klicken Sie auf die Bilder, um das Photo in voller Größe zu sehen oder die CD-Besprechung zu lesen
Skolvan
Discografie SKOLVAN
Les temps changent
Skolvan, April 2000
Skolvan en concert
Skolvan in der alten Besetzung
Skolvan: Kerzh Ba'n Dañs/Entrez dans la danse, 1991
Skolvan: Swing and Tears, 1994
Yann-Fañch Perroches: An Droug Hirnez

Skolvan

von Dominique Le Guichaoua
(in: Trad Magazine N° 73:4-6)

 


Wenn es eine Gruppe gibt, die nicht viele Jahre brauchte, um sich an die Spitze der bretonischen Musik zu spielen, dann ist das SKOLVAN. Im Wechselspiel zwischen musikalischen Einflüssen und dem Respekt vor den Wurzeln gelang es ihnen als einer von wenigen Gruppen, ihr harmonisches Zusammenspiel zu nutzen. Vor kurzem hat nun ein Wechsel in der Besetzung die Gewohnheiten durcheinandergerüttelt. Der Einsatz von Saxophon und Schlagzeug, ein neuer Sound und die Umbesetzung machen auf einer neuen CD all den Trennungsgerüchten ein Ende.

Der Titel eures neuen Albums ist mit Sicherheit nicht zufällig gewählt. Inwiefern ändern sich die Zeiten für SKOLVAN?

Youenn Le Bihan Mit dem Weggang von Fanch Landreau und Yann Fanch Perroches wurde das Gerücht laut, daß Skolvan aufhören würde. Vielleicht ist dies aufgrund einer Verwechslung mit der Gruppe STORVAN passiert, die sich tatsächlich getrennt haben. Sie sind zur selben Zeit entstanden wie wir, beinah am gleichen Ort und, ohne Absprache, mit beinah dem selben Namen.
Das beste Mittel um diese Gerüchte zu dementieren war, eine neue Platte zu machen. "Les temps changent" ist zuerst einmal der Titel eines traditionellen Stückes aus Vannes auf der Platte, das üblicherweise von den Kanerion Pleuigner gesungen wurde. Von der Ursprungsformation bleiben nur Gilles und ich...

"Das beste Mittel um diese Trennungsgerüchte zu dementieren war, eine neue Platte zu machen."

Gilles Le Bigot Youenn und Bernard le Dreau bilden eine Art von "couple de sonneurs" nach dem Vorbild des "Kan ha diskan" (Gesangs und Antwort) . Sie haben einen Sound, Sopran-Saxophon - "piston", der noch weitgehend neu ist.
Die ausdrucksvolle Spielart und die melodische Seite sind verstärkt. Das Akkordeon hat seine seinen sensiblen Part beibehalten. Der Rhythmus hat sich wieder um das Duo Gitarre-Percussion herum organisiert. Was die Gitarre betrifft, so findet man die selbe Klangfülle mit den Standardakkorden, aber ich habe beschlossen, das DADGAD (open tuning) beizubehalten und dies aus Gewohnheit und Freude daran, und zwar sowohl als Begleitung, wie auch für Solos.
Percussion gibt es ausschließlich bei den Bagadou, aber eigentlich nicht bei den Gruppen. Wir waren in der Tat aufsässig am Schlagzeug, da wir es von Anfang an mit Dominique Molard ausprobiert haben, was eine gewisse Tendenz zur Schwere und zur Strenge hatte. Mit seinen Tablas aber haben wir sehr schnell eine große Geschmeidigkeit erreicht.

Gilles Le Bigot Trotz vieler Diskussionen setzte das Percussionsset Maßstäbe: Tablas, Zimbeln, Cajon, Caisse Claire, Charley, Derbouka, Bodran. Dominique wurde von den Bagadou geprägt und hat folglich alle Rhythmen der bretonischen Musik sehr gut verinnerlicht. Seine Geschmeidigkeit kommt daher, daß er nahe an der Melodie ist, er ist unaufdringlich. Dadurch konnte ich mich, aus rhythmischer Sicht gesehen, befreien.
Ich erinnere mich, als wir 1989 mit Barzaz begannen (mit Yann-Fanch Kemener, Jean-Michel Veillon…) war ich einer derjenigen, die die Notwendigkeit fühlten, das Schlagzeug in der bretonischen Musik mehr zu entwickeln. Wenn man sich die Gruppen anhört, stellt man letztendlich fest, daß die Percussionsinstrumente der ganzen Welt sich der bretonischen Musik sehr gut anpassen.

Youenn Le Bihan Gleichzeitig finde ich, daß das Schlagzeug schwierig in die bretonische Musik zu integrieren ist, die ja bereits einen eigenen Rhythmus besitzt. Man muß ein "Schlagzeugsystem" zu entwickeln, das diesem Umstand gerecht wird.

Zu welchem Zeitpunkt tauchte das Bedürfnis auf, das "piston" zu entwickeln?

Youenn Le Bihan Zu Beginn der 80-er Jahre, als die akustischen Gruppen hochkamen, war das hohen "Re" die gängige Tonart der Bombarde geworden. Was für einige sicherlich praktisch war, wurde gleichzeitig eine Zumutung für die Ohren. Also hab ich mir gesagt, daß es interessant wäre, sich tieferen und folglich weniger aggressiven Tönen zuzuwenden.
Ich hatte einen Freund, der eine Barock-Oboe besaß, deren Klangfülle mir gefiel. Aber im Gegensatz zur Bombarde fehlt der Oboe die Vehemenz beim Anblasen. Ich versuchte also einen Kompromiß aus beidem zu finden. Das neue Instrument funktionierte erst 1983 richtig. Zuerst habe ich es bei Gwerz eingesetzt, später dann am Konservatorium, wo man fand, daß es sehr gut mit Akkordeon und Violine zusammenklingt.

 


Sonntag, der 30.April 2000. Le Pavillon in Quimper. Was am Anfang nur ein einfaches Fest-Noz zum 15 Jährigen Bestehen der Gruppe sein sollte und anläßlich des neuen Albums, nahm im Laufe der Monate den Rahmen eines gigantischen Festes an, wo sich um die 5000 Besucher und auf der Bühne gut 100 Musiker versammelten.
Kommt mit Bernard Le Dreau jetzt eine neue Phase der Improvisation?

Gilles Le Bigot Bernard le Dreau, der aus der klassischen Klarinettistenschule kommt, ist Anhänger des Blues, des Variétés und des "baluche", der problemlos von einem Stil zum anderen wechseln kann und der die Fähigkeit zur Improvisation mitbringt.
Das war es vor allem, warum ich an ihn gedacht habe. Wir spielten gemeinsam in "An Tour Tan", der Gruppe von Didier Squiban, und ich bemerkte auf Anhieb, daß sein seine Klangfarbe an Jan Garbarek oder Brandford Marsalis erinnert.
An dem Tag an dem wir uns bemühten Fanch Landreau zu ersetzen, wußten wir, daß wir nicht notwendigerweise einen anderen Violonisten suchten. Warum sollten wir die Gelegenheit nicht nutzen, um den Sound zu verändern?
Nach und nach kamen wir auf das Saxophon, weil die Idee, Blechinstrumente einzusetzen bereits bei "Swing and Tears", auf unserem vorhergehenden Album, präsent war und weil wir nun schon einige Zeit die Absicht hatten, in dieser Richtung weiterzumachen. Mit Bernard wurde ein neuer Sound geboren. Er wußte weder was von traditioneller bretonischer Musik noch von der Atmosphäre eines Fest-Noz.

Ist da nicht auch ein bißchen sowas wie Überdruß, wenn man seit 15 Jahren immer dasselbe Repertoire spielt?

Kein Überdruß. Andererseits haben wir eine weniger kreative Periode durchgemacht.

Youenn Le Bihan Das passiert vielen Gruppen. Wir sind uns in dieser Hinsicht weitgehend einig, sowohl Gilles was Barzaz angeht, als auch ich in Beziehung auf Gwerz damals 1989. Es ist nicht wirklich das Repertoire, das fehlt, aber in dem Moment wo wir anfangen es umzusetzen wiederholen wir uns.

Gilles Le Bigot Zu Beginn funktionierte die Gruppe dank Youenn, der das gesamte Repertoire lieferte. Im Laufe einiger Jahre begann ich Themen beizutragen, eigene Melodien zu komponieren, die sich an Archiv-aufzeichnungen alter bretonischer Musik orientierten, weil es mir einfacher schien, als mich wie so viele andere selber auf die Suche zu machen. Wir begannen, Stücke nach Maß zu komponieren.
Zudem haben wir, wie andere auch, kapiert, daß es traditionelle Melodien gibt, die wir niemals spielen können, weil sie einfach nicht zur Gruppe paßten aufgrund ihrer Instrumentierung und wegen unserer Art zu spielen.

Ist denn eine wie auch immer geartete Entwicklung der Fest-Noz überhaupt noch möglich?

Youenn Le Bihan Das wird die Zukunft zeigen. Ich wette, daß die Musik riskiert sich zu bewegen. Ich habe den Eindruck, daß die Jungen den Wurzeln gegenüber weniger aufmerksam sind als wir. Wir hatten die Chance "Alte" zu hören, die heute fast alle tot sind und die uns ein Kulturerbe tradiert haben, das rau und wenig beeinflußt war, es sei den wieder durch ihre Vorfahren.
Wir wurden selber wieder Glieder in der Kette, eine Art Referenz für die Jungen. Es gibt in der Bretagne kaum mehr Schulen, die keine traditionelle Musik unterrichten. Als Mitglied von Jurys auf den Musikwettbewerben erkenne ich leicht ihre Schulen wieder. Es ist wahr, daß sie richtig spielen, technisch relativ sauber, aber die Musik bleibt ein wenig stereotyp.

Gilles Le Bigot Bestimmt wird es auch Neugierigere geben, die sich in den Archiven Stücke anhören, um ihren eigenen Stil zu entwickeln. Einige werden, ein wenig zögerlich anfangs, eine ungeheure musikalische Persönlichkeit entwickelt haben, wenn sie in ihre "vierziger" kommen.

 

"Ich habe den Eindruck, daß die Jungen den Wurzeln gegenüber weniger aufmerksam sind als wir. (...) Es ist wahr, daß sie richtig spielen, technisch relativ sauber, aber die Musik bleibt ein wenig stereotyp."

Es gibt in der Bretagne Schulen, lebende und niedergeschriebene Modelle, die man sich anhören kann. Man hat alles an der Hand, was man braucht, um seine musikalische Persönlichkeit zu entfalten.

Youenn Le Bihan Gleichzeitig gibt es andere Formen, die sich entwickeln, indem sie sich an der Substanz bretonischer Musik reiben: Techno, Rap... Die Globalisierung der Kulturen hat bestimmt einen Sinn. Eine Sache ist sicher: Um seine Musik mit anderen zu mischen oder zu konfrontieren muß man sie bereits von von der Pique auf beherrschen. Das ist kein Geheimnis.

Youenn Le Bihan Ich mag nicht alles, aber ich finde den Umstand, daß andere Musikgenres integriert werden, beweist, daß eine Kultur Kraft gewonnen und Lebendigkeit hat! Ich finde, in der bretonischen Musik findet diese Entwicklung statt. Dies wird zweifellos nie die gleiche Bedeutung erlangen wie die eigentliche traditionelle Musik, aber ich bin mittlerweile optimistisch, daß man nicht mehr von einer einfachen "Welle" sprechen kann. All das hätte man sich vor dreißig Jahren niemals vorstellen können.

Was muß, eurer Meinung nach, außerhalb der bretonischen "Grenzen" geschehen?

Gilles Le Bigot Es war sehr wichtig, die Platte und die Auftritteklarzumachen. Mittlerweile hatten wir bereits die Möglichkeit, einige Konzerte außerhalb der Bretagne zu spielen. Das war dann ein anderes Repertoire, andere Melodien, Märsche, Kompositionen, Solos, Duos - ein Potential, das wir im Ausland gerne weiterentwickeln würden. Das soll nicht heißen, daß wir uns in der Bretagne langweilen.

"Der Bezug zum Tanz ist sehr wichtig. Wenn wir uns zu weit davon entfernen, riskieren wir, ein bißchen die Seele der Musik zu verlieren.. -Ein Konzert mit bretonischer Musik ist ein völlig neues Konzept. Ein Fest-Noz kann aber musikalisch genauso gut sein wie ein Konzert."

Im Gegenteil, wir wollen weiterhin bei den Fest-Noz mitmischen. Der Bezug zum Tanz ist sehr wichtig. Wenn wir uns zu weit davon entfernen, riskieren wir, ein bißchen die Seele der Musik zu verlieren.. -Ein Konzert mit bretonischer Musik ist ein völlig neues Konzept. Ein Fest-Noz kann aber musikalisch genauso gut sein wie ein Konzert.

Bleibt ihr Keltia treu, der Plattenfirma aus Quimper?

Unsere Treue Keltia gegenüber ist praktisch politischer Natur, auf jeden Fall von einem gewissen Widerstandsgeist erfüllt. So haben wir das Gefühl die Möglichkeit zu haben, die Idee vom "Leben und Arbeiten im Land" zu verwirklichen. Wir haben relativ viel Vertrauen in einen Plattenproduzenten, der in der Nähe ist und zu dem wir auch noch ein freundschaftliches Verhältnis haben.
Das finden wir auf jeden Fall besser, als mit Leuten zu arbeiten, die weit weg sind und die wir gar nicht kennen. Anläßlich der Produktion von "L´Héritage des Celtes" hatte ich Gelegenheit die großen Plattenfirmen, die sogenannten "majors" kennenzulernen: das ist eine andere Welt, in der man seine Zeit nicht damit verbringt, dem Direktor ständig die Hand zu schütteln.

Was wolltet ihr eurer letzten Platte gerne mit auf den Weg geben?

Gilles Le Bigot Vor allem soll es ein Album sein, das gerne gehört wird; auf unsere Musik tanzen kann man in der Bretagne bei vielen Gelegenheiten. Die Platte hat Leben, sie schweift manchmal ab und dann fügt sich alles wieder zusammen. Das ist ein bißchen so wie ein Buch, in dem man blättert. Es steckt die Idee dahinter, Elemente wieder aufzunehmen, sie woanders zu ersetzen, den Eindruck von Schleifen zu schaffen.
Unter den Gästen findet man Yann-Fanch Kemener. Gesang und Sprache sind sehr wichtige Elemente. So wie wir Musik komponieren, "komponiert" Yann-Fanch mit der Sprache. Das geht so in Richtung Erneuerung. Seine Mitwirkung, gemeinsam mit Didier Squiban und Gildas Boclé hängt mit mit der Entstehung von "Gouel ha daerou" zusammen, das wir 1996 produziert haben.

Wie steht ihr dazu, daß sich Musiker oder Gruppen von euch inspirieren lassen?

Youenn Le Bihan Man kann nicht gerade sagen, daß es unangenehm ist Schule zu machen. Wir selbst hatten ja auch unsere Vorbilder. Die Vermittlung der traditionellen Musik geschieht am Anfang vor allem durch die Nachahmung.


(Übersetzung: Petra Rodrian)


DISCOGRAPHIE:

1987: Dañs (Adipho)
1989: Musique à danser (Adipho)
1991: Kerzh Ba'n dañs (Keltia Musique)
1994: Swing and Tears (Keltia Musique)
1996: Fest noz live (Keltia Musique)
2000: Les temps changent (Keltia Musique)


Kontakt Skolvan:
Gilles Le Bigot
7, place des pêcheurs
F29100 DOUARNENEZ
Tel/Fax: 0033-2-98 92 37 93
e-mail:

Youenn Le Bihan
10,avenue de Coray
F-29500 ERGUÉ GABÉRIC
Tel/Fax: 0033-2-98 90 56 90