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Jean-Michel Veillon: Er Pasker
Jean-Michel Veillon & Yvon Riou: Beo !
Kornog Première, Live in Minneapolis
Kornog IV

Bro Dreger VI: Konskried
An Tour Tan: Penn-Ar-Bed
An Tour Tan: Live
Alain Genty: Le Grand Encrier
Fred Guichen: La Lune Noir
Knalleffekt

Jean-Michel Veillon lehnt den Grand Prix du Disque
"Produit en Bretagne" ab.




(von Dominique Le Guichaoua, das Original-Interview erscheint in der Ausgabe
N° 80, November/Dezember des französischen TRAD Magazine)

Im Rahmen des diesjährigen "Festival Interceltique de Lorient" fand am 8.August 2001 die feierliche Verleihung des Preises "Produit en Bretagne" statt. Mit diesem Preis werden jedes Jahr drei aktuelle Musikalben ausgezeichnet. Die Initiative zu diesem Preis geht auf den gleichnamigen Zusammenschluß von ca. 120 Unternehmen aus den Bereichen, Ausrüstungsgüter, Landwirtschaft, Vertrieb, Dienstleistung und Kultur zurück.
Unter dem Motto "Un savoir faire 100% breton" haben es sich diese Unternehmen zum Ziel gestzt, die gemeinsame Werbung von etwa 2000 Produkten sicherzustellen, die für die Qualität ihrer Produkte stehen soll und mit dem Logo , einem gelb-blauen Leuchtturm ausgezeichnet werden. Dabei handelt es sich um Fischerzeugnisse, Fleischwaren, Metzgereiprodukte, Molkereierzeugnisse, Getränke oder auch Textilwaren, Bücher und Platten.

Der Flötist Jean-Michel Veillon hat sich nun mit aller Macht gegen eben diese Idee gewandt, Konsumgüter aller Art mit Erzeugnissen aus dem Kunstbereich gleichzusetzen. Für die CD "Beo" (Duo Veillon/Riou) war er dieses Jahr als Preisträger ausgewählt worden und nun hat er persönlich abgelehnt, diesen Preis anzunehmen, da er den kaufmännischen Geist verurteilt, mit dem die Unternehmen sich daran machen, jeden nur erdenklichen kulturellen Aspekt auszubeuten, der ihren Erzeugnissen einen regionalen Anstrich zu geben vermag.


Erklärungsversuche

Wie hast du erfahren, daß der Preis "Produit en Bretagne" für das Album "Beo" an das Duo Veillon - Riou vergeben wurde?

Logo 'Produit en Bretagne' An Naer Produksion haben mich vorher informiert und sie haben mich gebeten mit Yvon Riou zur Preisverleihung am Mittwoch, dem 8.August im Rahmen des "Festival Interceltique de Lorient" zu kommen. Weder Yvon noch ich hatten Zeit um daran teilzunehmen und das erklärt auch, warum ich einen offenen Brief geschrieben habe, in dem ich persönlich dazu Stellung nehme und auch unsere Abwesenheit an diesem Tag entschuldige.

Die Platte wurde wurde sicherlich von An Naer Produksion, eurem Plattenproduzenten, für den Preis vorgeschlagen?

Ja. Aber es gab da ein Mißverständnis zwischen An Naer Produksion und dem Duo. Soweit es mich betrifft, hätte ich es besser gefunden, wenn wir vorher darüber gesprochen hätten und wenn unsere CD nicht in der Auswahl für diesen Preis gewesen wäre. Aber gut, was auch immer das Mißverständnis gewesen sein mag, man muß das jetzt so akzeptieren. Und meine Art damit umzugehen ist eben, daß ich sehr offen sage, daß ich keinen Wert auf diesen Preis lege und ich erkläre auch, warum. Dabei beziehe ich ganz persönlich Position. Meine guten Beziehungen zu Yvon Riou und An Naer stellt das allerdings in keiner Weise in Frage.

"...seit mehreren Jahren erleben wir in der Bretagne, daß der Einfluß bestimmter wirtschaftlicher Unternehmen im Bereich von Kunst und Kultur immer erdrückender wird."

Was hat dich persönlich veranlaßt, den Preis abzulehnen?

In erster Linie geht das zurück auf eine Beobachtung, die mich beunruhigt und verwirrt:
seit mehreren Jahren erleben wir in der Bretagne, daß der Einfluß bestimmter wirtschaftlicher Unternehmen im Bereich von Kunst und Kultur immer erdrückender wird. Diese Unternehmen, die sich manchmal - wie es auch beim Komitee "Produit en Bretagne" der Fall ist - zusammengeschlossen haben, nutzen jeden kulturellen Aspekt aus, der ihnen irgendwie dazu dient, ihren Produkten oder ihren Dienstleistungen einen regionalen Anstrich zu geben, und das beuten sie aus. Das stellt für mich das erste Problem dar, weil bestimmte Künstler dadurch, daß sie sich die Insignien dieser Firmen nur allzu gerne aufs Hemd schreiben und sich damit auch für die Verhaltens- und Denkweisen der Bosse dieser Firmen verbürgen.

Warum denn auch nicht, was meinst du?

Jean-Michel VEILLON Weil das zweite Problem darin besteht, daß die Sichtweise dieser Unternehmen Kreativität und künstlerisches Schaffen auf Verkaufsargumente reduziert, während sie gleichzeitig jedes Produkt künstlerischen Schaffens zu einem Produkt des Alltagskonsums macht. Und so verpaßt das Komitee von "Produit en Bretagne" dann sein Logo völlig wahllos einer CD, einem Pfund Butter oder einer Flasche Milch.

"Nach deren Verständnis zählt nur der Markt, und die Gesetze des Marktes machen da keine Unterschiede. Auch die Kultur und der Bereich künstlerischen Schaffen entgehen diesen Mechanismen nicht. Ich weigere mich diese Sichtweise anzunehmen, die künstlerisches Schaffen an sich und auch die Künstler, die davon leben, aufs Spiel setzen. Also lehne ich auch den Preis ab, der für eben diese Sichtweise steht."

Und das ist auch der Beleg dafür, daß für die Mitglieder dieses Komites nur das von Wert ist, was sich verkaufen läßt. Nach deren Verständnis zählt nur der Markt, und die Gesetze des Marktes machen da keine Unterschiede. Auch die Kultur und der Bereich künstlerischen Schaffen entgehen diesen Mechanismen nicht. Ich weigere mich diese Sichtweise anzunehmen, die künstlerisches Schaffen an sich und auch die Künstler, die davon leben, aufs Spiel setzen. Also lehne ich auch den Preis ab, der für eben diese Sichtweise steht.

Was schockiert dich daran, daß die bretonische Kultur und die Wirtschaft eine Verbindung eingehen und wie erklärst du deine Aussage vom "scheinheilige Begeisterung zahlreicher regionaler Künstler und Journalisten" ?

Erinnern wir uns als erstes einmal daran, daß es die Bretagne in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht oft erlebt hat, daß ihre Kultur oder auch die Wirtschaft so viel Interesse fanden. Vielleicht ist es das, was heutzutage diese scheinheilige Begeisterung bestimmter bretonischer Künstler, Journalisten und "militants" erklärt... Jean-Michel Veillon, Yvon Riou und Ifig Troadec live

Es schockiert mich nicht besonders, daß die bretonische Kultur oder irgendeine andere Kultur mit der Wirtschaft zusammengehen. Der Vetrieb fast aller künstlerischen Produkte macht es unter anderem notwendig, daß man die Gesetze des Marktes nutzt, eben auch die wirtschaftlichen. In der Tat wäre ich sehr unaufrichtig, wenn ich das verleugnen würde. Ich selber nehme Platten auf, die im Handel vertrieben werden.

"Anders ausgedrückt, die bretonische Kultur muß sich an die wirtschaftlichen Gesichtspunkten unterwerfen, weil ihr Wert nur davon abhängt, wie gut sie in der Lage ist, sich vermarkten zu lassen: genau das ist die Logik von "Produit en Bretagne" und ich bin der Meinung, daß man dem widersprechen muß."

Ich finde vielmehr die Übertreibungen und den Blödsinn erschreckend, die dazu beitragen, die Beziehungen zwischen Kultur und Wirtschaft völlig übertrieben darzustellen: "die bretonische Kultur tut sich nun endlich mit der Wirtschaft zusammen", das ist ein Satz, den man in den vergangenen Jahren von Vetretern aus Kultur und Wirtschaft oft lesen und hören konnte, und sogar von den politischen Vertretern (und das ist meiner Meinung nach der Gipfel). Diese Aussage läßt schließlich den Schluß zu, daß dieser "Zusammenschluß" soviel bedeutet wie Adaption, Modernisierung und Fortschritt: ohne diesen "Zusammenschluß" hätte die bretonische Kultur wohl keine Zukunft.

Anders ausgedrückt, die bretonische Kultur muß sich an die wirtschaftlichen Gesichtspunkten unterwerfen, weil ihr Wert nur davon abhängt, wie gut sie in der Lage ist, sich vermarkten zu lassen: genau das ist die Logik von "Produit en Bretagne" und ich bin der Meinung, daß man dem widersprechen muß.

Wir sollten außerdem erkennen, daß diese Lobeshymnen zwar darauf abheben, daß es sich dabei um "bretonische Kultur" handelt, daß man sich aber gut davor in Acht nehmen muß, daß die "bretonische Kultur" auf diese Weise nicht zu einem Synonym für "Wirtschaft" gerät. Duo Veillon & Riou

Warum sagt man nicht gerade heraus "freie Marktwirtschaft" oder "Kapitalismus", denn genau darum handelt es sich schließlich? Wenn man sich schon über etwas freut, dann sollte man doch auch ganz genau wissen, worüber!

Wie kommt es deiner Meinung nach, daß sich regionale Kulturen und insbesondere die bretonische Kultur heutzutage bei der Wirtschaft so begehrt sind?

Das liegt daran, daß das kapitalistische System nichts anderes kann, als sich alles einzuverleiben, was irgendeinen Profit verspricht, in der Bretagne genauso wie woanders. Der Kulturkampf, den die unabhängigen Organisationen (ohne wirtschaftliche Ziele) und einige politische (nicht radikale) Gruppierungen seit Jahren in der Bretagne führen, war lebhaft und heftig, sowohl was die Musik angeht als auch im Bereich der Sprache und zweifellos hat das dazu beigetragen, den regionalistischen ebenso wie den europäischen Gedanken zu verbreiten. Aber angesichts des traurigen Fehlens einer offiziellen Politik, die endlich die Wirklichkeit in den Regionen anerkennt, traten die privaten Investoren auf den Plan und gaben vor, ihre Hilfe anzubieten. Es ging ihnen darum, die Früchte der Bemühungen zu ernten, denen sie noch kurz zuvor völlig gleichgültig gegenüberstanden.
Es gelang ihnen, als ernsthafte Regionalisten durchzugehen - im Endeffekt glaubten sie vielleicht sogar selbst daran. Letztendlich geht es ihnen aber nur darum, den Staat zurückzudrängen und das macht ihnen das Feld frei für ihre kapitalistischen Anschauungen.

Welche Beobachtungen konntest du im Laufe deiner Reisen in anderen europäischen Regionen machen?

Ich konnte das Problem der Wiederbelebung und der liberalen "Wiederverwertung" regionalistischer Ideen, mit diversen Varianten, auf lokaler Ebene in Norditalien, im Spanien und in Irland beobachten...
Aber wenn du das genauer wissen willst, wende dich an die Journalisten, es ist ihre Aufgabe, diese Dinge aufzuklären.
Allgemeiner ausgedrückt handelt es sich um die ewige Frage, wer die Kultur kontrolliert und wer über ihren Stellenwert in der Gesellschaft bestimmt, und für mich handelt es sich dabei um eine der zentralen Auseinandersetzungen zu Beginn dieses Jahrhunderts.
Überall in Europa, wo ich war, auch in den USA, konnte ich das feststellen.

Kannst du uns sagen, auf welche Weise deine Musik sich den Regeln des Markte widersetzt oder dagegen protestiert ?

Meine Musik widersetzt sich den Gesetzen des Marktes nicht. Es ist ganz einfach so, daß sie, so wie sie nun mal ist, nicht den Anforderungen eines bestimmten ästhetischen Formats entspricht und deshalb nicht als Objekt des alltäglichen Konsums in Frage kommt.
Auf diese Weise widersetzt sie sich einem bestimmten musikalischen Konzept, das vor allem die Verkaufszahlen im Auge hat: betäubend, überall und jederzeit einsetzbar, sofort gewinnbringend einerseits und Wegwerfware auf der anderen Seite.

Welche Ideen verbergen sich deiner Meinung nach hinter dem Titel "Produit en Bretagne"?

Zumindest diese: die Vitalität der aktuellen bretonischen Kultur als Verkaufsargument zu benutzen. Um was zu verkaufen? Ich glaube, daß hinter all dem mehr steckt als das Interesse an der Kultur... Zweifellos verbergen sich hinter diesem Namen noch andere Ideen, aber das herauszufinden macht eine journalistische Recherche notwendig. Und ich bin schließlich Musiker und nicht Journalist.

Wie erklärst du dir die Tatsache, daß Persönlichkeiten aus dem Bereich der bretonischen Kultur, die Mitglieder der Jury sind, den Eindruck, den dieser Preis macht, so wenig berücksichtigen?

"Leider ist das eine ganz typische Situation für die Bretagne: nach so vielen Jahren kultureller Unterdrückung mißtraut man dem Staat mehr als den "von der Vorsehung geschickten" Geschäftsleuten, die sich nun ganz plötzlich auf die bretonischen Wurzeln und Beweggründe zurückbesinnen."

Ich glaube, daß die Mehrzahl derer, die sich bei "Produit en Bretagne" als Mitglieder der Jury beworben haben, sehr ernsthafte Leute sind und glauben, daß sie sich auf diese Weise effektiv für ihre Region einsetzen. Sie sind der Meinung, daß sie die Kultur und Wirtschaft auf diese Weise unterstützen. Dort, wo die bretonische Kultur gefeiert wird, da verstehen sie nicht, warum es damit irgendein moralisches Problem geben sollte oder irgenwelche Fehlentwicklungen.

Leider ist das eine ganz typische Situation für die Bretagne: nach so vielen Jahren kultureller Unterdrückung mißtraut man dem Staat mehr als den "von der Vorsehung geschickten" Geschäftsleuten, die sich nun ganz plötzlich auf die bretonischen Wurzeln und Beweggründe zurückbesinnen.

Vor einigen Monaten haben deine diesbezüglichen Fragen anläßlich eines Konzertes der Gruppe "An Tour Tan", bei der du selber mitgespielt hast, ziemliche hohe Wogen geschlagen. Kurz darauf hast du die Gruppe verlassen. Kannst du dazu etwas sagen?

Tatsächlich habe ich dem Pianisten Didier Squiban in Bezug auf das Sponsoring im Zusammenhang mit seiner Gruppe An Tour Tan, bei der ich ebenfalls mitgespielt habe, schriftlich einige Fragen gestellt.

Dadurch, daß ich es gewagt habe, diese Fragen zu stellen, habe ich mir den persönlichen Zorn des Sponsors zugezogen, der übrigens auch Mitglied des Komites von "Produit en Bretagne" ist. Auch ich habe ziemlich heftig reagiert, aber glücklicherweise hat sich daraus eine etwas friedlichere Diskussion entwickelt. Das was ich im Laufe dieser Debatte erfahren habe, das hat meine Zweifel zur Genüge bestätigt und ich habe An Tour Tan in der darauffolgenden Woche verlassen.


(Übersetzung: Willi Rodrian, 2001)

Kontakt: jmveillon@wanadoo.fr

Discographie:

1993 E KOAD NIZAN
1995 PONT GWENN HA PONT STANG
1999 ER PASKER
2000 BEO !

Mitwirkung bei folgenden CDs:

1981 KORNOG 1
1983 KORNOG: Première, Live in Minneapolis
1984 KORNOG: Ar Seizh Avel
1986 KORNOG IV: Kanaouennou an Aod
2000 KORNOG: Korong
1988 DAŃS: Musique à Danser de Bretagne
1989 BARZAZ: Ec'honder
1989 DEN: Just Around the Window
1990 PENNOU SKOULM: Pennoù Skoulm
1992 BARZAZ: An Den Kozh Dall
1993 SIBERIL: Digor
1994 BRO DREGER VI: Konskried
1994 GENTY: La Couleur du Milieu
1994 DAN AR BRAZ: Héritage des Celtes
1995 BAGAD KEMPER: Lip Ar Maout CD Keltia-Musique KMCD50
1995 DAN AR BRAZ: Héritage des Celtes Live
1995 BRO DREGER VIII: Flûte traversière en Trégor
1996 AN TOUR-TAN: Penn-Ar-Bed
1996 BRO DREGER: Flûtes en Trégor
1997 AN TOUR-TAN: Live
1998 ALAIN GENTY: Le Grand Encrier
1998 FRED GUICHEN: La Lune Noire