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Jean-Michel Veillon: Er Pasker
Jean-Michel Veillon & Yvon Riou: Beo !
Barzaz: Ec'honder
Barzaz: An den kozh dall
Kornog Première, Live in Minneapolis
Kornog IV

Bro Dreger VI: Konskried
An Tour Tan: Penn-Ar-Bed
An Tour Tan: Live
Alain Genty: Le Grand Encrier
Fred Guichen: La Lune Noir
JEAN-MICHEL VEILLON

Ein Gespräch über neue Projekte und die Situation der bretonischen Musik


Jean-Michel Veillon gehört sicherlich zu den ambitioniertesten und engagierstesten Musikern in der Bretagne, sowohl, was seine Musik angeht, als auch in Sachen Politik.

So hat er im August 2001 die Annahme des "Prix Produit en Bretagne" für das Album "Beo" aus politischen Gründen abgelehnt. Die Übersetzung eines Interviews, das Dominique Le Guichaoua mit Jean-Michel Veillon zu diesem Thema veröffentlichte können sie bei uns nachlesen.

Im September des vergangenen Jahres hatte ich erneut die Gelegenheit für ein ausführliches Gespräch mit Jean-Michel Veillon zu diesem und anderen Themen...

Jean-Michel, an welchen musikalischen Projekten arbeitest du zur Zeit ?

In nächster Zeit, also schon sehr bald werde ich das Vergnügen haben, auf der neuen Platte von Gilles Le Bigot zu spielen. Es ist sein erstes Soloalbum, das bei Keltia Musique erscheinen wird (Winter 2002: "empreintes"). Die Aufnahmen dazu beginnen in der kommenden Woche.
Jean-Michel Veillon und Pennoù Skoulm in Douarnenez, 2002 (v.l.n.r.): Patrick Molard, Jean-Michel Veillon und Jacky Molard Danach werde ich mit der Gruppe Pennoù Skoulm zusammenkommen, mit den beiden Geigern Jacky Molard und Christian Lemaître. Vielleicht sind auch zwei Dudelsackspieler mit dabei, die gemeinsam oder abwechselnd spielen werden: Ronan Le Bars und Patrick Molard. Soïg Sibéril wird Gitarre spielen und vielleicht kommt auch noch Jamie McMenemy mit seiner Bouzouki dazu. Es werden also alle mal wieder zusammenkommen um eine neue CD aufzunehmen. Wir beginnen dann mit den Aufnahmen und wenn alles gut geht, dann erscheint die CD im Frühjahr 2003.
Letztendlich hängt aber alles von der Entscheidung der Plattenfirma ab.

Ein anderes wichtiges Projekt, das ist eine neue Gruppe, von der ich dir ja schon im vergangenen Jahr erzählt habe. Die Gruppe heißt Toud'Sames, was auf bretonisch soviel heißt wie "alle zusammen". Diese Gruppe liegt mir ganz besonders am Herzen, weil sie mich ein bisschen an eine andere Gruppe erinnert, die ich vor einigen Jahren gegründet habe. Dabei handelt es sich um die Gruppe Barzaz, bei der Yann-Fañch Kemener gesungen hat.

Toud 'Sames (v.l.n.r): Dominique Molard, Alain Genty, Lors Jouin, Hopi 'Hopkins' und Jean-Michel Veillon Dieses Mal steht der Sänger Lors Jouin (Lorent Jouin) im Mittelpunkt der Musik. Die anderen Musiker waren teilweise bereits bei Barzaz dabei: Alain Genty am Baß und "Hopi" Hopkins als Percussionist. Ganz neu ist diesmal, dass wir nicht für ein weiteres Melodieinstrument wie beispielsweise eine Gitarre oder Keyboards entschieden haben, sondern dafür, mit einem weiteren Percussionisten zu spielen: Dominique Molard. Unsere Musik ist dementsprechend stark auf rhythmischen Läufen aufgebaut, ein rhythmisches Pulsieren und ziemlich stark skandiert. Hopi und Dominique wechseln sich dabei ab. Der eine entwickelt sehr freie und schwebende Klangteppiche (also so eine sehr luftige Percussion) wogegen der andere dafür sorgt, dass das Tempo gleich bleibt und der für die rhythmischen Verzierungen zuständig ist (mehr so die erdgebundene Percussion) und umgekehrt.
Dominique spielt oft auf den Tablas und auf einem kleinen System, das aus einer großen stimmbaren Trommel und mehreren Cymbals besteht. Hopi benutzt eine Djembé, Bongos, ein Talking Drum, das Bodhrán etc....
Beide spielen auch auf dem cajon und etlichen kleinen Schlaginstrumenten. Das ganze klingt wirklich sehr interessant im Zusammenspiel.
Das sind so die Projekte, die unmittelbar anstehen. Die Arbeit im Studio müsste eigentlich ziemlich flott gehen. Die Aufnahmen mit Gilles Le Bigot beginnen nächste Woche, die für Pennoù Skoulm noch vor dem Frühjahr, hoffe ich...

Und Toud'Sames soll auch so bald wie möglich ins Studio gehen. Die Leute fragen uns bereits, wann es eine CD von Toud'Sames gibt und wir würden ihnen natürlich gerne den Gefallen tun. Es wäre auf jeden Fall wichtig, eine Platte aufzunehmen, weil wir bis jetzt nur ein Demoband mit einigen live aufgenommenen Stücken haben.

Es gab also schon einige Konzerte von Toud'Sames ?

Ja, im vergangenen Oktober haben wir in Saint-Brieuc gespielt und im vergangenen August (2001) haben wir auch auf Rhodos gespielt. Das war übrigens unser erstes Konzert, bei dem wir unter dem Namen Toud'Sames auftraten.
Die Entstehung der Gruppe fand unter Umständen statt, die schon ein wenig speziell waren. Das war vor zwei Jahren in Quimperlé: man hatte mir vorgeschlagen, ein neues Programm nach meiner freien Wahl ("carte blanche") zusammenzustellen mit Gastmusikern, die ich frei auswählen konnte. Ich habe also die Kollegen eingeladen, die mittlerweile Toud'Sames bilden, aber die Gruppe hieß damals noch nicht so.

Der Abend fand unter dem bretonischen Motto "En dro fleüt" ("rund um die Flöte") statt. Gleich nach diesem Konzert haben wir beschlossen, mit dieser Formation weiterzumachen. Kurz darauf wurden wir eingeladen, bei einem Festival in Griechenland, auf der Insel Rhodos, zu spielen. Die Einladung ging von einem leidenschaftlichen Musiker aus, von Ross Daly. Ross selber spielt die kretische Lyra, er lebt in Griechenland und ist dort auch ziemlich bekannt. In Deutschland tritt er auch oft in der traditionellen Szene auf.

Wir haben also auf Rhodos gespielt, allerdings konnten wir aus finanziellen Gründen nicht alle fünf fahren. Wir mussten einen Percussionisten zuhause lassen, der uns sehr fehlte. Aber Konzert war gut besucht und die Musik kam gut an. Es gab da unten viel gute Musik, mit bulgarischen, tunesischen, griechischen und schwedischen Musikern.

Seit dieser Reise haben wir einige Male in der Bretagne gespielt: in Saint-Brieuc, im großen Saal des Nationaltheaters "La Passarelle". Dann in Carhaix im "Espace Glenmor", im neuen "Théâtre de Cornouaille" in Quimper und in der Woche darauf beim Festival Interceltique in Lorient. Unsere nächsten Auftritte haben wir bei der großen Jubiläumsfeier von Dastum in Pontivy.

Du siehst also, es wird höchste Zeit, dass wir mit dieser Gruppe eine Platte herausbringen. Ich stehe nicht so unbedingt darauf, am laufenden Band neue Platten zu produzieren, aber wenn man etwas wichtiges zu präsentieren hat, wenn die Musik stark genug ist in ihrer Aussage, ich glaube, dann muß man ins Studio.
Wahrscheinlich werde ich selber irgendwann in 2004 auch ein neues Soloalbum aufnehmen, vielleicht auch erst 2005...
Wenn man eine Platte aufnimmt, dann bedeutet das auch immer, dass man einen Teil des eigenen Repertoires zurückstellt, um etwas anderes zu realisieren. Die Produktion einer Platte bewirkt auch immer eine gewisse Weiterentwicklung.
Aber diess Projekt für ein Soloalbum steht erst an, wenn all die anderen Projekte, von denen ich dir erzählt habe, abgeschlossen sind. Alles zu seiner Zeit!

Hast du auf deinen "offenen Brief", mit dem du 2001 den "Prix Produit en Bretagne" abgelehnt hast, Reaktionen erhalten ?

Es gab viele Reaktionen. Eigentümlicherweise kamen viele Reaktionen vor allem aus der traditionellen Musikszene in ganz Frankreich. Gar nicht so viele aus der Bretagne, aber viele aus Nordfrankreich, aus dem Zentrum, von überall her - vielleicht war das so, weil es diesen Artikel im Trad Magazin gab (Dominique Le Guichaoua hatte mich zu diesem Punkt interviewt), in dem ich die Gelegenheit erhielt, meine Gedanken im einzelnen darzulegen.
Jean-Michel Veillon zuhause in Cavan im Trégor Die Reaktionen, die ich aus der Bretagne und von anderswo erhielt, waren positiv. Und zuguter letzt sagte ich mir, dass meine Entscheidung (ein Ergebnis meiner schlechte - oder auch meiner guten Laune, ich weiß nicht so recht !) durchaus Sinn gemacht hat. Es wird deutlich, dass viele andere das, was mich ärgert, ebenfalls sehen und dass sie sich der Probleme bewusst sind, die versucht habe aufzuzeigen.
Ich war eine ganze Weile unsicher in dieser Hinsicht, aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass es viele Leute gibt, die es beunruhigt, welchen unverhältnismässig großen Raum der Kommerz einnimmt - oder bezeichnen wir es vielleicht eher als den Raum, den die Gesetze des Marktes (des liberalen Wirtschaftssystems) in unser aller Leben einnehmen. In der Musik ebenso wir überall !

Ich bin bei weitem nicht der einzige, der sich mit diesem Problem beschäftigt. Es gibt viele, die sich diese Fragen stellen. Ich habe beschlossen, den "Prix Produit en Bretagne" abzulehnen, um eben diese Diskussion ins Zentrum unseres Blickfeldes zu rücken. Es ist nicht einfach, diese Diskussion in Gang zu bringen oder sie in Gang zu halten, weil es bestimmte Personen und bestimmte große Organisationen gibt, die am liebsten gar nicht darüber sprechen wollen.
Es liegt nicht in ihrem Interesse, darüber zu sprechen - besser gesagt, es liegt in ihrem Interesse, dass nicht über diese Dinge gesprochen wird!

Warst du der einzige, der über diese Probleme gesprochen hat ?

Ja und nein. Innerhalb der kleinen Welt der traditionellen bretonischen Musik trifft das schon zu. Da bin ich einer von ganz wenigen. Es gibt schon noch ein paar andere, die darüber sprechen, aber nicht überall und schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Sie sprechen darüber, wenn sie unter sich sind.

Im Gegensatz dazu wird das Problem der Allgegenwärtigkeit und der Allmacht der Wirtschaft und der Gesetze des Marktes, der Allmacht der Kommerzialisierung und ihrer Regeln in der Presse oft thematisiert. Das Thema wird zwar oft angesprochen, aber nur wenige reagieren darauf ! Und trotzdem betrifft diese Vorherrschaft der Konsumgesetze uns alle, weil sie überall die Sozialsysteme ebenso attackieren wie die Gesundheitssysteme, die Erziehungssysteme u.s.w.

Alle reden darüber und sind beunruhigt ! Dieses Problem schlägt sich in allen Bereichen unseres alltäglichen Lebens nieder und ich bin davon überzeugt, dass ich in dem Bereich, der mich ganz persönlich betrifft - im künstlerischen Bereich - dagegen vorgehen kann und muß. Ich will darüber reden und die beste Methode, das deutlich zu machen, war zu sagen:ich habe ein Problem mit der gegenwärtigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung. Und der "Prix Produit en Bretagne" ist ein direktes Produkt dieser Diktatur des Wirtschaftssektors. Also kann und will ich diesen Preis nicht annehmen. Ich will ihn nicht, weil da irgendetwas nicht stimmt., irgendetwas fehlt, ist widersprüchlich und verlogen: man gibt vor, die bretonische Sprache und Kultur zu unterstützen, aber in Wahrheit steckt etwas ganz anderes dahinter. Und das ist das absolute Primat der ausbeuterischen Gesetze des Marktes!

Es gibt nicht nur die Bretagne! Ich glaube, andere Zusammenhänge sind da sehr aufschlussreich. Ich denke da an eine ganz bestimmte Persönlichkeit. Ich weiß nicht, ob man ihn in Deutschland kennt. In Frankreich ist er sehr bekannt - und er hat das Problem der kommerziellen Ausbeutung in seinem persönlichen beruflichen Bereich thematisiert: Es handelt sich dabei um José Bové. Er hat sehr direkt reagiert, indem er ganz einfach ein Fast Food Restaurant von McDonald's zerlegt hat. Das Problem, das ich mit meiner Ablehnung eines kommerziellen Preises in Bezug auf die bretonische Kultur zum Thema gemacht habe, das ist José Bové sehr direkt angegangen, indem er radikal gehandelt hat: er hat eine McDonald's-Filiale in ihre Einzelteile zerlegt! Ich finde, er hatte recht.

Warum muß sich alles nach dieser Profitsucht richten. Ist denn die bretonische Kultur nichts weiter als ein Verkaufsetikett ? Und ist das Etikett "Produit en Bretagne" wirklich eine Garantie für gute Qualität ? Ich damit überhaupt nicht einverstanden. Meiner Meinung nach macht sich "Produit en Bretagne" über die Leute lustig.
Ich glaube dennoch, dass nun eine umfassendere Debatte auch in der Bretagne in Gang kommt. Es gibt Leute, die darüber sprechen. Aber es dauert lange genug, bis diese Diskussion in Schwung kommt, und das liegt daran, dass die Leute bei uns nicht gerne mit ihrer Meinung hausieren gehen.

Gestern Abend erst war ich auf einem großen fest-noz, wo ich einige befreundete Musiker getroffen habe und wir haben über diese Probleme gesprochen. Wir haben auch über die Label, über die Plattenfirmen, über die Produzenten und über unsere Arbeitsbedingungen gesprochen. Für die Musiker wird das mehr und mehr zum Thema...

Was hältst du davon, dass in den letzten Jahren immer mehr Platten produziert wurden ? Gibt es überhaupt ein Publikum, dass all das kauft ? Und können bretonische Musiker von ihrer Musik leben ?

Ich glaube.... nein! Ich denke nicht, dass die Musiker davon leben können. Ich bin der Meinung, dass es bereits viele Platten gibt, die veröffentlicht werden, aber ich schätze, dass sich das in den kommenden Jahren ziemlich reduzieren wird. Es einen Trend, aber dieser Trend, diese Mode sind vor allem von den Medien und von bestimmten Plattenfirmen erzeugt worden zu dem Zweck, möglichst viele Käufer anzulocken und möglichst viel Gewinn zu machen.
Jean-Michel Veillon in seinem Studio in Cavan Die Werbung schafft ein Bedürfnis und die Konsumenten kommen angerannt und sind total begeistert: ah, die keltische Musik, die bretonische Musik, ah - die Kelten ! Und so konsumieren die Verbraucher das keltische (Musik, Aufkleber und Zeitschriften ebenso wie Crêpes, die Ringelhemden, lackierte Holzschuhe und cidre bouché...). Das ist ein großer Trend. Das hält nicht lange an...

Ebenso, wie sich einige Musiker gut an diese Situation anpassen gibt es auch andere, die damit nichts zu tun haben wollen, die sich still verhalten. Wie beispielsweise die frères Molard, die in dieser ganzen Zeit ihrer Vorstellung von musikalischer Qualität treu geblieben sind, die aber nicht sehr viele Platten herausgebracht haben. Trotzdem haben sie mit Gruppen wie Gwerz doch etwas ganz herausragendes geschaffen. Zur Zeit hört man nicht so viel von ihnen, aber ich glaube, dass man bald wieder mehr von ihnen hören wird. Bei Pennoù Skoulm habe ich das Vergnügen, mit ihnen zusammen zu arbeiten.

In dieser Hinsicht konnte die erdrückende Macht der Kommerzialisierung, von der ich gesprochen habe, nicht verhindern, dass bestimmte sehr gute Platten veröffentlicht wurden. In der Bretagne gibt es heutzutage viele sehr gute Musiker und so gibt es auch einige gute Platten. Ich glaube aber auch, dass es da einige Platten gibt, die nicht unbedingt notwendig gewesen wären oder die ruhig noch ein paar Jahre hätten reifen sollen, bevor sie die Regale der Plattenläden füllen...

(Interview und Übersetzung: Willi Rodrian, 2002/2003)

Kontakt: jmveillon@mageos.com

Discographie:

1993 E KOAD NIZAN
1995 PONT GWENN HA PONT STANG
1999 ER PASKER
2000 BEO !

Mitwirkung bei folgenden CDs:

1981 KORNOG 1
1983 KORNOG: Première, Live in Minneapolis
1984 KORNOG: Ar Seizh Avel
1986 KORNOG IV: Kanaouennou an Aod
2000 KORNOG: Korong
1988 DAÑS: Musique à Danser de Bretagne
1989 BARZAZ: Ec'honder
1989 DEN: Just Around the Window
1990 PENNOU SKOULM: Pennoù Skoulm
1992 BARZAZ: An Den Kozh Dall
1993 SIBERIL: Digor
1994 BRO DREGER VI: Konskried
1994 GENTY: La Couleur du Milieu
1994 DAN AR BRAZ: Héritage des Celtes
1995 BAGAD KEMPER: Lip Ar Maout CD Keltia-Musique KMCD50
1995 DAN AR BRAZ: Héritage des Celtes Live
1995 BRO DREGER VIII: Flûte traversière en Trégor
1996 AN TOUR-TAN: Penn-Ar-Bed
1996 BRO DREGER: Flûtes en Trégor
1997 AN TOUR-TAN: Live
1998 ALAIN GENTY: Le Grand Encrier
1998 FRED GUICHEN: La Lune Noire
2002 GILLES LE BIGOT: empreintes