ALAN STIVELL

Un jour avec... Alan Stivell
Es gibt immer noch so viel neues zu entdecken...

















von: Pierre Morvan
(in: Le Peuple Breton N 486/Juli-August 2004, S.20/21)

Alan Stivell (Photo: J.B.Millot)

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers Pierre Morvan veröffentlichen wir im Folgenden ein aktuelles Interview mit Alan Stivell, dem Musiker dessen Name symbolisch steht für das Revival der bretonischen Musik seit Anfang der 60er Jahre.

Le Peuple Breton: Alan, zum letzten Mal konnten unsere Leser im Mai 2000 ein Interview von dir lesen und du hast dich auch ganz allgemein in den Medien ziemlich rar gemacht, sogar als dein letztes Album im Mai 2002 herauskam. Ist das eine Pause, ziehst du dich ganz bewusst zurück gemäß dem Motto deines Albums "Au-delà des mots" ("Jenseits der Worte")?

Alan Stivell: Nein, ich habe sehr viel gearbeitet. Im Mai 2000 stand die "Back to Breizh"-Tour kurz vor ihrem Start: gut 100 Konzerte in verschiedenen Ländern, inklusive einer ziemlich wichtige Tournee in der Bretagne, die dann inmitten der Pyramiden in Mexico, beim Festival in Lorient und in Dublin im Sommer 2001 zu Ende ging. Mehrere Zeitschriften berichteten über die Tournee und das Konzert in Lorient wurde von dem TV-Sender F3 aufgezeichnet. Dann ging's zurück ins Studio, um "Au-delà des mots" aufzunehmen. Dann habe ich mich auf die Jubiläumstournee konzentriert, die mit Ausnahme des Auftritts im Stade de France im vergangenen Juni anfing. Das waren jetzt schon wieder fast 50 Konzerte in 10 europäischen Ländern und in Tunesien (und das, obwohl ich schon versuche, mich auf die günstig gelegenen Ort zu beschränken). Von Pause kann also nicht die Rede sein.

Le PB: "Au-delà des mots " ist ein rein instrumentales Album, was nach " 1 Douar " und vor allem nach "Back to Breizh" doch ein wenig unerwartet kam... Wie ist es von deinem Publikum angenommen worden?

A.S.: Ich glaube, dass man das von mir schon kennt, dass auf Alben, die von sehr viel elektrischer Musik bestimmt werden dann wieder eine eher ruhige, intime Platte folgt. Ich denke also, dass das nicht allzu erstaunlich ist. Im Gegenteil, es ist ja so, dass ich gerne neue, nicht so offensichtliche Wege gehe. Deshalb sollte sogar eine Platte, bei der es um Harfenmusik geht, etwas ganz neues, noch nicht da gewesenes präsentieren. Allerdings ging es bei "Au-delà des mots" noch weniger als bei anderen Platten darum, in die "Top 50" zu kommen. Darüber war ich mir im Klaren, auch hinsichtlich der Leute, die in die Konzerte kamen, um das Album live zu hören, und ich bin über die Reaktion des Publikums sehr glücklich.

Le PB: Seit einigen Monaten wird das 50-jährige Jubiläum der Renaissance der keltischen Harfe in der Bretagne gefeiert. Die aller erste Harfe, die dein Vater damals gebaut hat und dein erstes Konzert im November '53... Ein halbes Jahrhundert, das ist schon was ! Wie würdest du die Entwicklung der bretonischen Musik über diesen Zeitraum beschreiben?

A.S.: Da war 53-54 die Renaissance der keltischen Harfe, die danach in weniger als 10 Jahren ihren festen Platz in der Bretagne erobert hat. Sie war Teil der ersten musikalischen Entwicklung, die seit den Tagen von Paul Le Flem, Jef Le Penven und später Pierre-Yves Le Moign darin bestand, die bretonische mit der klassischen Musik zu verbinden. Aber auch die Entwicklung, die durch das Wiederaufleben der Tradition Bombarde-Binioù in Gang gesetzt wurde, die bagadoù, der B.A.S. - all das war von Vorteil für die Renaissance der keltischen Harfe. Ich selber war ja Teil dieser Bewegung mit meinen Arrangements, die ich als Leiter des bagad Bleimor in den 60-Jahren ausgearbeitet habe.

Als ich mich dann 1967 entschied, als Berufsmusiker "Karriere" zu machen, da wollte ich experimentieren und möglichst viele neue Wege einschlagen, neues entdecken und entwickeln: die Einführung der Bardenharfe (mit Metallsaiten) als Begleitung für den Gesang, die Versuche, die Klänge elektronisch zu verfremden, Instrumente in völlig neuen Kombinationen. Auf der ersten LP "Reflets" zum Beispiel: Folk- und elektrische Gitarre, Banjo, Keyboards, Laute, Dudelsack, elektrische Geige und später auch Cellos, Tabla, Kena, Schlagzeug, und so weiter. Dann der Celtic Rock und danach die ersten "Drum-Computer", die Sequenzer, die Loops, die Einflüsse vom Techno und vom Hip-Hop etc. Ich war immer schon sehr neugierig, was neue Klänge und Kombinationen angeht. Deshalb stürze ich mich auch immer wieder in unbekannte Gefilde. Es ist klar, dass diese Entwicklung nie enden wird. Dieses Forschen nach neuem interessiert mich vor allem auch deshalb, weil dadurch neue Talente zu Tage treten. Da gibt es Musiker, die stehen eher auf die akustische Musik (Gwerz, etc.), andere machen gradlinigen Rock (EV), bevorzugen die elektronische Variante (Denez Prigent) oder den klassischen Bereich (das Ensemble von Yves Ribis), die "interkeltische" Musik (Dan Ar Braz), die komödiantische Variante (Tri Yann) oder die Tanzmusik (Diaouled Ar Menez, etc.).
Ich bin glücklich, dass sich all diese Menschen darum bemühen, die verschiedenen Bereiche weiter zu entwickeln, so wie ich selber von der Arbeit meiner musikalischen Vorfahren Sean o Riada, Je ar Penven, den Beatles, Polig Monjarret, Loeiz Ropars und vielen anderen profitieren konnte.

Le PB: Und wie geht es weiter?

A.S.: Es gibt noch genug neue Wege zu Entdecken. Was den traditionellen Bereich angeht (der unentbehrlich ist, das ist eine unverzichtbare Schule), da gibt es in technischer Hinsicht keine Qualitätsprobleme. Jedoch für die Zukunft der Bretagne und ihrer Identität erscheint es mir ungeheuer wichtig, dass der traditionellen Musik mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird (ohne sie dadurch in eine Schublade zu sperren), damit man besser verstehen kann, welche Entwicklungen sich in der bretonischen und keltischen Musik tatsächlich vollziehen. Was die kreative Seite angeht, da brauchen wir vor allem in der zeitgenössischen Sparte mehr Musiker: bretonischsprachige Rockgruppen, Pop, Trash, Rap und Elektronikmusiker gibt es nicht so häufig, die brauchen wir.

Le PB: Was findet bei diesem Jubiläum alles statt? Es ist die Rede von einer neuen, futuristischen Harfe? Wird man sie auf der Bühne zu sehen bekommen?

A.S.: Seit Oktober haben sie schon Tausende gesehen und gehört. Das war meine erste direkte Zusammenarbeit mit Camac, der Firma im Süden der Bretagne, in der Nähe von Nantes, welche die bretonische Harfe herstellt. Nach dem Tod meines Vaters habe ich damit begonnen, meine neuen Harfen zu entwickeln. Bei dieser ganz speziellen Harfe ging es mir darum, die verschiedenen neuen Entwicklungen (die vor allem aus meiner Zusammenarbeit mit Leo Gars herrühren) mit den Erfahrungswerten und der qualitativ hochwertigen Produktion bei Camac zu verbinden. Und das Ergebnis ist in der Tat eine Harfe für das 3.Jahrtausend. Sie ist aus Aluminium, aber sie hat vor allem einen Klang, der trotz der elektrischen Verstärkung von einer Reinheit ist, die mich an meine "telenn gentañ (die erste Harfe, die mein Vater konstruiert hat) erinnert. Auf ihr kann ich ohne Probleme mit elektronischen Verzerrungen und anderen Effektgeräten spielen.

Le PB: Dann ist da noch die Tournee, die im Juni 2003 begonnen hat. Sag uns doch noch mal die aktuellen Termine?

A.S.: Diese Tournee geht noch bis zum Frühjahr/Sommer 2005. Ich bin mit meiner Technik-Crew und den Musikern wirklich total glücklich (Arnaud Ciapolino, Johan Daalgard, Latabi Diwani und jetzt auch noch Klifa Rachedi). Auch das Publikum ist sehr gut. In der Bretagne hatten wir bereits Auftritte an etwa 10 sehr schönen Veranstaltungsorten. Diesen Sommer finden neben den Auftritten in Spanien, Italien, Occitanien und Belgien Konzerte beim Festival de Cornouaille in Quimper (24 Juli) und beim Festival Saint-Loup in Guingamp (14.August) statt. Das Konzert in Gourin (04.September) steht noch nicht fest und es gibt darüber hinaus noch reichlich Pläne für Auftritte in der Bretagne, in Russland, den USA etc., alles nach dem Sommer.

Le PB: Es gibt noch viele andere Projekte. Man spricht von einem "Best-of"-Album? Es ist auch die Rede von einer DVD, die im Herbst herauskommen soll? Kannst du uns noch etwas dazu sagen?

A.S.: Das wird eine DVD von ungefähr 3,5 Stunden Spieldauer. Sie wird einen Titel enthalten, den wir im März bei der aktuellen Tour in Paris-La Cigale live aufgenommen haben, ein Interview, Dokumentarisches Material und weitere Mitschnitte, zwei Konzerte (von 1994 und 2001), den Beitrag, der auf arte 1996 gesendet wurde etc. Das alles, inklusive einer Bonus-CD...

Le PB: Und du schreibst an einem Buch über die keltische Harfe?

A.S.: Ja, es wird ungefähr zur selben Zeit erscheinen. Ich habe es gemeinsam mit Jean-Neël Verdier geschrieben (der auch die herrlichen und interessanten Illustrationen beisteuert). Es wird unter dem Titel "Telenn, la harpe bretonne" bei "Éditions du Télégramme" erscheinen. Es wird die wahre Rolle der Harfe bei den Bretonen im Mittelalter zeigen, die Geschichte der Wiederentdeckung der bretonischen Harfe erzählen und wie sich diese seit dem 19.Jahrhundert entwickelt hat. Es wird eine richtige Chronologie enthalten, die diese Wiedergeburt darstellt, die vor etwa 50 Jahren ihren Anfang nahm. Man wird dort auch eine Beschreibung der keltischen Musik finden ebenso wie eine neue Darstellung unserer Geschichte.

Die nächste CD wird wahrscheinlich 2005 erscheinen. Deshalb ist es noch viel zu früh, um darüber zu sprechen. Die aktuellen Neuheiten, das sind die DVD, das Buch und natürlich die Tournee "Au-delà des mots", die noch eine Weile dauert.

Le PB: Jenseits der Musik...reden wir über die Politik. Es gab in der Bretagne vor kurzem einige aufsehenerregende Entwicklungen. Die Autonomisten sind jetzt im Conseil régional vertreten, der Links-Ruck... Tu hast dabei die gemeinsame Liste der Grünen und der UDB (Union Démocratique Bretonne) vertreten und du hast sogar bei der Gründung der neuen "assemblée bretonne" teilgenommen und mitgeholfen. Inwiefern haben diese Umwälzungen einen Einfluss auf dich? Hast du für unsere Leser einen Botschaft, die Hoffnung macht?

A.S.: Das alles stellt einen Erfolg dar, an dem die UDB großen Anteil hat. Jetzt können wir wieder hoffen, wir können wieder daran glauben, dass es für die Bretagne (ich sage das ohne jede Übertreibung) wieder echte Überlebenschancen gibt. Die lebenswichtigen Minimalbedingungen sind nicht mehr außer Reichweite: ich glaube und hoffe vor allem, dass wir eine Autonomie erreichen werden, die mit der vergleichbar ist, wie sie in Wales existiert, die gleichberechtigte Koexistenz der beiden Sprachen, die Wiedereingliederung des Département Loire-Atlantique, einen stärkeren Umweltschutz und eine verstärkte Solidarität mit denen, die mittellos sind.

(Übersetzung: W.Rodrian, 2004)

Die Konzerttermine von finden sie hier: Konzerte Alan Stivell

Alan Stivell gab im August 2000 ein Konzert im Hafen von Brest. Den Bericht lesen...