MARTHE VASSALLO

Die Sitation der freischaffenden Künstler in der Bretagne und in Frankreich


Marthe Vassallo, eine der wichtigsten zeitgenössischenInterpretinnen des bretonischen Liedes

In Frankreich beginnt demnächst wieder die Festivalsaison und schon kündigen die sogenannten "intermittents du spectacle", die freiberuflichen Künstler wieder erste Störaktoinen an, mit denen sie gegen die Reform der Künstler-Arbeitslosenversicherung protestieren wollen. Diese trat Anfang des Jahres in Kraft und hat für einen Groteil der Betroffenen xistentielle Konsequenzen.

Die bretonische Sängerin Marthe Vassallo ist im Kampf um den Erhalt der sozialen Existenzabsicherung französischer Künstler selber aktiv angagiert. Im Sommer 2003 hatte ich die Gelegenheit mit ihr zu sprechen und die Situation der freiberuflichen Künstler bildete eines der zentralen Gesprächsthemen.

In einem Portrait der Künstlerin, das wir im vergangenen Jahr veröffentlichten, lesen Sie mehr über Ihre Kariere als Sängerin.


Wie stellt sich die Situation der freiberuflichen Künstler aktuell dar ?

In Frankreich sind die Künstler nicht wie anderswo Selbständige sondern Angestellte. Wenn ich bei einem fest-noz oder bei einem Konzert auftrete, dann habe ich einen zeitlich begrenzten Vertrag mit dem Veranstalter (oder auch mit meiner Agentur, wenn diese das Konzert vermittelt hat).

Ich habe auf jeden Fall einen Vertrag, der Begin und Ende meiner Tätigkeit festlegt. Deshalb haben wir als sogenannte "intermittents du spectacle" (selbständige Künstler) auch ein Recht auf Arbeitslosengeld. Das betrifft tatsächlich die Gesamtheit aller Berufskünstler und einen Großteil der Bühnentechniker, die von der Arbeit beim Film und bei den Medien leben.

Die Grundlage dieses Systems war bisher ein Berechnungsjahr. Zugrunde gelegt wurde die vertraglich belegten Stunden, die man im Laufe eines Jahres zusammen bekam. Das Minimum waren 507 Stunden pro Jahr, die man mit Verträgen nachweisen musste. Jede Gage zählte wie 12 Stunden, was für einen Musiker in der Regel bedeutete, dass man mindestens 43 Arbeitstage mit Verträgen nachweisen musste. Das konnten dann beispielsweise 43 Konzerte sein, oder weniger Konzerte zuzüglich der Zeiten für Proben, denn die Tage, die man unter Vertrag mit Proben verbracht hatte, wurden ebenfalls mitgezählt.

Aber natürlich, und das möchte ich betonen, wurde als Arbeitszeit nur die Zeit gewertet, die man vertraglich nachweisen konnte, die man von einem Arbeitgeber angestellt war.

Wenn man also diese mindestens 507 Stunden in einem ersten Jahr A zusammen gebracht hatte, dann hatte man ein Recht auf das Arbeitslosengeld im Folgejahr B. Man meldete monatlich die Arbeitstage, man bezog Arbeitslosengeld für die restlichen Tage und am Ende des Jahres B stellte man dann die Nachweise zusammen, die man vorlegen konnte, man glich sie mit den bereits gemeldeten ab, um Probleme mit der Steuer zu vermeiden und wenn man dann im Verlauf des Jahres B auf 507 Stunden kam, dann hatte man sich wieder das Recht auf den Bezug von Arbeitslosengeld im darauf folgenden Jahr C erworben und so weiter... gleichermaßen im Jahr C für das Jahr D und so weiter...

Und das alles in der Tat binnen 12 Monaten : das wurde jedes Jahr zum gleichen Termin geprüft. Man konnte gut damit leben. Ein Musiker, der beschäftigt war, der bekannt genug war, um einigermaßen Arbeit zu finden und Arbeitslosengeld zu beziehen (die ASSEDIC, benannt nach dem verantwortlichen Verband "Associations pour l'emploi dans l'industrie et le commerce") hatte ein gutes Einkommen. Und wozu brauchte man diese Bezüge ? Die waren nötig, um die Zeiten zu überbrücken, in denen man nicht unter Vertrag war. Für einen Musiker sind das ganz konkret die Perioden, wenn er an seiner persönlichen Weiterentwicklung arbeitet, Stimmtraining beispielsweise, Fortbildung als Autodidakt oder auch in Kursen, wenn ich meine Gesangsstunden nehme, die Fahrzeit, die notwendig ist, um meine Gesangsstunden zu besuchen, die Zeit, die ich damit verbringe, meine Arbeitgeber zu aufzusuchen...

Und dann natürlich auch die Zeit, die man damit verbringt, neue Aufträge zu an Land zu ziehen: man trifft sich mit potentiellen Auftraggebern, man telephoniert, man schreibt Briefe, man überarbeitet die Verträge, man hat Termine beim Photographen..

Auch diese Arbeitszeiten werden nicht bezahlt. Darüber hinaus ist es auch sehr selten, dass die Probenzeiten mit einberechnet werden. Die Arbeitgeber erwarten von uns, dass wir mit präsentationsfähigen Projekten erscheinen, also schon komplett einstudiert!

Etwas anderes, woran man auch nie denkt, das ist die Zeit, die für die Werbung notwendig ist. Also beispielsweise die Zeit, die ich damit verbringe, Photos aufzunehmen, oder wenn eine Platte heraus kommt: dann ist man drei Wochen lang unterwegs für Radio- und Fernsehbeiträge. Das zahlt uns auch niemand.

Dafür gibt es die Arbeitslosenbezüge. Wenn ich wie viele meiner Kollegen dann meine jährliche Einkommenserklärung einreiche, dann erleben wir immer wieder, dass sich unsere Ausgaben mit dem Arbeitslosengeld aufwiegen, oder dieses sogar überschreiten. Das bedeutet, dass das Geld, dass man uns zugesteht wieder komplett in unseren beruflichen Investitionen aufgeht, damit wir der Gesellschaft wieder das bieten können, was ihr Vergnügen bereitet - denn, wenn es ihr nicht gefällt, wenn unsere Arbeit keine soziale Funktion mehr erfüllt, dann bekommen wir auch nicht unsere besagten 43 Belege zusammen. Es handelt sich also um einen direkten Austausch mit der Gesellschaft.

Was nun gerade geschieht, das ist, dass die französischen Arbeitgeber, der Arbeitgeberverband MEDEF, die gesellschaftlichen Elemente jedes für sich, losgelöst voneinander betrachtet, anstatt das soziale Ganze an sich zu untersuchen. Er sagt: die Künstler, die Freiberufler kosten die Arbeitslosenversicherung mehr als sie einbringen. Das muss reduziert werden ! (Genau das gleiche geschieht bei den Lehrern und beim Erziehungspersonal, bei den Forschern, etc. Man überprüft die Kosten, die eine Berufssparte verursacht ohne die Erträge zu berücksichtigen, die sie indirekt erzeugt und das soziale Gleichgewicht, zu dem sie beiträgt.)

Die MEDEF und die CFDT haben nun ein neues System gefordert, das dazu führen wird, dass einer von drei Künstlern oder Technikern im nächsten Jahr nicht mehr von seiner Arbeit leben können wird. Sie geben vor, dass sie das Defizit verringern wollen: tatsächlich aber wird es nichts von dem bewirken, weil ihr System ziemlich schlecht ausgearbeitet ist. Es ist zwar nicht unbedingt leicht verständlich, wenn man sich die Details ansieht, aber im Endeffekt konnte man ganz gut davon leben, wenn man seine 43 Verträge Minimum hatte. In Zukunft muss man im selben Zeitraum wenigstens auf 60 oder 70 Engagements kommen, um abgesichert zu sein.

Und das ist für die meisten Künstler sehr schwierig, aus einem ganz einfachen Grund insbesondere für die Musiker: als Musiker ist man meistens an den Wochenenden unter Engagement. Es gibt aber nur 52 Wochenenden im Jahr und an einigen findet noch dazu überhaupt nichts statt, beispielsweise an den Weihnachtswochenenden, das ist immer eine sehr ruhige Zeit. Oder auch zu Beginn (rentrée) oder am Ende des Schuljahres...

In diesen Zeiten ist eigentlich nirgendwo was los. All das hat zur Folge, dass 40 bis 50 Engagements noch möglich sind für jemanden, der einigermaßen bekannt ist. Aber 60 bis 70 Auftritte, das bedeutet einen ungeheuren Arbeitsaufwand.

Konkret bedeutet das, dass ich es eigentlich in den kommenden beiden Jahren schaffen müsste zu überleben. Philippe Ollivier (mein Partner bei Bugel Koar) auch. Aber wenn man es schafft, dann nur weil der eine oder andere im Endeffekt mehrere Berufe ausüben wird - alles im künstlerischen Bereich, aber eben mehrere Tätigkeiten: Philippe arbeitet außer als Musiker auch als Toningenieur und ich bin zeitweise auch noch an der Oper beschäftigt, ich werde diesen Winter eine kleine Rolle als Solistin an der Oper von Rennes haben. Das sind dann aber eigentlich zwei ganz verschiedene Beschäftigungen, so als würde ich zwei berufliche Leben leben...

Das wird doch sicherlich zu einem Qualitätsverlust führen ?

Marthe Vassallo, engagiert im Kampf um den Erhalt der Künstler-Arbeitslosenversicherung in Frankreich Ja, auf jeden Fall ! Wir werden gezwungen sein, enorm viel zu arbeiten - aber eigentlich arbeiten wir bereits die ganze Zeit ! Was sich ändern wird, das ist, dass wir dann gezwungen sein werden jeden Auftrag anzunehmen, egal was. Wir werden Dinge tun müssen, die aus künstlerischer Sicht keinen Sinn machen, die die Dinge in keiner Weise weiter entwickeln helfen. Das wird ein enormer Verlust sein.

Ein Beispiel dazu: für jemanden, der aus dem System rausfällt, hat es zur Folge, dass er mit einem jährlichen Einkommen von etwa 4.500,00 bis 6.000 ,00 € auskommen muss. Darauf beläuft sich im Großen und Ganzen die Summe der Gagen. Für die, die im System bleiben, wird es bedeuten, dass sie die Anzahl ihrer Engagements vervielfachen müssen, sie müssen in Zukunft auch minderbezahlte Engagements annehmen und das wird unsere Arbeit entwerten. Wir werden gezwungen sein, auch unter schlechten Bedingungen zu arbeiten. Dann müssen wir Dinge akzeptieren, die wir heute auf keinen Fall akzeptieren würden.
Wir werden gegenüber unseren Arbeitgebern eine sehr schwache Position haben. Die wissen sehr gut, das wir alles annehmen müssen, was sie uns anbieten.

Ein anderes Beispiel: die Zeiträume, die für die Arbeitslosenbezüge zählen, enthalten auch Ruhezeiten. Das ist sehr wichtig. Um das einmal ganz deutlich zu machen: wenn ich beispielsweise mit Loened Fall auftrete, dann habe ich eine Gage von 150,00 € pro Abend. Ich fahre von zuhause gegen 15.00 oder 16.00 Uhr am Nachmittag weg. Ich komme gegen 5.00 Uhr morgens wieder heim oder auch erst am nächsten Nachmittag. Mein Auftritt hat mich also wenigstens 12 Stunden in Anspruch genommen, es können aber auch bis zu 24 oder 48 Stunden sein, je nach der Entfernung zum Auftrittsort. Wenn du dich dann um 4, 5, 6 oder 7 Uhr morgens schlafen legst oder auch mitten in der Nacht, wenn du wieder heimkommst, ich kann dir sagen, da bringst du dann nicht mehr viel auf die Reihe (nicht mal mehr irgendeine Freizeitbeschäftigung, du bist einfach zu müde, du musst deine Stimme schonen, keine Rede davon, dich noch irgendwo in einer Bar groß zu unterhalten oder so was)...

Letztendlich nimmt mich so ein fest-noz also zwei bis drei Tage in Anspruch, Tage, an denen ich keine anderen Aufträge annehmen kann, also einmal die Woche für 10,00 €, von denen die Hälfte schon mal für meine Unkosten draufgeht, das muss man bedenken... Ich liebe meinen Beruf und er macht mir sehr viel Freude, aber ich muß meine Miete zahlen wie jeder andere auch !

Es gibt viele solche Dinge, die man bedenken muss. Noch ein Beispiel: je bekannter man ist, umso schwieriger wird es, viele Engagements zu bekommen. Man steht viel zu oft im Rampenlicht, vor allem als Sänger. Ein Musiker, der mehr im Hintergrund bleibt, der aber gut spielt, der kann ohne weiteres 800, 100 Konzerte im Jahr geben, ohne dass es jemand wahrnimmt. Wenn ich aber 100 mal im Jahr auf der Bühne singe, das wird zur Kenntnis genommen und das wird mir auch entsprechend kund getan, man sagt, wir sehen ja keinen anderen mehr als dich ! (Lachen...)

Im Sommer 2000 habe ich jeden dritten Abend bei insgesamt 6 Gruppen gesungen. Das Ergebnis davon war, dass ich am Ende des Sommers total fertig war. Außerdem hatte ich in diesen zwei Monaten überhaupt keine Zeit, irgend etwas neues zu erarbeiten, etwas neue zu schaffen. Ich hatte auch keine Zeit mich um mein Instrument zu kümmern: meine Stimme. Ich hatte keine Zeit neue Lieder zu schreiben, neue Stücke zu komponieren und so weiter... Den ganzen Sommer über war ich jeden dritten Tag unterwegs, hatte einen Tag vor Ort, um das Konzert vorzubereiten und für den Aufritt selber. Am dritten Tag war ich dann nicht mehr in der Lage, irgend etwas anderes zu tun, nur noch dazu, alle viere von mir zu strecken und mich zu erholen. Der Gipfel war dann aber, dass ich in diesem Sommer in den Zeitungen lesen konnte, dass ich so viel zu sehen sei... Daraus kann man also ersehen: je besser es läuft, um so schwieriger wird es, weiterzumachen.

Aus all den genannten Gründen können wir also schließen, dass diese Häufigkeit der Engagements, die uns die neue Reform vorschreibt, nur ein paar Monate lang durchzuhalten ist. Und das wissen die, die sich diese Reform ausgedacht haben, ganz genau !

Das neue System schafft Bedingungen, unter denen wir unseren Beruf nur noch dann ausüben können, wenn alles sehr gut läuft. Schon die geringsten Einkommensverluste werden sich fatal auswirken - oder praktisch das Ende bedeuten für jedes Projekt, das eigentlich gut laufen würde. Denn es bedeutet ja, dass man keine Zeit mehr haben wird, neues vorzubereiten, wenn man die Jahre vorher viele Aufritte hatte...

Wenn ein Projekt dann am Ende ist, dann steht man mit leeren Händen da und man fliegt trotz allem aus dem System raus.

Das ganze bedeutet eine rein kommerzielle Auslegung des Kunstbetriebes. Was man deinen Lesern und den Besuchern deines Online-Magazins hinsichtlich der Bedeutung all dessen für Europa sagen kann, das ist, dass man so oft hört: "aber ihr seid euch doch gar nicht darüber im klaren, dass sogar das neue System immer noch viel besser ist, als alles was es sonst in der Richtung in Europa gibt". Was wir darauf antworten werden, das ist, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Eigentlich sollte sich ganz Europa nach und nach an dem orientieren, was wir hier haben. Ich habe erst diese Woche mit Künstlern aus Irland und England gesprochen und es ist schrecklich, was sie erzählen.

Das sind Leute, die viele Jahre auf Tourneen verbracht haben, die schon etliche Platten verkauft haben, die sind auf dem einen oder anderen Instrument echte Koryphäen...und sie sind gezwungen, einen anderen Beruf auszuüben.

Das Ergebnis ist eine künstlerische Sterilität. Diese Leute haben bereits großartige Dinge geschaffen, wenn sie die Zeit und die finanziellen Mittel dafür hatten. Jetzt haben sie nicht mehr die Mittel, um Risiken auf sich zu nehmen, Innovationen anzubieten und die Musik weiterzuentwickeln.

Da draußen in der Welt, da gibt es auf der einen Seite den Kommerz und auf der anderen Seite diejenigen, die sich mit Hungerlöhnen abgespeist werden, die nicht von dem leben können, was sie tun und die viel zu schnell aufgeben, weil sie finanziell und gesundheitlich nicht durchhalten - dazwischen gibt es nichts.

In der Bretagne gibt es eine Variante dazwischen, eine Art "Mittelklasse" der Künstler für die es auch einen Pool an organisierten Veranstaltern gibt, einen Freiraum, der bislang durch diese Unterstützung der Künstler ermöglicht wurde. Und das wird jetzt gerade total beschnitten.

Yann-Fanch Perroche, der Akkordeon-Spieler hat 50 Kollegen angerufen, alles Mitglieder bei renommierten Gruppen und 40 davon haben ihm mitgeteilt, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit im kommenden Jahr keine Arbeitslosenbezüge mehr erhalten werden. Das bedeutet 40 von 50, 4 von 5, die im nächsten Jahr mit 4.500,00 oder 6.000,00 € auskommen müssen. Unter ihnen sind einige der bekanntesten Musiker. Musiker, die zu den wichtigsten Vertretern der bretonischen Musik zählen.

Noch einmal: was es mir ermöglicht zu sagen, dass ich vielleicht aus dem System aussteige, das ist vor allem die Tatsache, dass ich eine andere Tätigkeit ausüben werde… gesundheitlich gesehen kann ich nicht vorhersagen, wie lange ich das durchhalten werde. Das kann jetz noch niemand vorhersehen.


(Interview und Übersetzung: Willi Rodrian 2003/04)

Discographie:

1993, Gwerzioù et chant de Haute-Voix (France 3 Ouest)
1996, Skoulad ar Gouroug (TES)
1998, 20 Vloaz Diwan (Ciré Jaune)
1998, Loened Fall: An Deiziou zo Berr (An Naer Produksion)
1999, Instruments du Diable, Musiques des Anges (Dastum)
2000, Bugel Koar: Ar Solier (An Naer Produksion)
2001, Azeliz Iza (Keltia Musique)
2001, Skaliero: Beg ar vins (Keltia Musique)
2002, Gilles Le Bigot: empreintes (Keltia Musique)
2003, Loened Fall: À l'état sauvage (An Naer Produksion)