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Interview mit Didier Squiban in der Muffathalle, München 29.März 2000
Interview mit Didier Squiban in der Muffathalle, München 29.März 2000
Interview mit Didier Squiban in der Muffathalle, München 29.März 2000
Didier Squiban: Rozbras
Didier Squiban en concert, Lorient
Didier Squiban: Symphonie Bretagne
Didier Squiban: Molène
Didier Squiban: Porz Gwenn
An Tour Tan live

DIDIER SQUIBAN: Interview
(von Wolfgang Aschenbrenner und Wilhelm Rodrian, Muffathalle - München, 29.März 2000)

Zur Tournée?

Es ist eine Tournée der Wunder - eine magische Tournée. Was ich damit sagen will, alles klappt sehr gut. Es ist jetzt das 4. Konzert und das Publikum, die Räumlichkeiten und auch die gesamten Umstände, alles, was so bei einer Tournée ansteht - alles klappt sehr, sehr gut!

Und die deutsche Kritik, wie kommen die Konzerte an?

Im Moment ausgezeichnet, meine CD (Porz Gwenn) erscheint diese Tage hier in Deutschland und die Säle sind entsprechend voll - auch heute beim 4.Konzert, die Werbung ist zum Teil sehr gut - voilà!

Wo hast du bisher in Deutschland gespielt?

Ich habe in Hamburg gespielt, in Köln, in Mainz - und heute hier in München.

In Hamburg? Hast du da im TI BREIZH gespielt?

Nein, das war nicht dort - irgendein anderer Veranstaltungssaal. Das Konzert war sehr gut besucht und es war ein sehr herzliches Publikum - ich hatte den Eindruck, in der Bretagne zu sein, es fehlte nur das Meer.

Hier im deutschen Süden, in Bayern, gibt es nur eine kleine Szene für die Folkmusik, für die bretonische Musik...?

Die Leute kommen sicher nicht nur wegen der bretonischen Musik, sie kommen auch wegen dem Piano. Das ist improvisierte Musik - Musik, die Bilder hervorruft. Ich weiß nicht, ob es hier die bretonische Musik ist, die die Leute anzieht? Darüber hinaus ist es eine Musik ohne Texte, jeder kann sich seine eigenen Bilder dazu machen: das Meer, die Landschaft, die Musik...
Seit 10 Jahren mache ich mit Yann-Fañch Kemener in der Bretagne eine ähnliche Erfahrung.

Ich bin Bretone und ich verehre die Bretagne, aber ich bin eine Bretone, der die Bretagne auch mal verläßt. Es gibt auch eine Musik jenseits der bretonischen Musik.

Denn ich mache keine traditionelle Musik, ich spiele traditionelle Motive und ich entwickle sie weiter, ich präsentiere sie auf andere Weise.
Aber selbst wenn ich (bei Solo-Konzerten) immer dasselbe Repertoire als Grundlage nehme, werde ich solo doch mehr auf den Jazz und die Improvisation abheben - auf die Farben. Das Solo-Piano als musikalische Form ist viel freier als das Duo Piano-Gesang.


Ein Konzert muß doch auch verkauft werden, man braucht einen guten Titel: "bretonische Musik" oder "Jazz" oder "klassische Musik". Wie verkaufst du dich?

Es geht da nicht nur um die Bretagne. Ich bin Bretone und ich verehre die Bretagne, aber ich bin eine Bretone, der die Bretagne auch mal verläßt. Es gibt auch eine Musik jenseits der bretonischen Musik.
Denn ich mache keine traditionelle Musik, ich spiele traditionelle Motive und ich entwickle sie weiter, ich präsentiere sie auf andere Weise. Das ist zur Zeit in der Bretagne ein wenig der Trend. Yann-Fañch Kemener, Denez Prigent, Eric Marchand, Jacques Pellen - wir haben zur Zeit ein bißchen diesen Trend in der Bretagne.

Gibt es aktuelle Projekte?

In nächster Zeit - ich arbeite schon lange an diesem Projekt - im kommenden Monat nehme ich ein symphonisches Werk auf für das "Orchestre de Bretagne", mit einem Chor und traditionellen und nicht-traditionellen Instrumenten: entsprechend wird es die "Symphonie de Bretagne" heißen.
Es beinhaltet mein Repertoire, das von Yann-Fañch, traditionelle Motive - überarbeitet aber nicht improvisiert. Alles ist für ein großes Orchester komponiert.

Hast du das alles komponiert?

Ja, alles ist meine Komposition. Ich habe drei Bleistifte gekauft, das war's. Alles stammt von mir, ich habe allerdings mit einem Orchesterkomponisten zusammengearbeitet, mit Pierre Yves Moigne. er war mein erster Musiklehrer. Die Rückkehr zu den Wurzeln quasi... (er lacht)

War er dein Lehrer am Konservatorium?

Nein, nein - auf dem Land. Er hat mir das Flötenspiel beigebracht, nicht das Piano - die Blockflöte.

Wird es noch weitere Konzerte in Deutschland geben?

Das war jetzt die erste Tournée, vor einem Monat war ich auch in Berlin und dann gibt es Pläne für das Ende des Jahres, für eine weitere Tournée (im November voraussichtlich).

Auch in Bayern?

Das ist noch nicht entschieden, ....

Auf RADIO LORA können wir vielleicht ein kleines Portrait bringen. Erzähl doch mal eine bißchen was von deinen Anfängen - deine Eltern und so...

Hör zu, du willst, daß ich meine Leben erzähle, na gut, aber nur die kurze Version (er lacht)

Dann traf ich Yann-Fañch Kemener, der für mich sehr wichtig war, weil ich durch ihn das Repertoire der Bretagne wiederentdeckte.

... in Brest war da mal ein Journalist, der sagte zu mir, Didier, ich habe nur eine Frage, das dauert nicht lange. Und ich sagte: wie lautet deine Frage? Und er sagte: Könntest du mir dein Leben erzählen? O.K. - sagte ich, so etwa eineinhalb Stunden?! - Das war die Antwort.
Aber gut - also die kurze Version:
Ich begann mit Pierre Yves Moigne, ich habe bei ihm die Flöte mit dem traditionellen Repertoire erlernt. Da war ich 7 Jahre alt. Danach hatte ich Glück, mein Onkel Claude-Fançois bot mir einen Flügel an. Ich nahm ihn und habe mich dem Piano seit meinem siebten Labensjahr verschrieben. Das Konservatorium kam erst viel später, mit 17 Jahren. Ich war 2 Jahre am Konservatorium, in der Klasse für das "diplôme superieure", das war alles.
Danach entdeckte ich Bill Evans, den Jazz-Pianisten Bill Evans, meinen geistigen Meister. Ich habe seine Musik verarbeitet, als Autodidakt und danach habe ich einige Zeit als Jazz-Pianist gearbeitet.
Dann traf ich Yann-Fañch Kemener, der für mich sehr wichtig war, weil ich durch ihn das Repertoire der Bretagne wiederentdeckte.
Gut - und heute bewege ich mich zwischen dem Jazz und der traditionellen Musik, aber auch der klassischen Musik - insbesondere der deutschen Klassik.

Gibt es auch in der Zusammenarbeit mit Yann-Fañch Kemener neue Projekte?

Aber sicher - wir arbeiten ständig zusammen, wir entwickeln unser Repertoire auf der Grundlage der traditionellen Musik ständig weiter, wir erforschen neue Klangfarben und seit 6 Jahren spielen wir regelmäßig zusammen.
Zur Zeit allerdings spiele ich häufiger Solo, und auch er hat noch andere Projekte mit anderen Musikern. Aber wir treffen und regelmäßig...
Unser aktuelles Projekt - das sind vor allem unsere gemeinsamen Auftritte.

"Kimiad" war das letzte gemeinsame Album mit Yann-Fañch Kemener.

Richtig, "Kimiad". Und momentan gibt es keine aktuellen Pläne für Aufnahmen, wir machen erst mal so weiter.

Mir scheint es manchmal, als gäbe es so etwas wie einen Club von Musikern in der Bretagne, die in den verschiedensten Kombinationen miteinander spielen und auftreten - aber es ist meistens ein bestimmter Personenkreis?

Ich war nie bei diesem Kreis dabei, weil ich seit 5 Jahren meistens Solo auftrete, ich war nie Teil dieser Gruppen. Es gab nur eine "orchestrale" Erfahren als ich viele der bretonischen Musiker zusammenbrachte, das war AN TOUR TAN.
Für dieses Orchester habe ich "BREST 96" komponiert und wir haben 2, 3 Jahre weitergemacht.
Das war mit Yann-Fañch Kemener, Jean-Michel Veillon - es war eine Mischung von Gruppen wie BARZAZ, GWERZ plus Jazz- und Rock-Musikern.

Diese Projekte mit Orchester, die sind momentan doch auch in Mode? Da gab es die letzte CD von TRI YANN gemeinsam mit dem L'Orchestre De Bretagne...

Ah ja ... genau, aber das ist etwas ganz anderes. TRI YANN bleiben immer TRI YANN - mit Orchesterbegleitung halt. Das ist oft so.
Mein Werk ist eine bestellte Komposition für das ORCHESTRE DE BRETAGNE, für ein symphonisches Orchester, das die Komposition dann auch präsentieren wird. Da gibt es keine Sänger im Vordergrund, es wird eine konzertante Symphonie - etwas zwischen Konzert und Symphonie mit Elementen aus dem traditionellen Breich und (klassischen) Elementen. Da gibt es zwar einen Chor, aber es ist ein instrumentales Werk, ein bißchen wie... - es gibt kaum vergleichbare Kompositionen, vielleicht so ein bißchen wie die osteuropäischen Komponisten: Smetana, Dvorák - die haben auch so was ähnliches gemacht - die Musik ihres Landes, eben mit traditionellen Themen.
Ich verbinde traditionelle Motive mit einem symphonischen Orchester. Es gibt bretonische Komponisten: Jeff Le Penven zum Beispiel, die Musik komponiert haben, die von bretonischer Musik inspiriert wurde.

Wird es dazu auch eine CD geben?

Aber sicher. Die nehmen wir im April auf und die Premiere wird am 21.Juni stattfinden, das ist der "Tag der Musik" (in Lorient).

Gut, ein Orchester spielt traditionelle Musik - du hast mit Yann-Fañch Kemener auch traditionelle Stücke gespielt, und mir erscheint das viel moderner, diese Kombination Gesang und Piano, viel moderner und experimenteller als das Orchester.

Ja gut, man muß sehen, das Duo ist improvisiert, in jeder Hinsicht, ich improvisiere - das Orchester dagegen, das ist eine Sache der Komposition und auch eine Sache der Farben.
Das Timbre ist sehr wichtig, die Oboen, die Flöten, die Geigen - die Geiger werden Gavotten spielen, entsprechend ist es eine Frage der Interpretation, der Stile - eine Menge Arbeit. Wir haben viel Zeit auf die Betonungen, auf die Akzente verwendet, auf die Details. Damit ein klassischer Musiker die bretonische Musik spielen kann.

Es ist ja auch ein Problem der traditionellen Musik hier in Deutschland oder auch in Europa, neue Wege in die Zukunft zu finden, Experimente zu wagen.
In Irland beispielsweise, da stagniert es zur Zeit, es fehlt an Ideen.
Ich habe den Eindruck, in der Bretagne, da bewegt es sich. Es gibt Musiker, die Experimente wagen.

Ja, bereits vor 10 Jahren gab es da BARZAZ, das war Kammermusik, bretonische Kammermusik. Von der Klangfarbe her war das Kammermusik. GWERZ ist da viel näher an der traditionellen Musik, viel näher. Aber es geht weiter. STIVELL, auch er experimentiert weiterhin musikalisch...

Ja, die Kombination mit Rockmusik, bei BARZAZ ist es der Baß von Alain Genty, der jazzige Baß... Funk.

Hier mischt sich alles, die Tradition, die Erfahrung - ich glaube, das alles ist Teil des musikalischen Reichtums der Bretagne. Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen traditioneller Musik und Folklore. Die traditionelle Musik ist keine museale Musik, es ist nicht ihr Sinn aufgenommen zu werden - sie soll sich weiterentwickeln, sie soll etwas vermitteln, voilà.

 

Ich persönlich bin für alle Experimente: Denez PRIGENT, der traditionelle Gesang mit Techno-Musik, das ist super, es ist eine Erfahrung, es wird sich weiterentwickeln. Alan STIVELL arbeitet so ein bißchen mit allem, mit Musikern aus anderen Länder, er macht eine Menge Erfahrungen, ...

Die Folklore dagegen soll immer gleich bleiben und sie ist ein Spektakel für die Touristen, auch das gibt es in der Bretagne. Die Touristen wollen die Folklore, aber wir Künstler wollen lieber mit der Überlieferung (tradition) arbeiten.
Ich persönlich bin für alle Experimente: Denez PRIGENT, der traditionelle Gesang mit Techno-Musik, das ist super, es ist eine Erfahrung, es wird sich weiterentwickeln. Alan STIVELL arbeitet so ein bißchen mit allem, mit Musikern aus anderen Länder, er macht eine Menge Erfahrungen, Yann-Fañch mit Piano-Begleitung oder mit Orchester-Begleitung.... es gibt da wirklich eine Menge interessante Dinge.
Zur Zeit gibt es bretonische Gruppen, die viel Erfolg haben, Rockgruppen - aber immer mit einer keltisch-bretonischen Klangfarbe: MATMATAH, ARMENS - und das ist auch gut. Es ist ein anderes Publikum und das geht verdammt gut ab. Es ist nicht unbedingt mein Geschmack, aber ich respektiere es - es kommt gut an.


Es gibt zur Zeit ja auch viele junge Gruppen, die traditionelle Musik machen. Hast du zu ihnen Kontakt(e)?

Nicht viel, nein. Ich habe momentan nicht viel Zeit mir das alles anzuhören. Und dann sind das alles ganz neue Gruppen. Das ist ein Ergebnis des Erfolges der bretonischen Musik.
Es gibt viele junge Musiker, die diese Musik erlernen, aber es bleibt bei dem, was man schon kennt. Da sind gute Gruppen dabei: DIWALL, SKEDUZ, aber es ist alles stark in den alten Mustern verhaftet.
Ich habe noch keine Gruppe kennengelernt, die besser spielt als SKOLVAN. Noch nicht - vielleicht SKEDUZ. Aber das ist alles das Gleiche, die gleiche Form, ich habe auch noch nichts besseres gehört als Erik MARCHAND, oder zum Beispiel TRIPTYQUE und ihre Instrumentalmusik, mit Jacques PELLEN und den Brüdern MOLARD. Oder auch Kristen NOGUÈS an der Harfe, das ist eine Generation - in 4, 5 Jahren wird sich das ändern, ganz bestimmt.


Letzte Frage: die Medien? Wie ist das in Frankreich mit den Medien? Bei uns in Deutschland wird die moderne Musik im Radio gesendet, die traditionelle Musik kaum. Wie ist die Situation in der Bretagne?

Oh nein. In der Bretagne ist es eine Mischung von beidem, es gibt keine Unterscheidung. Man sendet die Soeurs GOADEG, die FRÈRES MORVAN - die traditionelle Fest-Noz-Musik und Jacques PELLEN, meine Musik, ARMENS, alles wird gesendet, ganz abgesehen von Sängern wie Manu Lann-Huel oder Gilles SERVAT, etc.
Man präsentiert alles, was im Land so passiert und da passiert viel!


Didier, vielen Dank für das Gespräch und ein schönes Konzert!


Didier Squiban 2000 live in München: Interview