun - und ich wäge meine Worte gut ab, wenn ich das sage! Es werden Leute auftauchen, die die bretonische Musik ausrauben werden - das wäre sträflich, eine Schweinerei.
Da wird auf der einen Seite behauptet, dass es der bretonischen Musik an Persönlichkeiten mangele, auf der anderen seite präsentiert jemand wie der Direktor des Festival Interceltique de Lorient einige wenige sehr bekannte Künstler (Gilles Servat und Dan Ar Braz) als die aktuelle bretonische Musik. Hier regiert das Geld, das ist dieselbe Attitude wie bei den "Major Labels".
Es gibt tausende von Musikern in der Bretagne und die bretonische Musik ist zweitausend Jahre alt. Niemand ist wirklich in der Lage, zu sagen, wer die "Stars" sind und wie lange das dauern wird. Auf lange Sicht ist die bretonische Musik unabhängig von derartigen Tendenzen und Moden."


Pascal Lamours musikalische Entwicklung führte ihn wie viele andere seiner Generation auch über die populäre Musik (Pop, Reggae, Funk,...), die Gitarre und diverse Formationen hin zur Auseinandersetzung mit der traditionellen Musik.

Begegnungen mit Gibert Hervieux, Jacques Beauchamp, Prono, Druet, Baron und Gwenael Denis, mit dem er heute noch als Duo spielt. Dann entdeckt er bei einem Freund den Atari und von da an beschäftigt er sich mit den elektronischen und digitalen Möglichkeiten Musik zu produzieren, wobei die traditionelle Musik (das Duo mit G.Denis) ein fester Bestandteil seines Lebens bleibt.

Zusammenbleiben als Gruppe...

Die Musik hat ihm genug eingebracht, um sein Studium zu absolvieren. Danach hat er dann gearbeitet und sich vorgenommen, eines Tages wieder zur Musik zurück zu kehren.

Dies ist nun seit 3 Jahren der Fall und mehrere Alben wurden produziert - er sagt so ganz nebenbei, dass er Glück gehabt habe, Musiker mit unterschiedlichen Horizonten getroffen zu haben.
Weil er Bühnenauftritte mag, hat er sich vorgenommen, sein Konzept speziell in dieser Hinsicht zu überarbeiten. Das Ergebnis der Studioarbeit, das ist seine aktuelle Gruppe - "Lamour" - die aus Freunden besteht: Raphale Chevalier (Violine), ein treuer Gefährte von Beginn an, Mourad Ait Abdelmalek (Schlagzeug, Percussion) und Eric Trochu (Klavier und Produktion).
Bei "Arkan" habe ich sehr vieles gelernt, vor allem durch die Treffen und die Bühnenauftritte. Pasval Lamour sur scène

"Wir haben das letzte Album gemeinsam abgemischt und wir spielen als Gruppe auch unter dem Namen "Arkan" zusammen, wo noch Francois Possémé mit von der Partie ist.
Die Idee dieser Gruppe ist die eines "Schmelztiegels", in dem sich jeder einzelne wiederfinden kann. "Lamour" dagegen erlaubt mir, den anderen meine ganz persönlichen Vorschläge zu präsentieren

Das Album "Sanzao" brachte uns dann mit einem Mal auf die Bühne - eine mehr oder weniger interessante Variante, die jedoch mit denselben Musikern präsentiert wurde wie auf der Platte. Live-Musik muß man immer entwickeln, man muß sie spielen und sich das Set zu aneignen. Solange, bis man Lust bekommt, damit vor Publikum aufzutreten. In technischer Hinsicht ist das alles nicht sehr kompliziert, aber durch den Wechsel der Instrumente ist es wichtig, die akustischen Klänge und die Maschinen gut aufeinander abzustimmen. Das ist vor allem die Aufgabe von Manu Bergot, dem Toningenieur. Francois Possémé ist für die Vorproduktion verantwortlich. Er setzt die Musik mit den entsprechenden Bilder in Szene."


"Er Miloer" - wenn die eigenen Wurzeln im Universellen münden.

"Im Booklet des vorletzten Albums "Sanzao" habe ich geschrieben: 'Ich glaube, dass jede Musik aus derselben Quelle schöpft - eine Art Schmelztiegel der Musik der ganzen Welt'. Bei "Er Miloer" wollte ich Elemente der Musik aus der Region um Vannes, die weit über die Region hinaus gespielt wird, in diesen Schmelztiegel legen, bevor sie Allgemeingültigkeit erlangt.

Auch die CD-Hülle soll dieses Konzept ausdrücken. Das Geschöpf, das Dudelsack spielt ist von einem Licht durchdrungen, das ins Wasser reicht, um sich in der Unendlichkeit des Meeres aufzulösen. Diese Figur steht in einer Kapelle in Theix - ich habe sie lange betrachtet. Ich habe mir die Darstellung eines Tieres oder eines Menschen vorgestellt, auf die das Licht und die sich dann in diesem Licht auflöst.

Dann ist es wieder eine Flasche im Meer, die dahin treibt, wo sie will. Das ist eben meine Art und Weise eine sehr klar verortete Kultur wirkungsvoll den Wellen anzuvertrauen."

(Übersetzung: Petra & Willi Rodrian, 2003) Pascal Lamour: 'Er Miloér'

Discographie:

1994 - "Lamour" (BNC Productions"
1995 - "Continentales" (BNC Productions)
1997 - "An Nor' ar an nor" (BNC Arkàn/Last Call/Wagram)
1999 - "Sanzao" (Last Call/Wagram)
2002 - "Kan de zansein barh en ti", mit Arkàn (BNC Arkàn)
2002 - "Er Miloér" (BNC Productions/Coop Breizh)