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Ôbrée Alie, die CD alment d'if
die CD
alment d'if
Ôbrée Alie live in Gourin September 2000
Bertran Ôbrée live in Gourin September 2000
Bertran Ôbrée live in Gourin September 2000
Ôbrée Alie live in Gourin September 2000
Bertran Ôbrée live in Gourin September 2000
Cécile Girard live in Gourin September 2000
Mikaël Coroller live in Gourin September 2000
Pierre-Yves Prothais live in Gourin September 2000

Interview mit Ôbree Alie
von Dominique Le Guichaoua
(aus: Tradmag N° 72, Juli/August 2000: 26)


Die Gruppe Ôbrée Alie um den gallo-sprachigen Sänger Bertran Ôbrée hat im vergangenen Jahr in der Musikszene der Bretagne durchaus Furore gemacht. Kaum eine andere Formation aus der Haute-Bretagne, die sich auf ihre gallo-Wurzeln bezieht (wie beispielsweise Katé-mé oder auch Gargouilles hat so viel Aufsehen und Interesse erregt.
Aus diesem Grund sind wir besonders erfreut, daß wir an dieser Stelle die Gelegenheit haben, das Interview von Dominique Le Guichaoua exklusiv in der deutschen Übersetzung zu präsentieren.


DAS INTERVIEW

Bertran Obrée und seine Gruppe Obrée Alie stoßen völlig unerwartet zur großen Familie der bretonischen Musik. Mit einer eigenen Sprache, dem Gallo, mit selbstgeschriebenen oder übernommenen traditionellen Melodien und mittels Improvisationen ist dies das Ergebnis von drei Jahren erstaunlicher Arbeit, die hier aus dem Schatten auftaucht.
Unter den ersten, die ihre erste CD "Alment dŽIf ", (erschienen bei Coop Breizh) bereits gehört haben, gibt es viele, für die diese Entwicklung etwas ganz eigenes darstellt.


Obrée Alie taucht nun also in der bretonischen Musiklandschaft auf. Dies ist ein bißchen überraschend...

Angefangen hat es mit dem Duo Obrée & Coroller, bei dem wir vor allem mit einem Repertoire an Klageliedern zu arbeiten begannen. Mikael hatte vorwiegend Erfahrung als Rockmusiker sowie als Musiker auf festoù-noz gesammelt. Es war ziemlich neu für ihn, Melodien zu begleiten, die sehr arhythmisch sind. Ich für meinen Teil war glücklich, endlich mit einem Instrumentalisten zusammenzuarbeiten.

Um diesen wechselseitigen Beiträgen nun auch den entsprechenden Anteil einzuräumen ohne dabei die arythmischen Aspekte der "complainte" zu vernachlässigen, haben wir uns Lösungen für den Part der Gitarre einfallen lassen, die es Zualssen, daß diese sich weniger den metrischen Aspekten widmet, sondern eher den Gesten und den Verzierungen.

Diese Arbeit hat drei Jahre in Anspruch genommen. In dieser Zeit hatten wir nur ein öffentliches Konzert. Das war in der "Mission Bretonne" in Paris und es gab noch ein paar kleine Autrtitten hier und da. Aufgrund der mangelnden Auftrittsgelegenheiten hat sich für uns nie die Frage nach dem Aufhören gestellt.

"Zu dieser Zeit hatten wir bereits ein Demo-Band aufgenommen, das wir an Coop Breizh geschickt haben. Die haben uns ziemlich schnell geantwortet."

Es war mehr der Forschungsaspekt, der uns interessierte.Dann hatten wir sehr schnell Lust mit Percussion zu arbeiten. Anläßlich eines kleinen Konzerts im Baskenland, in Ordiarp, haben wir gehört, was Marilis Orionaa macht, eine "chanteuse béarnaise", die von einem Schlagzeuger begleitet wurde. Diese Klänge haben uns in unserer Idee bestärkt. Letztes Frühjahr haben wir die Annonce eines reien Schlagzeugers gesehen und haben uns sehr schnell mit Pierre-Yves zusammengetan. Zu dieser Zeit hatten wir bereits ein Demo-Band aufgenommen, das wir an Coop Breizh geschickt haben. Die haben uns ziemlich schnell geantwortet. Das hat uns davon überzeugt, ein drittes Instrument zu finden, das eine melodische Ergänzung und auch eine Entsprechung zum "chant á danser" bringen könnte. Ich wurde eingeladen, an einer CD von Alix Quoniam mitzuarbeiten ("Le pommier miraculeux") und habe dabei Cécile Girard kennengelernt, die auf dieser CD mitspielte.

Wir haben beschlossen, zusammenzuarbeiten. Das hat sehr schnell sehr gut funktioniert und sie hat einen hohen Anspruch eingebracht, was die Arrangements betrifft. Sie besitzt eine vielfältige musikalische Schule, die von Klassik über Jazz und Improvisation reicht und hat bereits mit Juan-José Mosalini und Jean-Marie Machado zusammengearbeitet sowie mit Leuten aus dem Bereich der Erzähltradition. Das hat unsere Zusammenarbeit erleichtert. Anfangs nahmen wir die Stücke als Quartett wieder auf, die wir zuvor bereits mit der Gitarre gespielt hatten, all dies unter dem kritischen Blick von Cecile.

Und anschließend sollte es darum gehen, eine Gruppe für Auftritte zusammenzustellen?

Ja, für Konzertauftritte. Musikalisch haben wir sehr viel an den Arrangements gearbeitet. Jetzt machen wir uns daran, die Bühnenaspekte auszubauen, also Ton, Licht und die räumliche Umsetzung.

Ist es nicht wesentlich schwieriger, eine gallo-sprachige Konzertgruppe ins Leben zu rufen, als eine bretonisch-sprachige, vor allem wegen dem mysteriösen Anteil der bretonischen Sprache?

Es gibt immer noch sehr viele Vorurteile dem Gallo gegenüber, das häufig immer noch als "Bauern-Sprache" oder gar als deformiertes Französisch angesehen wird. Hört man jedoch die CD, dann werden diese Schranken wegfallen. Gleichzeitig entdeckt man derzeit auch das Exotische des Gallo wieder.
Die junge Generation, die mit der Sprache aufgewachsen ist und die dieses Gallo hören, in dem auch literarische Werke geschrieben sind, die eintauchen in eine der ältesten Sprachen, ist davon überrascht.

"Es gibt immer noch sehr viele Vorurteile dem Gallo gegenüber, das häufig immer noch als "Bauern-Sprache" oder gar als deformiertes Französisch angesehen wird. Hört man jedoch die CD, dann werden diese Schranken wegfallen. Gleichzeitig entdeckt man derzeit auch das Exotische des Gallo wieder. "

Einige entdecken da Ähnlichkeiten mit dem Quebecois, wieder andere assoziieren das Gallo mit dem Portugiesischen. Das zeigt sehr gut das Erstaunen, das das Hören dieser Sprache hervorruft.

Wie lebendig ist das Gallo in den entsprechenden Regionen?

Gallo ist weitaus lebendiger, als man vielleicht meint und zwar in der Gegend von Nantes bis St.Brieuc. Die "Renaissance-Bewegung" und auch die meiste Unterstützung für das Gallo ist in der Region um St.Brieuc, Loudéac, Dinan und Fougères entstanden. Die gesamte Region der Nord-Bretagne, und dies schließt nun die Gegend um Rennes mit ein und reicht hinüber bis nach Nantes.

Was bedeutet Obrée Alie eigentlich?

Obrée ist die gallische Schreibweise meines Namens, der auch mein "Alltagsname" wurde. Alie hat eigentlich zwei Bedeutungen. "Ene alie" ist eine kleine Frucht (auf französisch die Mehlbeere), die man überreif ißt, ähnlich den Feigen und Mispeln. Es ist aber auch die Verbkonjugation von "alier", was soviel bedeutet wie sich versammeln, wieder zusammenfinden. Am Anfang des Jahrhunderts sagten die Bienenzüchter beispielsweise auf Gallo "Alie,alie, alie mère!", wenn ein Bienenschwarm sich von einem Ort zu einem anderen begab, wo sie sich wieder versammelten. Wir wollten damit die Idee, für die unsere Gruppe steht, ausdrücken.

Wie bist du von der Sprache zum Gesang gekommen?

Jetzt verbinde ich diese beiden Aspekte. Seit 1983, auf den "Assemblées Gallèses" habe ich damit begonnen zu singen und es ergaben sich Kontakte zu Leuten wie Albert Poulain. Zuerst interessierten mich vorrangig die Klagelieder ("complaintes"), dann stürzte ich mich auf Tanzlieder, was aber doch nicht so mein Ding war. 1988-89 nahm ich Unterricht bei Gilbert Bourdain und Erik Marchand bei Veranstaltungen von Dastum. Das hat mir sehr viel gebracht, was den traditionellen Stil angeht. Bald darauf lernte ich Alix Quoniam kennen, der mir beibrachte, wie ich meine Stimme professionell einsetzen kann. Heute arbeite ich mit Agnès Brosset, die eine Schule für Gesangstechnik in Pontivy leitet.

Die Verbindung zwischen der Beschäftigung mit der Sprache und dem Gesang habe ich erst ziemlich spät geschafft. Zuerst einmal habe ich mich mit der Erzähltradition beschäftigt, dann wollte ich aber auch in Gallo singen können. In der Folge stieß ich auf ein Problem in bezug auf das traditionelle Repertoire in Gallo: es wurde von den (Liedgut-)Sammlern des 19. und 20. Jahrhunderts ziemlich vernachlässigt. Sie gaben eher dem französisch-sprachigen Repertoire den Vorzug.
Folglich ist es für jemanden, der sich mehr für das Gallo interessiert, ziemlich schwierig, zuverlässige Quellen zu diesem Thema aufzutreiben. In den Archiven von Dastum fand ich Stücke, die ein bißchen aufgewertet waren, Neuheiten und auch "Fälschungen", die ich ein bißchen überarbeitete, sodaß es dem heutigen Gallo entsprach.

"wir haben keiner endgültige Vorstellung von dem, was wir machen wollen.Von dem Moment an, wo wir ein Lied ausgesucht haben, mit dem wir arbeiten wollen, sobald wir uns auf bestimmte Aspekte festgelegt haben wie zum Beispiel die Art des Tanzes, oder, wenn es sich um ein Lied handelt, auf den Inhalt des Textes, so wie ich ihn sehe, dann läßt jeder erst einmal raus, was ihm in den Sinn kommt."

Als ich feststellte, daß es kein großes traditionelles Repertoire zu geben schien, dachte ich mir, warum nicht Lieder in Gallo komponieren, die vom vorhandenen Repertoire abweichen, mit Ausnahme vielleicht der Weihnachtslieder. Ich fand es ein bißchen befremdlich, daß das Gallo vor allem für den Tanz oder für witzige Lieder reserviert zu sein scheint.

Man kann spüren, daß deine Reflexion dich zu einer Art Synthese geführt hat, was die dürftigen Sammlungen (collectages) angeht. Das hat zu einer sehr persönlichen Ästhetik geführt hat...

Bevor ich das Singen zu meinem Beruf machen wollte, was ja nun einige technologische Aspekte einschließt wie beispielsweise Auftritte, Platten, die im Radio gespielt werden etc., war mir klar, daß das nun einige Anforderungen an mich stellen würde. Da war zum einen die Körperarbeit mit Agnès Brosset, um eine gute Haltung zu finden, damit ich effektiver singen konnte und zum anderen muß ich darauf achten, daß es voller klingt

Die Gruppe scheint sich nun auch an anderen Ideen zu orientieren, die von Jaques Pellen, Paolo Fresu entwickelt wurden...: freier mit den Melodien umzugehen, kleinere Improvisationen zu entwickeln?

Zuerst einmal: wir haben keiner endgültige Vorstellung von dem, was wir machen wollen.Von dem Moment an, wo wir ein Lied ausgesucht haben, mit dem wir arbeiten wollen, sobald wir uns auf bestimmte Aspekte festgelegt haben wie zum Beispiel die Art des Tanzes, oder, wenn es sich um ein Lied handelt, auf den Inhalt des Textes, so wie ich ihn sehe, dann läßt jeder erst einmal raus, was ihm in den Sinn kommt. Wir spielen das Stück dann mehrmals, machen eine Aufnahme, hören es an und analysieren es daraufhin gemeinsam.

"Der interkulturelle Aspekt ist mir auch sehr wichtig. Das wird bei den Gastmusikern deutlich. Auf der CD hat Emmanuel Frin eine Klarinetteneinlage und spielt auch die"gaida". Er hat ein Jahr in Bulgarien verbracht und von dort hat er die Musikkultur mitgebracht."

Bei dieser kritischen Anfangsarbeit mit den Arrangements achten wir immer besonders darauf, nicht in alte Fahrwasser zu kommen. Wi wollen immer wieder überraschen und Erstaunen bewirken. Der traditionelle Aspekt bleibt dabei ein bißchen außen vor. Jeder von uns bewahrt seinen Anspruch, so weit wie möglich zu gehen und dabei die Klarheit der Arrangements beizubehalten, damit nicht zuviele Klanginformationen gleichzeitig entstehen und damit die Fülle der Instrumentalbeiträge den Gesang nicht erschlägt.

Der interkulturelle Aspekt ist mir auch sehr wichtig. Das wird bei den Gastmusikern deutlich. Auf der CD hat Emmanuel Frin eine Klarinetteneinlage und spielt auch die"gaida". Er hat ein Jahr in Bulgarien verbracht und von dort hat er die Musikkultur mitgebracht. Nicolas Giraud, der andere Gastmusiker (er spielt Bügelhorn und Trompete) bringt eine musikalische Offenheit mit, die den Klang sehr bereichert.

Welche Themen sprichst du in den Texten an, die du schreibst?

Einige Kompositionen könnte man als gesammeltes Repertoire in Form einer sehr standardisierten Umsetzung bezeichnen. In einem anderen Fall habe ich für ein Weihnachtslied ein traditionelles Thema wieder aufgenommen. Es war ein Gespräch unter Schafhirten, dem ich das hinzugefügt habe, was in der Bibel zu Weihnachten steht. Auch wenn ich nicht katholisch bin, wollte ich dennoch einen Text schreiben, der im Zusammenhang mit meiner Lebensweise steht, was mit Sicherheit eine andere Darstellung ist, als ein Pfarrer sie zu diesem Thema geschrieben hätte.

Bei anderen Melodien, lasse ich mich von anderen Dingen inspirieren, die erst mal nichts mit der Tradition der Haute-Bretagne zu tun haben. Das war zum Beispiel der Fall bei "Alment d'if", einem Text, der durch eine Passage über die Hochzeit des Dichters KHALIL GIBRAN angeregt wurde. Dem liegt eher die erzählerische und dramatische Seite der "complainte" (bretonisches Klagelied) zugrunde. Ebenso verhält es sich mit dem Text, der ALIETTE BAGORI gewidmet ist. Das ist eine überarbeitete Version eines Textes, den ich als Jugendlicher geschrieben habe: Gedanken über den Tod, die ein bißchen was von der "complainte" haben, die ganz sicher aber auch von der aktuellen französischsprachigen Dichtung beeinflußt werden oder auch von anderssprchigen Texten, die ich gelesen habe.

Du trittst auch bei festoù-noz auf, im Rahmen einer Gruppe, "en couple", etc...

Ich singe in einer fest-noz-Gruppe, die sich "Dame Vat" nennt. Da spielen Pierre-Yves Prothais, Mikaë Coroller, Manu Frin, Vincent Aubin und Yann Kermabon mit. Die Musik dieser Gruppe ist von den Instrumentalarrangements her auf die Basse-Bretagne abgestimmt, ich singe auf französisch und gallo, eher für die Haute-Bretagne. "En couple" singe ich manchmal mit Frédéric Gautier, einem Nachbarn. Unser Repertoire ist vorwiegend französisch. Ich pflege nebenbei auch immer noch meine Aktivitäten als Erzähler, das entwickelt sich ganz behutsam.

(Übersetzung: Petra Rodrian, 2001)

Kontakt:
Bertran Ôbrée
Pluerian F-35560 BÂZOUGE LA PEROUZE
Tel./Fax: 0033-2-99 97 45 52