ALAN STIVELL

Un taol lagad / Rückblicke




















von: Dominique Le Guichaoua
(in: Trad Magazine N° 100, März/April 2005)
Alan Stivell (Photo: J.B.Milliot)

November 1988 - Stivell auf dem Titelbild der ersten Ausgabe des Trad-Magazine. Während die Zeitschrift damit gerade mal ihre ersten Schritte unternimmt haben die bekannteren der bretonischen Künstler bereits etliche Türen zur großen weiten Welt erschlossen und präsentieren einen feinen Blick auf die Bretagne und ihre Vitalität wird die nachfolgenden Generationen bis in die Gegenwart beeinflussen. Mit der vorliegenden 100. Ausgabe des Trad-Magazine deutet sich eine Kurswende an. Grund genug, um Alan Stivell zu seiner Meinung über die vergangenen 20 Jahre zu befragen. Und eine gute Gelegenheit am Ende einer langen Tournee zur Feier des 50-jährigen Jubiläums einer mittlerweile legendären Harfe, um seine persönlichen Weg noch einmal Revue passieren zu lassen.

Tradition und darüber hinaus

"Die traditionelle Musik ist eine schöne Schule für mich gewesen. Bretonisch zu lernen war ebenfalls unerlässlich. Aber auch die Moderne hat mich wirklich fasziniert. Von da an stand mir alles offen. Es schien mir immer ganz offensichtlich, dass man, um die bretonische Musik in die Gegenwart zu integrieren, genau über das bescheid wissen muss, was man gerade modernisiert. Man muss also erst einmal eine gute praktische und theoretische Kenntnis der traditionellen Musik erwerben: das beginnt damit, bei einem Fest-Noz zu singen oder ein Instrument zu spielen und zu prüfen, ob die Einheimischen gerne dazu tanzen, einen guten Stil und den richtigen Rhythmus zu entwickeln."

Die Geburt neuer Ausdrucksformen

"In den 80er Jahren bin ich viel im Ausland aufgetreten. Zu Beginn der 90er Jahre kamen die Jugendlichen wieder in die Konzerte. Damals entwickelte sich sicherlich eine neue Sensibilität. Diese neue Begeisterung fand ihren Ausdruck auch im großen Erfolg der Gruppe "Ar Re Yaouank". Was mich betrifft, so gelang es mir mit meinem Album "Again", mit Hilfe der Werbung auf TF1, den Kontakt mit dem breiten Publikum wieder aufzunehmen. Der Gedanke, dass die Bretonen auf die Lebendigkeit ihrer Musik stolz sein können, ist einfach wunderbar. Überall erstaunt das viele Menschen. Es gibt nur wenige Beispiele für ein ähnliches Phänomen in der Welt.

Hinsichtlich der Musik selber, glaube ich, dass sich die Instrumentierungen nicht mehr groß unterscheiden. Es ist so, als ob es einen neuen "Klassizismus" gibt, eine neue Tradition, die zwangsläufig Bombarde, Violine, Klarinette, Flöte, akustische Gitarre und Akkordeon verwendet... Ich finde es eigenartig, dass sich diese Form genau zu in diesem Moment ausgebildet hat. Es scheint, als ob genau das ganz einfach gefällt. Ich persönlich fühle mich eher zur großen Vielfalt unterschiedlichster Erfahrungen hingezogen.

Ich vermisse keltischen Post-Punk, elektronische keltische Musik, keltischen Rap oder keltischen Hardrock. In dieser Hinsicht neigt mein persönlicher Geschmack tatsächlich einerseits zur extrem "ethnischen" und "archaischen" Musik, andererseits aber auch zur möglichst modernen Musik oder eben zu einer Kombination von beidem.
Ich schätze also ganz besonders die Musiker, die elektronische Musik mit den nicht-temperierten Tonleitern und mit anderen traditionellen Stilelementen der bretonischen Musik verbinden, wie zum Beispiel Pascal Lamour. Manchmal finde ich, dass diese Charakteristika nicht deutlich genug abgegrenzt werden. Wenn man diese Musik studiert, muss man die technischen Grundlagen sorgfältig erlernen…
Aber es ist auf jeden Fall genau so wichtig, zu verstehen, wie die Elemente, die später hinzu kamen eingeführten Sachen, integriert und umgewandelt wurden.
Dieses Thema interessiert mich ganz besonders. Man vergisst oft, dass es eine Bretagne vor der Gavotte gab und dass es auch eine Bretagne nach der Gavotte geben könnte. Gibt es eine Zukunft für die bretonische Identität ? Wenn die Bretonen ihre kulturelle Vielfalt auf ewig bewahren wollen, dann wäre es notwendig, dass man untersucht und versteht, was eigentlich das typisch bretonische ist."

Komplexe ?

"Zu meiner Zeit als Heranwachsender war es abwertend, sich zum bretonischen zu bekennen. Der Minderwertigkeitskomplex bestand damals noch. Wie auch heute noch, wurde man sich der eigenen bretonischen Wurzeln um so bewusster, je weiter man sich von der Bretagne entfernte. Seit den 70er Jahren haben sich die Verhältnisse im wahrsten Sinne des Wortes umgekehrt."

Weltmusik

"Im 20.Quartier in Paris, wo ich aufgewachsen bin, hörte man oft die Musik aus den maghrebinischen Schenken. Davon bin ich vielleicht ein wenig beeinflusst worden. Diese Prägung hat meine Ohren für die nicht-temperierten Tonleitern, für die sehr feinen Unterteilungen, die Verzierungen und die Rhythmik sensibilisiert… Aber man darf nicht vergessen, dass der Weg zur Weltmusik für uns auch über die sogenannte klassische Musik führt, die für jemanden, dessen Ohren an nichts anderes als bretonische Musik gewöhnt sind, mindesten ebenso exotisch klingt.

Als Kind habe ich gleichzeitig bretonische, walisische, irische und schottische Lieder gelernt. Dabei habe ich wurden mir die Gemeinsamkeiten bewusst. Ich habe auch die offensichtlichen Verbindungen mit der Musik des Orients entdeckt. Es ist nicht ganz so offensichtlich, die Gemeinsamkeiten der keltischen Musik mit chinesischen oder peruanischen Melodien zu erklären. Mir erschien es, als wäre diese Musik näher verwandt miteinander als mit der westliche Musik, die Musik die ich selber als Jugendlicher gehört habe: Klassik, Jazz und Pop. Angesichts unserer westeuropäischen Herkunft, ist das doch auffällig und bemerkenswert.

Meine Karriere war nicht sehr typisch, da ich mit der klassischen Musik anfing. Dann kam die Musik, die man celto-klassisch nennen kann auf der Harfe. Gleichzeitig entdeckte die sogenannte Weltmusik und die traditionelle Musik, noch bevor ich auf den Rock 'n roll und die amerikanische Folkmusik kam. Auf meinem Weg erfolgten immer wieder ungewöhnliche Wendungen."

Jazz, Akkordeon, etc. ?

"Mit Ausnahme des Blues, mit dem es durchaus Gemeinsamkeiten gibt, erschien mir immer der Jazz, den man so üblicherweise hört, mit seinen Modulationen, als ein Musikstil, der nur sehr schwer mit unserer Musik zu kombinieren ist.
Das Akkordeon (diatonisch) ist ein Instrument, mit dem ich aufgrund seiner nicht temperierten Stimmung nie besonders viel anfangen konnte, aber prinzipiell habe ich es trotzdem verwendet, weil ich nicht gerne irgend etwas ausschließe (er lacht !!!).
Ich habe es nur ein einziges Mal eingesetzt, ich glaube, das war im Duett mit einem Violoncello, auf dem Album "Un dewezh 'barzh 'gêr".

In der Tat können ein Akkordeonist oder ein Pianist den Klang der dazwischenliegenden Note durch das Spielen einer Blues-Note erzeugen (...). In meinem Buch "Telenn, die bretonische Harfe" gehe ich kurz auf die Bedeutung dieser Tonleitern ein. Ich beschreibe ihre Zusammenstellung und stelle fest, dass mehrere Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit man meiner Meinung nach man von keltischer Musik sprechen kann. Alles weitere ist Sache des persönlichen Geschmacks."

Ungeduld

"Mein Arbeitsrhythmus ist sehr unregelmäßig. Ich glaube, in den vergangenen dreißig Jahren gab es keinen Tag, der dem vorhergehenden glich. Immer wieder wird das von durch wichtige und komplexen Ereignissen verhindert, die eben geregelt werden müssen. Auf eine bestimmte Art bin ich sehr oft in Eile, aber meistens geht es dann doch nicht so schnell, wie ich möchte. Es ist immer die Musik, die vor der Technik kommt. Ich habe immer davon geträumt, Dinge zu tun, die vorher noch nicht möglich waren oder Mittel, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht existierten, wie zum Beispiel die elektrische Harfe - das wollte ich schon im Alter von 14 Jahren. Von meinem ersten Effektpedal und seit den Kontakt-Mikrophonen auf meiner ersten Bardenharfe, Mitte der 60er Jahre, bis zu dem Instrument, das ich heute spiele, ist die Geschichte meiner Harfen immer von Ungeduld geprägt gewesen.

Nach dem Tod meines Vaters habe ich Elektro-akustische Harfen entworfen. Insgesamt gesehen war das die Übergangsphase zu meinem "solid body"-Instrument. Es musste erst noch jemand gefunden werden, um es zu bauen, jemand von "verrückt" genug war oder auch uneigennützig, um Monaten darauf zu verwenden, ein Instrument zu bauen, das nur ein einziges Mal reproduziert werden wird. Erst musste ich jemand so außergewöhnlichen finden wie Leo Goas".

Der Zugang zu den Medien ?

"Es gibt die Auftritte, die Vorbereitung, den Gesang und dann ist da auch noch notwendige Öffentlichkeitsarbeit. In einer bestimmten Phase habe ich mich diesbezüglich sehr engagiert. Die Präsenz in den Medien hängt sehr von der Effizienz der Arbeit deines Medienagenten ab. Es stimmt nicht so ganz, wenn ich sage, dass dies früher einfacher war. Bestimmte Begegnungen spielen in diesem Beruf eine große Rolle. Béatrice Soûlé zum Beispiel, meine erste Pressereferentin, hat mir die Türen zur Agentur von Jacques Chancel geöffnet.

Nach und nach hat sie so später, dank mehrere Filme, afrikanischen Musiker wie z.B. Youssou N'dour kennen gelernt. Das große Problem ist natürlich die Vermarktung, die von den Medien völlig übertrieben wird, aber da sind auch noch die Massen von total wichtigen Platten, die man unmöglich alle hören kann. Eine Anekdote dazu: als die "Suite sud-armoricaine" in die Hitparade kam, war der einzige Grund dafür, dass die Radiomoderatorin es amüsant fand, etwas zu spielen, was total ungewöhnlich war. Das Lied wurde zur Nummer1, ohne dass es jemals bei einem anderen Sender gespielt wurde."

Das Image bewahren ?

"Ich bin nicht auf der Suche nach einem Image, sonder nach Objektivität. Es ist immer ein bisschen frustrierend, dass die Leute in mir etwas sehen, was ich gar nicht bin. Da bilden sich so Ideen aus einer Art von Mosaik, ein Artikel hier, ein Foto dort. Und sofort erschaffen die Leute eine künstliche Person, die nichts mit mir zu tun hat.

Zu einer bestimmten Zeit hat man den Begriff Folkmusik ganz ohne Probleme verwendet. Meine beiden ersten Arrangements wurden übrigen übrigens von Intersong-Tutti und herausgegeben und wurden als Folklore bezeichnet. Heute weiß jeder, dass dieses Wort zwei verschiedene Bedeutungen hat: zum einen eine etymologische, die in keiner Weise abfällig ist wohingegen es ansonsten sehr stark abfällig verwendet wird.

Ein großer Teil meiner Musik hat seine Wurzeln in der Tradition. Man könnte meinen Ansatz als Musik von heute bezeichnen, die ausgewählte Ursprünge hat. Dabei neigt man dazu, zu vergessen, dass ja alle Musiken auf unserem Planeten zwangsläufig Ursprünge hat. Und überhaupt, all diese Einflüsse sind sowieso kaum nachzuvollziehen und haben nichts mehr mit den Ursprüngen der Leute gemeinsam. Aber um noch einmal auf das Image zurück zu kommen: wenn man von Generationen spricht, dann denkt man normalerweise: wir sind jung, also lieben wir die Musik der Jugendlichen. Ich hatte immer Lust, neues zu entwickeln, ohne dass das für mich jemals eine Frage der Generation gewesen wäre."

Die Tournee, die DVD, das Buch… Bloavezh mat !

"Die Tournee "Au-delà des mots ", die mit dem fünfzigsten Geburtstag der Neuschöpfung der keltischen Harfe zusammenfiel, war eine Gelegenheit, ihr ein Denkmal zu schaffen. Dies ist übrigens auch meine erste Tournee, bei der die Instrumentalmusik so viel Platz (zu zwei Dritteln) einnimmt. Normalerweise fiel diese Bedeutung dem Gesang zu.

Die DVD ist die erste, die sich ganz meiner Person widmet (einmal abgesehen von dem, was Arte vor einigen Jahren herausgegeben hat). Bis zum Erscheinen der nächsten Ausgaben, schildert sie meine Entwicklung der vergangenen 10 Jahre. Die Darstellung geht ein wenig über die Präsentation der Harfe hinaus. Trotzdem kann man hier die wunderbare Arbeit entdecken, die das Team der Firma Camac (Hersteller von klassischen und keltischen Harfen) für mich zustande gebracht hat, effektiv und sehr kooperativ. Es ist die Gelegenheit für eine kleinen Bilanz und auch dafür, den Leuten eine Freude zu machen, die mir folgen, die meine Musik lieben und die sich darüber freuen, meine Konzerte auf der DVD wiederzufinden, die Bühnenatmosphäre, etc.. Und für ein Publikum, das nur meinen Namen kennt, ist dies die Möglichkeit, eine besseren Eindruck zu bekommen und vielleicht auch dazu, eine lebendige und moderne Musik zu entdecken. Es ist diese Wirklichkeit, die ich heutzutage zeigen möchte.

Ich habe auch ein Buch veröffentlicht: "Telenn, die bretonische Harfe", das ich gemeinsam mit Jean Noël Verdier geschrieben habe. Dieses Buch fasst die Geschichte der keltischen Harfe in der Bretagne zusammen. Ich spreche auch zum ersten Mal sehr direkt von meiner eigenen Konzeption der keltischen Musik".

und die Zukunft

Schon für den März sind neue Konzerte in Vorbereitung, die sich von den vorherigen etwas unterscheiden. An jeder neuen Bühneshow ist auch ein neues Team beteiligt und das bringt Veränderungen mit sich. Zur gleichen Zeit werden auch einige meiner alten Alben in überarbeiteten Aufnahmen erscheinen. Am wichtigsten ist für mich jedoch die Arbeit an einem neuen Album (Erscheinungsdatum: Anfang 2006).

Für das Konzert CELTICA in Nantes werde ich außerdem ganz exklusiv am 10. und 11. Juni im "stade de la Beaujoire" solo auftreten.

Kontakt: www.alan-stivell.com - antoine@futur-acoustic.fr

(Übersetzung: W. Rodrian, 2005)