Laurent TIXIER / YOLE
Laurent Tixier (photo: Franck GUAREAU)

Ich kenne weder die musikalische Tradition der Vendée noch die früheren Alben von Yole, Francis Tixier oder den anderen Mitgliedern der Gruppe. Darüber wüßte ich gerne mehr - auch über die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen der traditionellen Musik der Bretagne und der Vendée ?

Als ich vor mittlerweile 12 Jahren die Gruppe YOLE gründete, da ging es darum, das traditionelle Repertoire der Vendée bekannter zu machen und die traditionellen Instrumente dieser Region wiederzuentdecken. Gerade auch deswegen, weil ich bereits seit 1983 die Lieder und die Musik der Vendée sammle.

Louis-Marie MOREAU (Photo: Franck GUAREAU) Louis-Marie MOREAU war zur gleichen Zeit in seiner Gegend auch mit einer derartigen Recherche beschäftigt, allerdings mit dem Augenmerk vor allem auf die vokale Tradition (insbesondere die Erzähltradition).

Meine Ausgangspunkt war dabei die Rennaissance der Bordun-Instrumente, ganz besonders die der Drehleier. Dadurch bot sich mir dann auch die Gelegenheit, meine Recherchen zu veröffentlichen.

Mit der Geschichte von YOLE bin ich natürlich selbst ziemlich eng verbunden. Meiner Meinung nach muß man die verschiedenen Alben von YOLE kennen, um die Entwicklung der Gruppe verstehen zu können.

Es ist so, daß jedes einzelne Album einen Fortschritt belegt, und das sowohl hinsichtlich der Interpretation vorhandener Quellen ebenso wie bezüglich der Arrangements und der Idee, die dahintersteckt.

Jede der Platten stellte für mich eine Gelegenheit dar, mit neuen Klängen zu experimentieren und neue, zeitgemäßere Ansätze zu finden, aber ohne dabei die wesentliche Grundlage von YOLE außer acht zu lassen: unsere Wurzeln und die regionale Identität der Gruppe, die in der Vendée verhaftet ist.

Was nun die Frage nach den Unterschieden und den Gemeinsamkeiten zwischen der bretonischen Musik und der Musik der Vendée angeht, da muß man als erstes wissen, daß die Grenzen zwischen der Vendée und der Bretagne sehr durchlässig sind. Folglich sind auch die Einflüsse in beiden Richtungen deutlich sichtbar.
Früher habe ich meine musikalische Recherchen auch in der Umgebung von Rennes (dem wirtschaftlichen Zentrum der Bretagne) durchgeführt und es ist so, daß diese gesamte "östliche" Region, die man auch als "Pays Gallo" bezeichnet, sehr deutliche Gemeinsamkeiten mit dem Repertoire der Vendée aufweist. Das betrifft die Verwendung des Instrumentariums (der Gebrauch der Drehleier, der Violine, der diatonischen Klarinette und des diatonischen Akordeons...) ebenso wie die sehr starke Beziehungen unsere Kultur zum Meer, zum Ozean, ein der Gemeinsamkeiten mit den Bretonen.
Konzert der Gruppe YOLE am 2.Oktober 2001 in der 'Manège Scène nationale' in La Roche sur Yon (Photo: Franck GUAREAU)
Darüber hinaus muß man sich auch im klaren sein, daß die Vendée in der Antike das Land der "Pictons" war, die ein keltisches Volk "par excellence" waren. Auch diese haben Menhire errichtet, die im leider XIX.Jahrhundert verschwanden, den "alignements" von Carnac allerdings in keiner Weise nachstanden.
Wir sollten außerdem nicht vergessen, daß es zwischen den "Pictons" der Vendée und den "Pikten" Schottlands eine sonderbare Verbindung gibt. Außergewöhnlich ist vor allem die linguistischen Übereinstimmung.

Ein gewisser "Vorteil" der Musik der Vendée besteht vielleicht darin, daß ihre Kultur etwas "romanisierter" ist. Die "Pictons" akzeptierten sehr schnell den berühmten "römischen Frieden" (pax romana), der ihnen von Rom angeboten wurde. Aus diesem Grund gibt es in dieser Musik etwas mehr "Offenheit" für äußere Einflüsse.

Yann-Fañch Kemener hat das Vorwort der CD "Atlantic" verfaßt und in dem Interview im TRAD Magazine bezeichnen Sie ihn als jemanden, der Ihnen sehr nah steht. Wie ist das zu verstehen ?

Meine Beziehung zu Yann-Fañch Kemener, das ist eine Art Seelenverwandschaft. Wir verstehen uns in vielerlei Hinsicht sehr gut. Vor allem haben wir kein Interesse daran, uns in sinnlosen Diskussionen zu verlieren, da unsere Beziehung ganz anders funktioniert.

Aber um Ihnen etwas an die Hand zu geben, was vielleicht die Neugier befriedigt - es ist so, daß ich aus derselben Gegend stamme wie Yann-Fañch. Diese Beziehung erinnert mich immer daran, daß ich mütterlicherseits bretonischer Abstammung bin (Le Gloannec im pays Fisel) und daß die die mütterlichen Wurzeln viel stärker sind als die des Vaters.
Schließlich stellt ja auch der Planet Erde das weibliche Prinzip dar in seiner Beziehung zur Sonne, dem männlichem Prinzip (Anm.d.Verf.: bei diesem Vergleich handelt es sich um eine französisch-linguistische Eigenheit).

Obwohl ich die ersten 5 Lebensjahre in der Bretagne verbracht habe, so habe ich dennoch meine gesamte Kindheit in Saint Gilles Croix de Vie in der Vendée, an den Ufern des Atlantik verbracht. Und sagt nicht auch Saint Exupéry: "On est du pays de son enfance".
Konzert der Gruppe YOLE am 2.Oktober 2001 in der 'Manège Scène nationale' in La Roche sur Yon (Photo: Franck GUAREAU)
Am 2.Oktober 2001 fand die Uraufführung der Inszenierung "Atlantic" statt. Ich kenne lediglich die Photos aus dem sehr gut gestalteten Pressedossier. Stellt diese Inszenierung eine Umsetzung der Musik in Bilder dar oder gibt es da auch so etwas wie eine Geschichte, eine Handlung ? Und wie hat das Publikum das aufgenommen?

Mit der Schöpfung "Atlantic" beabsichtigen wir die Zuschauer mit den Gesängen und der Musik, die das Konzert präsentiert, in "Traumschiffe" zu versetzen. Jeder Zuschauer ist ein Reisender, der gemeinsam mit uns die großartigen menschlichen Reisen erlebt, die Dramen, die sich auf den Meeren abgespielt haben, die Esoterik des Ozeans und die Sagenwelt, die mit dem Element "Wasser" verbunden ist.

Um das zu gestalten haben wir uns an Jacques Rouveyrollis gewandt (der als bester Bühnenbeleuchter die Auszeichnung "Molière 2000" erhielt) und an Jean-Renaud Garcia (früher bei der Compagnie Renaud-Barrault und bei der Comédie française...).

Das Publikum hat die Aufführung sehr herzlich aufgenommen. Das konnten wir auch daran feststellen, dass etliche der 800 Zuschauer das Albums am Ende des Konzerts gekauft haben. Darüber hinaus hat auch die Presse in ihren zahlreichen Artikeln dieses Unternehmen sehr gut besprochen, sowohl was die szenische Umsetzung angeht als auch in Bezug auf das Album.

Das Album "Atlantic" von Yole wird mit Bezeichnungen wie "Nouvelle Tendance" oder/und "Musiques Actuelles" beschrieben. Was verbirgt sich hinter diesen Konzepten ?

'Atlantic', das neue Album der Gruppe YOLE Das Konzept "Nouvelle Tendance" neigt dazu, der traditionellen Musik, der lange Zeit enge Grenzen gesetzt waren und die sehr auf sich selbst bezogen war, ein neues Selbstverständnis zu verleihen.
Alles verändert sich und nichts bleibt wie es ist. Das Leben selber ist in permanenter Veränderung begriffen und folglich erscheint es mir absolut notwendig, unser kulturelles Erbe für äußere Einflüsse zu öffnen, dabei jedoch gleichzeitig unsere Zugehörigkeit zu den eigenen kulturellen Ursprüngen zu bekunden.
Ganz offensichtlich ist dies nicht unvereinbar und man muß sich ja nur mal die Geschichte der Menschheit vor Augen halten, um sich davon zu überzeugen. Dementsprechend gibt es dann eben glücklichere und weniger glückliche Vermählungen dieser Art.

Dieser Ansatz der "Nouvelle Tendance" eröffnet uns die Gelegenheit, uns wie echte Alchimisten zu betätigen, die sich immer wieder auf der Suche nach der perfekten Harmonie befinden und dabei noch wenig erforschte Wege beschreiten.
Für Yole handelt es sich dabei um die Arbeit mit den Rhythmen und den Harmonien, wobei wir uns auf zeitgenössische musikalische Tendenzen beziehen.

Was hat es mit dem "Konzert auf dem Dach der Welt" in Nepal auf sich, das Alan Simon derzeit vorbereitet ? Worum geht es dabei ? Eine Inszenierung, was für Musik ?

Das "Konzert auf dem Dach der Welt" ist ein Projekt, das Alan Simon entwickelt hat (er war auch der Produzent und Ausführende von "Excalibur"). Im Rahmen dieses neuen Projektes, das noch viel ehrgeiziger ist als alles vorher, fanden bereits Musikaufnahmen statt, an denen ich das Glück hatte, teilnehmen zu können. Dieses Album wird voraussichtlich Ende 2002 erscheinen und das Konzert auf dem Dach der Welt wird Ende Oktober oder Anfang November 2002 in Nepal stattfinden.

Einmal abgesehen von der simplen Idee eines künstlerischen Produktes, ist "YS" (das ist der eigentliche Name des Konzeptes) eine Auftragsarbeit für EMI und die UNICEF. Es vor allem darum, eine "Charta für Rettungmaßnahmen des Planeten Erde" zu entwickeln, die dann von prominenten Forschern, Wissenschaftlern, Sportlern, Künstlern und anderen Repräsentanten der ganzen Welt unterzeichnet wird. Damit soll das Bewußtsein der Menschheit für die nicht wieder gutzumachenden globalen Schäden und für die Auswirkungen, welche die Schäden auf jeden einzelnen von uns haben werden, sensibilisiert werden. Ich unterstütze Alan Simon bei diesem gigantischen und bemerkenswerten Unternehmen nach Möglichkeiten.

Je sais qu'un article au sein de la revue "TRAD'MAGAZINE" doit paraître sur ce projet dans le numéro de janvier/février 2002, aussi je vous invite à le lire pour en connaître plus de détails. D'ailleurs c'est à Alan Simon d'exposer son projet !!

Wie steht es denn mit dem geplanten 8.Album von Yole ? Wird es sich sehr von "Atlantic" unterscheiden, oder wird es in etwa auf derselben Linie liegen ?

Tatsächlich arbeiten wir bereits an der nächsten CD von Yole. Dieses Album werden wir Ende 2002 aufnehmen, erscheinen wird es Ende 2003. Wie jedes Album von Yole wird es sich von den vorhergehenden unterscheiden, es wird anders sein, aber im Sinne der Idee einer Reise wird es dem Konzept von "Atlantic" recht ähnlich sein.
Es werden sich auch einige andere Musiker bei dem Projekt einstellen, aber momentan können wir darüber noch keine Einzelheiten veröffentlichen.

(Interview und Übersetzung: Willi Rodrian, 2001 - ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von Magali Gomart)

Discographie:

1994, "A la source" (Sévéral Records)
1996, "Un Bal en Vendée" (Sévéral Records)
1998, "A 600 lieues" (Eden Production)
2001, "Atlantic" (Frémaux & Associés Productions)