POLIG MONJARRET / Teil 1

Ein Wegbereiter der musikalischen Rennaissance in der Bretagne

Von Yves Labbé (in: Musique Bretonne 178 Mai/Juni 2003)













Polig Monjarret

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, Yves Labbé, veröffentlichen wir in den kommenden Wochen dessen Artikel über eine der wichtigsten und interessantesten Persönlichkeiten der jüngeren bretonischen Geschichte. Polig Monjarret war an der Gründung etlicher bretonischer Organisationen im Bereich Kultur und Musik beteiligt, er legte den Grundstein für einige der bedeutendsten, bis heute lebendigen Kulturveranstaltungen wie bspw. den "Kan ar bobl"oder das "Festival Interceltique de Lorient".

1997 erschien der erste Band seiner Memoiren unter dem Titel "Polig an diaoul" ("Polig, der Teufel" bei Coop Breizh), in dem er seine Kindheit im Trégor beschreibt.

Anfang Dezember 2003 ist Polig Monjarret im Alter von 83 Jahren gestorben. Unter großer Anteilnahme der bretonischen Öffentlichkeit wurde auf dem Friedhof von Ploemeur beigesetzt. Lesen Sie einen kurzen Nachruf zum Tode von Polig Monjarret.



Polig Monjarret ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Wiederauflebens der bretonischen Kultur. Er war im Lauf der Jahre an der Gründung etlicher wichtiger Organisationen und Wettbewerbe beteiligt, wie beispielsweise "Bodadeg ar Sonerion", "Kendalc'h" und "Kann ar Bobl". Die Geschichte von Polig Monjarret steht für ein halbes Jahrhundert kreativen und einflussreichen Engagements, das Bewunderung und Respekt verdient.

Es ist der 1. März 1942 in Locmaria-Berrien. Es ist der Tag der großen Hochzeiten und für einen Moment werden die Bewohner des kleinen Dorfes in der Bergen den Krieg vergessen. Drei junge Freunde sind auch mit dabei bei diesen... Loeiz Ropars aus Poullaouen stammt aus der Gegend. Er war es, der seine beiden Freunde und Musiker eingeladen hat, die aus Rennes kommen: Iffig Hamon, der für Ouest-Eclair arbeitet und Polig Monjarret, zu dieser Zeit Bauleiter der "école de formation des cadres de Jeunesse et Sports" in Mordelle.

Polig erinnert sich an diese Hochzeit, als ob es erst gestern gewesen wäre: "Loeiz hat uns dem Hochzeitspaar vorgestellt. Als sie "das dreistöckige binioù inklusive bombarde" sahen (einen schottischen Dudelsack, begleitet von einer Bombarde), gefiel ihnen das sofort. Der "offizielle" Musiker, der Akkordeon spielte, war schon ein wenig betrunken. Wir kannten nur eine einzige Melodie aus dieser Gegend. Ich habe also ganz schnell zwei Hochzeitsmärsche und zwei "gavottes" aufgeschrieben und so waren wir in der Lage, einen ganz ordentlichen Auftritt hinzulegen!"

"Die Teilnahme an dieser Hochzeit", erzählt Loeiz Roparz, "war für Polig in der Tat so etwas wie eine Erleuchtung. Es wurde ihm klar, dass man mit der Musik direkt mit den Leuten in Kontakt kommen kann und das war etwas, was er sich als Mitglied eines städtischen Cercle Celtique bis dahin nicht hatte vorstellen können."

Polig bestätigt dies: "Es wurde mir klar, dass es in dieser Zeit einen totalen Bruch gab zwischen den Cercles Celtiques, wo man mit den Tänzen herumpfuschte und dem Alltag der Leute, der natürlichen Überlieferung von Generation zu Generation, der Tänze, der Lieder, einfach der gesamten Kultur. Ich begann zu verstehen, dass die Cercles Celtiques ihrer Rolle in der bretonischen Kultur nicht gerecht wurden."

Dieser Tag hielt noch eine weiter Überraschung für Polig Monjarret bereit: er, der eigentlich ein Geiger mit klassischer Ausbildung war, entdeckte eine Musik, deren Notation nichts zu tun hatte mit dem, was man ihm beigebracht hatte.: "Ich war davon überzeugt, dass alle schrecklich falsch sangen!" Später war es dann Jeff Le Penven, der ihm den Unterschied zwischen einer natürlichen Tonleiter und einer temperierten Tonleiter erklärte.

Pfadfinder und Musiker: die zwei großen Leidenschaften

Polig Monjarret mit seinen Großeltern Hélène Bervet und Wanig Buzulier (Sammlung Polig Monjarret) Polig Monjarret wurde 1920 in Pabu, nicht weit von Guingamp geboren. Er verbrachte einen Teil seiner Kindheit bei seinen Großeltern, den Buzuliers, die eine Cidrerie unterhielten. Bretonisch war dort die Alltagssprache.

Daneben gab es auch noch die ganz "französische" Erziehung bei den Brüdern der Saint-Léonard-Schule in Guingamp, den Geigenunterricht und die begeisterte Entdeckung der Pfadfinder, die sein Leben prägen sollte. Der junge Paul Monjarret beweist schon sehr jung, dass Charakter einen starken Charakter besitzt: kaum 16 verlässt er die katholischen französischen Pfadfinder und gründet eine Sektion der "Eclaireurs de France" (ein Laienverein). In Rennes, wo er später den Beruf des Raumausstatters erlernen wird, wird er Gruppenleiter und widmet seine gesamte Freizeit dieser Leidenschaft.
Der Krieg führt ihn wieder für einige Monate nach Guingamp zurück, wo er seiner Mutter hilft, die kleine Schreinerei und Möbeltischlerei der Familie in Gang zu bringen. Aufgrund seiner Erfahrungen als Gruppenleiter bei den Pfadfindern erhält er im Oktober 1940 eine Anstellung in der "école de formation des cadres de Jeunesse et Sports" in Mordelle. In seiner Freizeit besucht er den Cercle Celtique von Rennes (Kelc'h keltiek Roazhon), der für sich selbst als "Schule des bretonischen Stolzes" ("école de fierté bretonne") wirbt.
Es ist Liebe auf den ersten Blick, als er dort einen schottischen Dudelsack zusammen mit einer Bombarde hört und er kauft auf dem Land bei einem jungen Instrumentenbauer, einem gewissen Dorig Le Voyer, eine Bombarde. Dieser wiederum besucht ihn in Mordelles und bringt ihm die Grundkenntnisse bei. Bald darauf üben sie gemeinsam als "couple binioù-bombarde".
In Rennes begegnet Polig auch Vertretern der politischen bretonischen Gruppierungen. Den Ideen der "Parti National Breton" (PNB) fühlt er sich verbunden, ohne sich jedoch komplett darauf einzulassen. "Ich begleitete sie mit dem Dudelsack, um sie beim Verkauf ihrer Zeitung zu unterstützen, der Heure Bretonne."

Ende September 1942 verlässt Polig Monjarret die "école de formation des cadres de Jeunesse et Sports" und kehrt nach Guingamp zurück. Die Gründung des STO ("Service du travail obligatoire" / Zwangsarbeitsdienst) beunruhigt ihn. Für ihn steht es außer Frage, nach Deutschland zu gehen. Also stellen ihm seine Freunde bei der PNB falsche Papiere aus. "Die ganze Geschichte war für mich eine Auseinandersetzung der Deutschen mit dem Rest der Welt und ich sah nicht, was die Bretagne dabei zu gewinnen hatte. Für mich fand mein persönlicher Kampf hier vor Ort statt."

Die Geburt des BAS

Als Dorig Le Voyer Polig (Jahrgang 1914) zum ersten Mal begegnete, war er bereits ein altgedienter Kämpfer für die bretonische Sache. 1932 hatte er gemeinsam mit Robert Audic und Hervé Le Menn in Paris die "Kenvreuriez ar Viniouerien" (KAV oder Brüderschaft der Musiker) gegründet. Bei den Treffen der beiden Freunde entwickelte sich bald die Idee (die erstmals 1937 im Gespräch war), eine bretonische Sektion der KAV zu gründen. Aber es war Polig, der sofort ein wesentlich anspruchsvolleres Projekt im Sinn hatte: einen "Dachverband der Musiker" ins Leben zu rufen ("Assemblé des Sonneurs").

Im Oktober 1942 verschickte er einen Brief an einige zehn Musiker, die ihm bekannt waren, in dem er dieses Vorhaben vorstellte. Im November organisierte er eine Umfrage, um festzustellen, wie viele traditionelle Musiker es überhaupt noch gab. Er verschickte gut 100 Briefe an Bürgermeister und Schulleiter. Die knapp 20 Antworten, die er erhielt, lieferten ihm 60 Namen. Allerdings konnte er nur wenige der genannten treffen aufgrund der Kriegszeiten.
Am 23 Mai 1943 wurde die Gründung des "Bodadeg ar Sonerion" anlässlich des 4. Kongresses von "Framm keltiek Breizh" (Institut celtique de Bretagne) in Rennes öffentlich kundgetan. Vorsitzender dieses Kongresses war der Schriftsteller und Linguist Roparz Hemon. Am Vorabend der Veranstaltung hatten eine Handvoll junger Musiker im Stadttheater ein kleines Konzert gegeben. Am Tag darauf traten sie noch einmal im Innenhof des "Parlement de Bretagne" auf. Reun Tanguy, Dorig Le Voyer und Iffig Hamon spielten Bombarde, Efflam Kuven, Robert Marie und Polig Monjarret spielten den Highland Pipes.
In der zweiten Hälfte des Auftritts gesellten sich noch zwei Schlagzeuger hinzu. Dorig Le Voyer wurde zum Präsidenten des BAS ernannt, Polig Monjarret wurde Sekretär und Robert Miarie Schatzmeister. Joseph Le Penven, der Jef genannt wurde, sollte für die musikalische Auswahl zuständig sein. Der BAS wurde der Abteilung Volksmusik des "Institut celtique" eingegliedert.

Kevrennoù und Dezentralisierung

Polig auf dem Gipfel des Menez Hom, ein Bild mit symbolischer Aussagekraft Die Gründungsstatuten und die Satzung des BAS sind sehr genau und streng, nicht nur in Bezug auf die Qualität der Musiker, die zu benutzenden Instrumente und die Musikauswahl, die sorgfältig "bereinigt" und vom musikalischen Gutachter (Jef Le Penven) ausgewählt wurde. Auch hinsichtlich der neuen Aufteilung der Bretagne in ganz bestimmte kulturelle Regionen, die man als "kevrennoù" bezeichnete. "Nach unserer Vorstellung" erzählt Polig "sollte so ein 'kevrenn' all die zusammenführen, die sich für die bretonische Kultur engagierten, die Musiker, die Cercles Celtiques und andere Organisationen."
Um diese "kevrennoù" zu organisieren und zu motivieren "mussten die zukünftigen Leiter ausgebildet werden, wir brauchten kompetentes Personal." Polig war als leidenschaftlicher Vertreter der Pfadfinder begeistert von deren Ausbildung, die er seitdem zehnten Lebensjahr miterlebt hatte: "Bei den Pfadfindern muß jeder mit sich selber klarkommen und in Selbstdisziplin leben. In dieser Organisationsstruktur entwickeln sich Gruppen, aus denen fähige Leute hervorgehen, die in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen und die von den anderen akzeptiert werden. Die andere große Idee, das ist die der Dezentralisierung mit autonomen Gruppen, die die selbe Philosophie miteinander teilen und die gleichen Ziele."

Der unmittelbare Erfolg des BAS fand nicht bei allen Beifall und die politisch aktiven Bretonen machten bald klar, dass es ihrer Meinung nach wichtigeres gäbe, als in Ziegensäcke zu blasen. Polig Monjarret erinnert sich: "Im Gegensatz dazu hat und Raymond Delaporte, der Chef der PNB, ermutigt, wobei er darauf bestand, dass man kulturelles und politisches Handeln sauber trennen müsse, wobei letztere der anderen sogar schaden könne."
Im September 1943 fand im "manoir de Kériou" nicht weit von Gouézec Trainingslager ("camp-école") statt. Dort kamen 23 Musikschüler aus dem gesamten Finistère zusammen.

Von Tyrol ins Internierungslager von Rennes

Ungeachtet der Kriegszeiten widmen sich Polig Monjarret und Dorig Le Voyer weiterhin ihrer Arbeit mit dem BAS, der 2 tage vor der Landung der alliierten Truppen den 105.Mitgliedsbeitritt verzeichnet. Am 10 Juli 1944 beschließen die beiden jungen Männer, die beiden Schwestern, die sie gemeinsam immer wieder besuchen, zu heiraten. Als Vorsichtsmaßnahme wurde ihnen gestattet, auf die Bekanntgabe des Aufgebots zu verzichten, aber schon am übernächsten Tag werden sie von der Gestapo aufgegriffen. Polig wirft man den Besitz falscher Papiere vor sowie die Fahnenflucht vor dem Arbeitsdienst. Es folgen 18 Tage im LKW oder im Zug, in Viehwagons. Das Ziel ist Südtirol. Polig übt dort vorwiegend den beruf aus, der uch in seinen Papieren angegeben ist: Photograph, obwohl er ganz offensichtlich kein Photograph ist. Dann arbeitet er als Schlosser, was er eigentlich ebenso wenig ist. Dorig wird in einer Glasfabrik untergebracht, später arbeitet er in der Keramikproduktion.

Im Mai 1945 werden sie von den Truppen de Lattres befreit. Polig klaut das Auto seines deutschen Arbeitgebers und flieht gemeinsam mit sechs mitgefangenen. In Paris lässt er sich demobilisieren und kehrt in die Bretagne zurück. Dort angekommen wird er in Saint-Brieuc auf der Stelle verhaftet. Begründung: er sei ein Mitglied der politischen Gruppe Breiz Atao. Nach drei Monaten in Haft verbringt er fünf Wochen erst im Internierungslager von Langueux, dann in Rennes.

Erst nachdem sein Vater sich beim Präfekt für ihn einsetzt, wird Polig am 9.November 1945 entlassen. "Es schien, dass der Präfekt mich nicht entlassen wollte, da er befürchtete, dass man mich umbringen würde. Aber ich hatte ein gutes Gewissen, ich hatte ja nur Dudelsack gespielt ! Aber die Super-Patrioten habe ich wohl zur Verzweiflung gebracht, weil ich darauf bestand, ein französischer Bürger zu sein mit bretonischer Nationalität, vor allem eben bretonisch !"

"Unsere Dudelsäcke machen keine Politik !"

Polig zögerte keinen Moment, den BAS so schnell wie möglich wieder aufzubauen, obwohl die Umstände für die bretonischen Aktivisten alles andere als einfach waren (die Säuberungsaktionen der Nachkriegszeit hatten schmerzhafte Spuren hinterlassen). Er schrieb die 105 Mitglieder vom Juni 1944 an, von denen jedoch nur 20 antworteten. Die anderen waren nicht mehr interessiert oder ließen aus Angst vor Repressionen nichts von sich hören.
Diejenigen, die im Besitz von bretonischen Liedern waren bat er darum, sie ihm zu schicken, um sie dem musikalischen Gutachter vorzulegen, um sie gegebenenfalls weiter zu verbreiten. "Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, um die Melodien aufzuschreiben, erzählt er, und Jef warf einen Teil davon in den Müll. Er war der Meinung, dass sie die kompositorischen Grundregeln bretonischer Musik nicht beachteten."

Während Jef die Auswahl traf kümmerte sich Robert Marie darum, dass die Beiträge wieder gezahlt wurde und Dorig produzierte binioùs und bombardes. Polig selbst verschickte Hunderte von Briefen, um möglichst viele Mitglieder zu werben. In der wenigen zeit, die ihm noch blieb, beschäftigte er sich mit dem Sammeln traditioneller Musik. Der BAS wurde offiziell registriert und war somit ein legaler Verein (veröffentlicht im "Journal Officiel" vom 31.März 1946). Trotzdem warf man den Musikern vor, für die Rechte genauso zu spielen wie für die Linke. Polig schrieb: "Die Noten, die aus unseren Instrumenten kommen waren weder autonomiebestrebt, kommunistisch, MRP, sie waren gar nichts von all dem. Es ist ganz einfach Musik und sonst nichts !"

Er forderte die Musiker auf überall zu spielen, für die Arbeiter, auf den Volksfesten, bei Gefängnisfeiern, für die "Cercles Celtiques"... und vor allem bei den Pardons, wo "es darum geht, gegen die "kof ha kof"-Tänze" vorzugehen, das heißt gegen die Paartänze "Bauch an Bauch" und wieder "gavottes, jabadao, laridés" etc. einzuführen."

Das zweite Trainingscamp fand Ende August 1946 in Argol statt und konnte 160 Camper begrüßen, 60 von ihnen waren Musikschüler des BAS, viele davon gleichzeitig auch Mitglieder in cercles celtiques. Am Ende desselben jahres zählte der BAS bereits 300 Mitglieder. Angesichts der Tatsache, dass die bretonische Kultur immer noch schlecht angesehen wurde, war das eine beeindruckende Zahl.

(Übersetzung: Willi Rodrian, 2003)

Lesen Sie in Teil 2 des Artikels über Polig Monjarret mehr über die ersten "bagadoù", über die Rettung des Liedgutes, die Gründung von Kendalc'h und das Festival Interceltique de Lorient und anderes mehr...